«Bis jetzt hat sich niemand für uns interessiert»

Die Umweltorganisation Ecopop wartet mit unkonventionellen Forderungen auf. Die Gruppe existiert seit 40 Jahren, wird jetzt aber erstmals von der Öffentlichkeit bestürmt.

Noch nicht gerüstet für das Medieninteresse: Website der Umweltorganisation Ecopop.

Noch nicht gerüstet für das Medieninteresse: Website der Umweltorganisation Ecopop.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Umweltorganisation Ecopop, die eine Volksinitiative für die Beschränkung der Zuwanderung lanciert, lässt sich politisch nicht einfach einordnen. Zu widersprüchlich scheinen die Forderungen: mehr Entwicklungsgelder für Geburtenkontrolle in Afrika, drastische Beschränkung der Zuwanderung, notfalls zulasten des Wirtschaftswachstums. Die Gruppierung, die nach den im März veröffentlichten Bundesprognosen über das Wachstum der Schweizer Bevölkerung plötzlich in den Fokus der Medien geriet, schien aus dem Nichts gekommen zu sein.

Dabei gibt es Ecopop schon lange, die Gruppierung entstand vor bald 40 Jahren als Reaktion auf die im Auftrag des Club of Rome erstellte Studie «The Limit of Growth», durchgeführt von einem Team um den amerikanischen Forscher Dennis Meadows. Das Fazit der Studie: Wenn Weltbevölkerung, Industrialisierung, Umweltverschmutzung und Nahrungsmittelproduktion unverändert zunehmen, sind die Wachstumsgrenzen in 100 Jahren erreicht.

«Brain-Drain ohnehin fragwürdig»

«Bis jetzt hat sich niemand für uns interessiert. Jetzt ist das Interesse plötzlich riesig, darauf sind wir gar nicht richtig vorbereitet», sagt Sabine Wirth, Vorstandsmitglied und Mitglied des Initiativkomitees. Am vergangenen Samstag informierte Ecopop seine Mitglieder an der alljährlichen Versammlung, die erstmals von Medienvertretern besucht wurde, über die geplante Volksinitiative zur Beschränkung der Zuwanderung.

Die Personenfreizügigkeit müsse mit der EU neu ausgehandelt werden, fordert Ecopop. Economiesuisse hat sich dazu bereits ablehnend geäussert, die Wirtschaft ist auf spezialisierte Fachkräfte aus der EU angewiesen. Ecopop hält dagegen: «Die Rekrutierung von gut ausgebildetem Personal aus dem Ausland ist ohnehin nicht fair. Die Moldawier gehen nach Rumänien, die Rumänen nach Deutschland, die Deutschen arbeiten in der Schweiz. Irgendwo fehlen diese Leute am Schluss.»

«Wir müssen runterfahren»

Wenn das Wirtschaftswachstum leiden würde – ein Argument, um das sich in Abstimmungskämpfen keine Partei zu drücken wagt –, könnte Ecopop dem auch Positives abgewinnen: Bei gewissen Konsumgütern werde es unumgänglich sein, etwas herunterzufahren, sagt Wirth. Ecopop steht dem Konsumverhalten kritisch gegenüber: «Wenn die Konsumenten nicht jedes Jahr zweistellige Wachstumsraten generieren, schreiben die Medien von ‹Unlust›. Wir werden richtiggehend zum Konsum gedrängt.»

Dabei wachse das BIP pro Kopf schon heute kaum mehr, «das BIP wächst lediglich im Rahmen des Bevölkerungswachstums. Dadurch nützt das Wirtschaftswachstum dem Einzelnen nicht mehr viel». Abgesehen davon rechnet Ecopop nicht damit, dass Fachkräfte fehlen würden: «Da bis zu 1 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung die Schweiz jährlich verlässt, wären mit einem Wanderungssaldo von 0,2 Prozent die Bedürfnisse der Wirtschaft immer noch abzudecken. Man müsste die Zuwanderung nur besser lenken.»

Nicht in der rechten Ecke

Das klingt nach bürgerlichen Parolen. Auch SVP und FDP fordern, die Zuwanderung auf den Nutzen für die Schweizer Arbeitgeber auszurichten. Und die SVP hat sich vor wenigen Tagen in die AKW-Debatte eingeschaltet mit der Argumentation: Zuwanderung stoppen, Atomstrom sparen.

