Biobauern vernachlässigen Artenvielfalt

Konventionelle Bauern kennen strengere Vorschriften bezüglich Biodiversität als Biobauern. An der heutigen Delegiertenversammlung von Bio Suisse sollen neue Richtlinien eingeführt werden.

Vielen Biobetrieben mangelt es an Hecken, Blumenwiesen oder Brachen: Bauern mähen im warmen Aprilwetter eine Wiese.

Vielen Biobetrieben mangelt es an Hecken, Blumenwiesen oder Brachen: Bauern mähen im warmen Aprilwetter eine Wiese. Bild: Keystone

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In der Schweiz setzt der biologische Landbau die Qualitätsstandards für eine ökologische Landwirtschaft. Oder doch nicht? «Mit seiner seit Jahren defensiven Haltung hat der Biolandbau im Bereich Biodiversität laufend an Terrain verloren», kritisiert der Agrarökologe Andreas Bosshard. «Nun wird Bio sogar von IP-Suisse links überholt.»

An der heutigen Delegiertenversammlung von Bio Suisse in Olten sollen neue Richtlinien zur Förderung der Biodiversität verabschiedet werden. Doch das geplante Massnahmenpaket sei nur eine «ängstliche Schmalspurvariante», sagt Bosshard, der in der zuständigen Arbeitsgruppe engagiert war. «Der Vorstand hat die Vorarbeit der Fachgruppe desavouiert, der jetzt präsentierte Vorschlag ist sein Papier nicht wert.»

Tiefe Anforderungen

Das Anforderungsniveau sei viel zu lasch, um die Mehrleistungen des Biolandbaus zugunsten der Artenvielfalt sicherzustellen, kritisiert Bosshard, «von einer Gleichwertigkeit mit IP-Suisse ganz zu schweigen». Er fordert deshalb von Bio Suisse verbindlichere Regeln, um auch bei der Biodiversität führend zu sein. Der Agrarexperte Markus Jenny von der Vogelwarte Sempach, wie Bosshard bei Vision Landwirtschaft engagiert, beurteilt die Richtlinien von Bio Suisse als «mutlose Neuregelung». Auch im Biolandbau gebe es vor allem im Talgebiet Betriebe mit sehr unbefriedigenden Leistungen für die Biodiversität.

So mangle es auf etlichen Biobetrieben an Hecken, Blumenwiesen oder Brachen. «Es genügt heute nicht mehr, nur auf chemisch-synthetischen Dünger oder auf Pestizide zu verzichten, um typische und zum Teil bedrohte Tier- und Pflanzenarten des Kulturlands zu erhalten und zu fördern», sagt Jenny. Nötig seien griffige Minimalstandards. In dieser Hinsicht seien die rund 12'000 IP-Suisse-Labelbetriebe weiter. Sie müssten eine klar definierte Mindestleistung erbringen. Diese wird mit einem von der Vogelwarte entwickelten Punktesystem bewertet und kontrolliert.

Bio ist ganzheitlich

Regina Fuhrer, Präsidentin von Bio Suisse, wehrt sich gegen die Vorwürfe. «Der biologische Landbau ist ganzheitlich und tut viel mehr für die Biodiversität als die konventionelle Landwirtschaft.» Biobauern achten auf Fruchtfolge und schonende Bodenbearbeitung, verzichten auf Pestizide und Kunstdünger. «Die Artenvielfalt gehört zu unserem Selbstverständnis», sagt Biobäuerin Fuhrer. Mit den neuen Richtlinien wolle Bio Suisse die Biodiversität gezielt fördern und besser bekannt machen. «Wir verkaufen uns unter unserem Wert», bestätigt die grüne Nationalrätin und Biobäuerin Maja Graf. Schliesslich biete der biologische Landbau die besten Voraussetzungen für Naturvielfalt. So sei der Gartenrotschwanz, der in der Schweiz als gefährdet gilt, vor zwei Jahren auf ihrem Biobetrieb im Baselbiet wieder heimisch geworden.

Auch Lukas Pfiffner, Agrarökologe am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick, weist auf die überdurchschnittlichen Leistungen der Biobauern hin. «Der biologische Landbau erbringt nachweislich deutliche Mehrleistungen zugunsten der Biodiversität im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft.» Je nach Höhenlage hätten Biobetriebe zwischen 46 und 72 Prozent mehr naturnahe Flächen und beherbergten aufgrund von umfangreichen Metastudien 30 Prozent mehr Arten als nicht biologisch bewirtschaftete Betriebe. Um gegenüber Konsumentinnen und Konsumenten glaubwürdig zu bleiben, wolle sich auch der biologische Landbau ständig weiterentwickeln. «Die neuen Richtlinien sind ein wichtiger Schritt dazu», sagt Pfiffner.

Auch Natur produzieren

An dieser Glaubwürdigkeit zweifelt der Aargauer Biobauer und Agronom Thomas Baumann, der in Suhr einen 30 Hektaren grossen Betrieb bewirtschaftet. «Wenn der Biolandbau beim ökologischen Ausgleich nicht vorwärtsmacht, schaufelt er sich sein eigenes Grab.» Es genüge nicht, nur für die Vielfalt unter dem Boden zu sorgen, wie das im Biolandbau gängig ist. Nötig seien mehr Hecken, Buntbrachen, Säume im Ackerland, natürliche Bachläufe oder Wassertümpel. «Diese Art von Biodiversität wird auf den Biobetrieben oft vernachlässigt», sagt Baumann. «Biobauern sind nicht nur Nahrungsmittelproduzenten, sie müssen auch Natur produzieren.»

Das hat seinen ökonomischen Wert, wie Baumann vorrechnet. Für jeden seiner 400 Hochstammbäume erhält er 45 Franken pro Jahr, und die Buntbrache im Ackerland bringt pro Hektare 5000 Franken ein. «Viele Biobauern haben noch nicht verstanden, dass Natur und Landschaft auch ein ökonomischer Wert sind», sagt Baumann.

Erstellt: 20.04.2011, 07:50 Uhr

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