Big Business mit Sex-Abos

SMS- und Internet-Fallen sind ein wachsendes Ärgernis. Während dubiose Anbieter am Pranger stehen, verdienen die Telecomfirmen kräftig mit – und der Bundesrat will nicht intervenieren.

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Digitale Erotikangebote sorgen seit geraumer Zeit für grossen Ärger bei Telefonkunden. Mal waren es sogenannte Premium-SMS, wo durch das Anklicken einer Textnachricht automatisch und ungewollt ein teures SMS-Abo ausgelöst wurde. Ein andermal sind es Sex-, Flirt- oder Game-Abo-Fallen: Oft reicht es, dass eine Website auf dem Handy heruntergescrollt und irrtümlicherweise irgendwo der Bildschirm berührt wird – schon schnappt die Falle zu. Im Februar musste Sunrise 17'000 betroffenen Kunden die Rechnung stornieren, weil ein Premium-SMS-Anbieter mit überhöhten und ungerechtfertigten Premium-SMS-Gebühren die Kunden abzockte. Ins­gesamt wurde so eine halbe Million Franken missbräuchlich verrechnet.

Gemäss Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Recherchen handelt es sich um die im Schwyzer Wollerau domizilierte Firma Vascom AG. Diese arbeitet eng mit den Schweizer Telekommunikationsfirmen zusammen. Was die Aufsichtsbehörden von der Firma halten, kann in einem internen E-Mail nach­gelesen werden: «Das Geschäftsmodell von Vascom ist eine ‹Sauerei›. Diese Erkenntnis setzt sich auf breiter Ebene durch», schrieb am 10. Februar René Dönni, Vizedirektor und Co-Leiter Abteilung Telecomdienste des Bundes­amtes für Kommunikation (Bakom). Dennoch sagt Sunrise auf Anfrage: «Vascom ist weiterhin Partner von Sunrise.» Und Vascom betont, dass es für sie keine rechtlichen Folgen gehabt und man sich bei Sunrise entschuldigt hätte.

Kein Wunder, sind doch die Mehrwertdienste – wie die Branche solche Sex-Angebote diskret nennt – ein gutes Geschäft. Nach Informationen des Tagesanzeiger.ch/Newsnet bekommt Sunrise 45 Prozent aus den Premium-SMS-Einnahmen, bei der Swisscom sind es 35 Prozent und bei Orange 50 Prozent. «Die Telekommunikationsfirmen verdienen damit schweinisch viel Geld», sagt ein hohes Kadermitglied aus der Bundesverwaltung.

Immerhin hat Sunrise mit der Swisscom nachgezogen und schaltet seit Februar vor einem Abo-Abschluss eine Bestätigungsseite dazwischen: «Der Kunde wird nochmals gefragt, ob er wirklich das Abo abschliessen will. Dies hat er zu bestätigen. Somit können unbeabsichtigte Vertragsabschlüsse ausgeschlossen werden», erklärt Sunrise.

Merkwürdigerweise reissen die Kundenbeschwerden und Medienberichte über die Sex-Abo-Fallen aber nicht ab. Und auch Oliver Sidler, Ombudsmann der Telekommunikation, stellt fest: «Die Anzahl von Anfragen und Fällen in der Kategorie ‹Erwachsenenunterhaltung› hat seit Mai 2014 stetig zugenommen, von 38 bis 109 im November.» Wie ein Brancheninsider erklärt, hat die Mehrwertdienstbranche offenbar eine Alternative gefunden, weiterhin ungerechtfertigte Sex-Abos zu verkaufen. Mitte November machte der Tagesanzeiger.ch/Newsnet die neue Masche publik.

20 bis 30 Millionen Umsatz

Als Folge davon kündigte die Swisscom den Vertrag mit dem Mehrwertdienstanbieter Vas Tools AG und prüft rechtliche Schritte. Pikant: Die Vas Tools hat nicht nur ihren Firmensitz an der genau gleichen Wollerauer Adresse wie Vascom. Geschäftsführer der Vas Tools und Verwaltungsratspräsident der Vascom sind ein und dieselbe Person: Cengiz Peker. Da aber keine Kundenbeschwerden vorliegen würden, bestünden laut Swisscom die Geschäftsbeziehungen mit der Vascom weiterhin.

«Etwa 70 bis 80 Prozent des Schweizer Erotik-Mehrwertdienstmarktes wird von einem Geflecht von etwa zehn Firmen kontrolliert», sagt ein Branchen­insider. Er schätzt, dass diese Firmen jährlich zwischen 20 bis 30 Millionen Franken umsetzen. Im Verwaltungsrat der Vas Tools sitzt Marcel Manz, der auch für andere Mehr­wert­dienst­anbieter tätig ist. So zum Beispiel als Geschäfts­leitungs­mitglied bei der Aargate AG in Schlieren ZH. Aargate ver­sendet nach eigenen Angaben «High-Quality-Instant-Kurznachrichten in alle Mobilnetzwerke weltweit.» In der Geschäftsleitung sitzt auch Zvonko Ljutic, der gleichzeitig einziger Verwaltungsrat der NTH AG ist.

