Beznau 1 darf wieder ans Netz

Der Stromkonzern Axpo darf seinen Atommeiler nach drei Jahren Stillstand wieder in Betrieb nehmen. Der Entscheid der Atomaufsicht des Bundes ist höchst umstritten.

Produziert seit 1100 Tagen keinen Strom mehr: Das AKW Beznau. Foto: Thomas Egli

Produziert seit 1100 Tagen keinen Strom mehr: Das AKW Beznau. Foto: Thomas Egli

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Es war eine kleine Gruppe von Atomkraftgegnern, die sich gestern Morgen am Sitz der Atomaufsicht des Bundes (Ensi) in Brugg AG eingefunden hat. Am Abend dann wurde der – friedliche – Protest lauter und zahlreicher, nun vor den Toren des Stromkonzerns Axpo in ­Baden AG. Nach Angaben der Veranstalter demonstrierten rund 400 Personen gegen den Entscheid des Ensi, Beznau 1 wieder ans Netz zu lassen – jenen Meiler also, der im 49. Betriebsjahr steht und damit eines der dienstältesten Atomkraftwerke der Welt ist.

Seit 1100 Tagen produziert der Meiler keinen Strom mehr. Die Axpo hatte 2015 in der Stahlwand des Reaktordruck­behälters fehlerhafte Materialstellen entdeckt – das ist jener sensible Bereich, in dem die nukleare Kettenreaktion abläuft. Es handelt sich um wenige Millimeter grosse Aluminiumoxideinschlüsse. «Wir können überzeugt sagen, dass der Reaktordruckbehälter sicher ist», sagte Ensi-Direktor Hans Wanner gestern vor den Medien. Die Axpo habe den Sicherheitsnachweis «vollumfänglich erbracht», also belegt, dass die Einschlüsse «keinen negativen Einfluss auf die Sicherheit haben». Just auf diesen Standpunkt stellt sich die Axpo, seit sie im November 2016 ihren Sicherheitsnachweis eingereicht hat.

«Sicherheit an höchster Stelle»

Axpo-Chef Andrew Walo hat den Entscheid des Ensi denn auch «mit Genugtuung» zur Kenntnis genommen. 2,5 Milliarden Franken hat die Axpo bei Beznau in Nachrüstungen und Erneuerungen investiert. Der «höchst komplexe» Sicherheitsnachweis hat den Stromkonzern 350 Millionen Franken gekostet, wobei die Axpo davon 270 Millionen für die ­Beschaffung von Ersatzstrom aufwenden musste. Die Axpo will den Meiler Ende März wieder in Betrieb nehmen – bis circa 2030. Beznau wäre dann rund 60 Jahre in Betrieb. Das sei beileibe kein Sonderfall, schrieb gestern das Nuklearforum Schweiz. Weltweit würden Dutzende ähnlich alter AKW «sicher und zuverlässig» Strom liefern.

Flankiert von zwei seiner Fachleute, versuchte Walo gestern, jegliche Zweifel der Atomkraftgegner auszuräumen: «Die Sicherheit stand, steht und wird weiter an höchster Stelle stehen.» Diese Botschaft vermittelte auch Ensi-Direktor Wanner, und er versicherte, dass das Ensi sich von der Axpo nicht habe unter Druck setzen lassen. Gestützt sieht sich das Ensi durch ein internationales Expertenteam, das es eigens für diesen Fall beigezogen hat. Das Gremium sei einstimmig zum selben Schluss wie das Ensi gekommen, so Wanner.

Der Entscheid des Ensi wirft auch in Bundesbern hohe Wellen – nicht zuletzt, weil die Gegner der Atomausstiegsinitiative 2016 versichert hatten, dass die AKW nur so lange weiterlaufen werden, als sie sicher sind. Energieministerin Doris Leuthard (CVP) kommentiert den Entscheid des Ensi nicht. Das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) hält fest, das Ensi übe seine Aufsichtstätigkeit «selbstständig und unabhängig» aus.

Die Linke will den «Schrottreaktor» stilllegen.

Daran zweifeln jedoch SP und Grüne. Grund ist dafür auch ein Gerichtsverfahren, das vor dem Bundesverwaltungsgericht hängig ist. Darin werfen Umwelt­verbän­­de und Beznau-Anwohner dem Ensi vor, die Sicherheitsbestimmungen bei Erdbeben falsch anzuwenden – mit der Folge, dass Beznau am Netz bleiben dürfe. «Anstatt den Gerichtsentscheid abzuwarten, prescht das Ensi vor», sagt SP-Vizepräsident Beat Jans. Leuthards Vorgabe «Weiterbetrieb, solange sicher» verkomme so zur Worthülse. Die Linke fordert, der «Schrott­reaktor» sei für immer stillzulegen.