Die Nähe zur SVP behagt der Gruppierung nicht, denn seit Bestehen kämpft sie dagegen an, «in die rechte Ecke» gestellt zu werden. So lehnt sie die Zusammenarbeit mit Rechts-Parteien, auch im Hinblick auf die Volksinitiative, ab. Stattdessen bemüht sich Ecopop seit Jahren um eine Zusammenarbeit mit andern Parteien, die sich an den fremdenfeindlich anmutenden Forderungen nicht die Finger verbrennen wollen.

Engagement in Afrika

Dass sich Ecopop politisch nicht zuordnen lässt, zeigt auch der zweite Teil der Volksinitiative, die Forderung nach mehr Engagement in Entwicklungsländern. 10 Prozent der schweizerischen Entwicklungshilfe seien in die «freiwillige Familienplanung» zu investieren: für sexuelle Aufklärung der Bevölkerung und das Zurverfügungstellen von Verhütungsmitteln. Ecopop beruft sich auf die Zahlen der UNO, laut deren Prognosen sich die Bevölkerung Afrikas bis 2050 auf zwei Milliarden verdoppelt, bei unverändertem Bevölkerungswachstum. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.04.2011, 13:10 Uhr

Umfrage

Die Organisation Ecopop will die Volksinitiative «Stopp der Überbevölkerung» lancieren. Soll die jährliche Zuwanderung in die Schweiz auf 0,2 Prozent der Bevölkerung begrenzt werden?

Ja

 
64.0%

Nein

 
36.0%

4846 Stimmen


Der Mensch hinterlässt Spuren auf der Erde: Symbol von Ecopop auf der Homepage der Organisation (Screenshot www.ecopop.ch).

Nicht gewappnet für Medienecho

Ecopop, die Vereinigung Umwelt und Bevölkerung, existiert seit fast 40 Jahren. In den vergangenen Wochen wuchs das Interesse an der Organisation schlagartig. Auf dieses Medienecho sei man nicht vorbereitet, heisst es im Sekretariat. Bilder von den Initianten sind schwer zu bekommen; die Website ist noch nicht vollständig ausgerüstet. Im kommenden Monat werde dies nachgeholt.

Ecopop ist nach eigenen Angaben die einzige Umweltpartei der Schweiz, die sich mit dem Faktor Bevölkerung befasst. Ihr Anliegen: «Die Lebensgrundlagen und die Lebensqualität in der Schweiz auch für kommende Generationen erhalten. Die Umweltbelastung hat das langfristig tragbare Mass überall längst überschritten. Sie ist von drei Faktoren bestimmt: Konsumverhalten, angewandte Technik und Bevölkerungsdichte.»

Ecopop ist überzeugt, «dass die Überbevölkerung eine wesentliche Ursache der Umweltverschlechterung ist, dass das Bevölkerungswachstum gestoppt werden muss und dass die Bevölkerungszahl langfristig auf ein umwelt- und sozialverträgliches Niveau sinken muss». Dabei distanziert sich die Organisation von fremdenfeindlichen und rassistischen Ansichten.

Website

Artikel zum Thema

Grüne Initiative gegen Zuwanderung

Die Umweltschutzorganisation Ecopop will per Volksinitiative die jährliche Zuwanderung auf 0,2 Prozent der Bevölkerung begrenzen. Das könnte der Migrationsdebatte einen neuen Drall geben. Mehr...

Die SVP klinkt sich in die Atomdebatte ein

Bisher hielt sich die SVP in der Atom-Diskussion zurück. Mit einem konkreten Vorschlag, wie der Energiebedarf in der Schweiz gedrosselt werden kann, bricht die Partei nun ihr Schweigen. Mehr...

Zuwanderung: Nun sieht auch die SP Probleme

In einem internen Papier verlangt die SP neue flankierende Massnahmen zum freien Personenverkehr.Unter anderem sollen SBB und Post frei gewordenes Land günstig verkaufen und so den Bau von sozialem Wohnraum ermöglichen. Mehr...

Kommentare

Paid Post

Bereit für die Ferien?

Die Ferien sind gebucht, die Vorfreude gross – doch was ist mit Impfungen oder Medikamenten? Mit einer Reiseberatung ist man sicher gut gewappnet.

Die Welt in Bildern

Adieu und Adiós: Die Matrosen des mexikanischen Segelschulschiffs Cuauhtémoc haben für die grosse Parade auf der Seine die Masten erklommen. Die Fahrt zum Meer bildet den Abschluss der Armada von Rouen, eine der wichtigsten maritimen Veranstaltungen Frankreichs. (16. Juni 2019)
(Bild: Charles Platiau) Mehr...