Die in Bern ansässige NTH ist gewissermassen die Spinne im Netz, weil sie für verschiedene Mehr­wert­dienst­anbieter die technische Infrastruktur betreibt. Ihr Datenzentrum steht an der Hardturmstrasse in Zürich. Marcel Manz arbeitet wiederum als Managing Partner International für die NTH-Gruppe, die 11 Tochterfirmen mit 250 Angestellten umfasst. Alleine in Kroatien und Serbien sind es über 100 Leute im Callcenter und anderen Abteilungen. Ljutic hält fest: «Die von mir geleiteten Unternehmen nehmen im Markt für SMS-Massenversand, Callcenter und Mobile Payments europaweit eine führende Stellung ein. Entsprechend gehe ich davon aus, dass sich unter unseren zahlreichen Kunden neben Grossunternehmen wie Coop, «20 Minuten» oder die Post auch Mehrwertdienstanbieter befinden.»

Bundesrat will nichts tun

Die umstrittenen Geschäftsmethoden sind dem Bakom offensichtlich bekannt. Dies zeigt eine E-Mail-Korrespondenz zwischen dem Bundesamt und einem Hinweisgeber. So schrieb das Bakom im Auftrag von Vizedirektorin Annalise Eggi­mann, die zusammen mit René Dönni die Abteilung Telecomdienste ­leitet: «Die SMS/MMS-Mehr­wert­dienst­anbieter, die im rechtlichen Graubereich operieren, stellen ein grund­sätz­liches Problem dar. Die Branche ist in diesem Bereich durchaus kreativ.» Der Nachweis eines systematisch betrügerischen Verhaltens erweise sich aber als kaum möglich. Und: «Letztlich obliegt es auch dem Endkunden, kritisch zu evaluieren, ob ein Mehrwertdienst den gewünschten Zusatznutzen bietet.»

Die etwas hilflose Reaktion ist politisch gewollt: Die Mehrwertdienste sind nicht dem Fernmelderecht unterstellt, weshalb das Bakom nicht inter­venieren darf. Und das soll auch so bleiben. Dies hat der Bundesrat kürzlich im Rahmen der Revision des Fernmelderechts beschlossen. «Die Abo-Fallen sind ein grosses Problem. Ich fände es aber falsch, wenn die Zuteilung der SMS/MMS-Kurznummern dem Bakom unterstellt würde. Das würde nur zu mehr Büro­kratie führen», sagt Marc Furrer, Präsident der Eidgenössischen Kommunikationskommission (Comcom). «Aller­dings erwarte ich von den Telecom­firmen, dass sie ihre Verantwortung stärker wahrnehmen und genau prüfen, mit wem sie Verträge abschliessen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.12.2014, 23:24 Uhr

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Wer mit seinem Handy auf bekannten Sex-Videoportalen wie Youporn.com surft und dort ein Video anklickt, landet oft auf einer Sex-Abo-Falle-Website. Anschliessend erscheint blitzschnell die Frage, ob man ein Sexvideo anschauen wolle. Völlig überrumpelt stellt man erst im Nachhinein fest, dass mit wenigen Klicks ein Abo ausgelöst wurde. Sekunden darauf bekommt der Nutzer ein SMS mit einem Aktivierungscode. Denn ohne Wissen des Nutzers und Zustandekommen eines Vertrags wurde seine Handynummer «abgegriffen». Der Tagesanzeiger.ch/Newsnet konnte diesen Missbrauch mit technischer Hilfe der Swisscom nachweisen. Da nur Swisscom und Sunrise über die dazugehörigen Kundenadressen verfügen, mussten die Sex-Dienst-Anbieter einen anderen Weg finden, um an die Anschriften zu gelangen. Laut einem Brancheninsider geschehe dies teilweise durch Callcenter, die unter einem falschen Vorwand anrufen und nach der Adresse fragen. Die Rechnungen würden anschliessend durch der Mehrwertdienstbranche nahestehende Inkassofirmen wie die Paypay AG und Obligo AG eingefordert. Letzte Woche bestätigte das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) dem Onlineportal Watson, dass gegen die Unternehmen gestützt auf das Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb geklagt werde. Beim Seco sind 200 Beschwerden eingegangen. Der Verwaltungsratspräsident beider Firmen, der Berner Hans-Ulrich Hunziker, bezeichnete die Vorwürfe als «frei erfunden». Seine Mitgliedschaft im Stiftungsrat der Ombudscom hat er wegen der Verfahren sistiert. Er bleibt aber Geschäftsführer des Verbandes der Mehrwertdienste (Savass). Im Nachgang des Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Berichts von Mitte November trat hingegen der Aargauer SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner als Savass-Präsident zurück. (mso)

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