Für Unmut sorgt im ökologischen Lager der Plan des Bundesrats, im Zuge der laufenden Revision der Kernenergieverordnung die Sicherheitsbestimmungen «klar und eindeutig» festzulegen und damit «wieder Rechtssicherheit» herzustellen. GLP-Nationalrat Martin Bäumle wirft dem Bundesrat vor, während des Spiels die Regeln zu ändern. «Bei einer konsequenten Auslegung der heutigen Regelung ist es höchst zweifelhaft, ob die Wiederinbetriebnahme von Beznau rechtens ist.» Die Grünliberalen werden nun eine Interpellation mit Fragen an den Bundes­rat einreichen.

Braucht es Beznau 1?

Bürgerliche Politiker dagegen zeigen sich überzeugt, dass das Ensi seriös arbeite. Als diese Zeitung letzte Woche den Entscheid der Aufsichtsbehörde vorzeitig publik machte, sagte etwa FDP-­Nationalrat Christian Wasserfallen, ein Okay vonseiten des Ensi heisse, «dass die Investitionen in die Sicherheit Früchte tragen».

Kritik aus bürgerlichen Kreisen wird höchstens an der Axpo laut. «Es braucht Beznau 1 für die Versorgungssicherheit nicht», sagt CVP-Nationalrat ­Stefan Müller-Altermatt. Dies hätten die letzten drei Jahre gezeigt. Axpo-Chef Walo bestreitet das: Beznau 1 werde nun wieder einen «wertvollen» Beitrag zur einheimischen Energieproduktion und damit zur Versorgungssicherheit leisten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2018, 22:24 Uhr

Deutsches Öko-Institut bemängelt Methodenwahl

Der Sicherheitsnachweis für Beznau 1 ist laut Ensi erbracht. Doch was taugt er?

Die Analyse des Ensi ist eindeutig: Die Axpo habe den Nachweis für einen sicheren Betrieb von Beznau 1 erbracht. Dazu gehört auch die Klärung der Frage, wie der Reaktordruckbehälter reagiert, wenn er bei einem Störfall innert kurzer Zeit mit kaltem Wasser geflutet werden muss. Theoretisch kann er dann wie Glas zerbrechen; Fachleute nennen das einen Sprödbruch. Während neuer Stahl bei tiefen Temperaturen bricht, ist das bei altem, vom Neutronenbeschuss verstrahltem Stahl bereits bei hohen Temperaturen der Fall. Der Bundesrat hat definiert, wann die Temperaturgrenze für eine Ausserbetriebnahme eines Atomkraftwerks erreicht ist: bei 93 Grad.

Im Falle von Beznau liegt diese sogenannte Sprödbruch-Referenztemperatur nach den Berechnungen der Axpo bei 74 Grad, also deutlich unterhalb des Grenzwertes. Für die Bestimmung dieses Wertes hat der Stromkonzern die ­sogenannte Master-Curve-Methode angewendet; diese basiert auf bruchmechanischen Versuchen und erlaubt eine direkte Übertragbarkeit der Bruchzähigkeit auf das Bauteil.

Brisantes Resultat

Die Methodenwahl der Axpo ist jedoch umstritten. Das Öko-Institut Darmstadt in Deutschland betont, es gebe noch eine andere Methode, die auf rein empirischen Grundlagen beruhe und nicht mit Wahrscheinlichkeiten arbeite. «Diese führt zu konservativeren Resultaten und ist aus sicherheitstechnischer Sicht daher sinnvoller», sagt Expertin ­Simone Mohr. «Die Sicherheit der Bevölkerung geht vor.» Mit dieser Methode liegt die Sprödbruchtemperatur bei 98 Grad, also über dem fraglichen Grenzwert, der eine Ausserbetriebnahme eines Atommeilers nach sich zieht.

Das Ensi bestätigt diesen Wert und die Zulässigkeit der Methode. Es hält aber fest, es handle sich dabei um ein ­altes Verfahren aus den 1960er-Jahren. «Die Rechtsgrundlagen erlauben modernere Nachweismethoden», sagt Ensi-Sprecher Sebastian Hueber. Das Ensi hat daher von der Axpo verlangt, die konservativere der beiden modernen Nachweismethoden zu verwenden. Es handle sich dabei um eine Mischform aus der Master-Curve-Methode und jener aus den 1960er-Jahren. So gerechnet liegt die Sprödbruch-Referenztemperatur laut Ensi zwar bei 83 Grad, also noch immer unter dem Grenzwert. Mohr dagegen bezweifelt, dass sich der Sicherheitsnachweis für den Reaktordruckbehälter mit der Master-Curve-Methode zu hundertprozentiger Sicherheit führen lasse, da die Grundvoraussetzung für die Anwendbarkeit des Verfahrens möglicherweise bei Beznau 1 nicht gegeben sei. (sth)

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