Bis zu 85 Prozent der Bauern verpesten die Natur

In der Ostschweiz hält sich laut einer Untersuchung mehr als die Hälfte der Bauern nicht an die Gülle-Vorschriften. In einem Kanton sei die Lage besonders prekär.

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In St. Gallen und Appenzell halten sich zahlreiche Landwirte nicht an die ökologischen Standards, wie eine Studie von Pro Natura zeigt. Gülle und Mist dürften eigentlich nicht näher als drei Meter an Bäche, Wälder und Hecken ausgebracht werden. So will es das Gesetz.

Die Landwirte werden via Direktzahlungen dafür belohnt, dass sie diese ökologisch besonders wertvollen «Pufferstreifen» nicht mit Jauche und Mist eindecken. In der Realität halten sich jedoch viele nicht an die Bestimmungen – und werden trotzdem belohnt.

Missstand aufgedeckt

Die lokale Pro-Natura-Sektion hat im Sommer und Herbst 2012 die Pufferstreifen in den Kantonen St. Gallen und den beiden Appenzell systematisch untersucht. Die Resultate bestätigen die Befürchtungen der Naturschutzorganisation: 57 Prozent der Landwirte halten die gesetzlich vorgeschriebenen Abstände zu Wäldern, Gewässern und Hecken nicht ein, im Kanton Appenzell Innerrhoden sind es sogar 85 Prozent.

«Diese Resultate zeigen einen gravierenden Missstand: Es sind nicht Einzelfälle, es grenzt an systematisches Umgehen der gesetzlichen Bestimmungen», beurteilt Christian Meienberger, Geschäftsführer der Pro-Natura-Sektion St. Gallen-Appenzell, die Situation. Es entstehe nicht nur ein Schaden an der Natur, sondern es sei auch ein Affront gegenüber der Minderheit der korrekt wirtschaftenden Bäuerinnen und Bauern.

Kontrollen fehlen

Die Kantone sind verpflichtet, über die Pufferstreifen zu wachen und Verstösse zu verzeigen. Gemäss der Untersuchung von Pro Natura St. Gallen-Appenzell kommen die Kantone dieser Pflicht jedoch nicht nach. Sie führten gar keine Kontrollen durch. «Wer seinen Abfall illegal entsorgt, wird zu Recht gebüsst. Landwirte werden hingegen vom Staat entlöhnt, selbst wenn Sie die Umwelt verschmutzen», kritisiert Meienberger.

Er fordert die Durchsetzung der geltenden Gesetze. Auch Landwirte müssten dafür geradestehen, wenn sie die Umwelt verschmutzen – und «sicher nicht noch belohnt werden». (rub)

Erstellt: 26.11.2012, 13:11 Uhr

«Die Zahl scheint zu hoch gegriffen»

Herr Neff*, eine Studie von Pro Natura sagt, dass sich im Kanton Appenzell Innerrhoden 85 Prozent der Bauern nicht an die Güllenvorschriften halten. Was sagen Sie dazu?
«»Die Zahl scheint mir zu hoch gegriffen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich so viele nicht daran halten. Ich bin selber Bauer und komme viel im Kanton herum. Dabei ist mir noch nie aufgefallen, dass sich die Bauern systematisch nicht an die Güllevorschriften halten. Das eine oder andere schwarze Schaf gibt es wahrscheinlich schon.

Sind die Vorschriften bezüglich des 3-Meter-Abstands überhaupt sinnvoll oder sollte man sie gleich abschaffen?

Insgesamt sind die Vorschriften bestimmt sinnvoll, vor allem dort, wo Gewässer betroffen sind. Bei den Waldrändern und Hecken kann man sich im Einzelfall darüber streiten, aber diese Regeln sind das Ergebnis eines langen Gesetzgebungsprozesses und wir haben uns daran zu halten. Abschaffen würde ich sie bestimmt nicht.

Die Studie behauptet, die Einhaltung der Bestimmungen würde gar nicht kontrolliert. Stimmt das?
Keineswegs. Die Kontrolleure des Kantons kontrollieren jeden Betrieb alle vier Jahre. Gibt es eine Beanstandung, findet im Jahr darauf eine Folgekontrolle statt. Die Polizei führt von sich aus keine Kontrollen durch. Erwischt sie einen Bauern inflagranti, zeigt sie ihn an.

Sehen Sie beim Bauernverband Handlungsbedarf, um die Situation zu verbessern?
Wir werden unsere Mitglieder auf jeden Fall genauer auf das Thema aufmerksam machen, zum Beispiel im Rahmen von Gruppenberatungen. Im Kanton Appenzell Innerrhoden führen wir rund zehn Beratungsabende pro Jahr durch. Wir hoffen, die Bauern sind sich bewusst, dass Umweltverschmutzung für die Schweizer Öffentlichkeit ein sehr sensibles Thema ist.

*Sepp Neff ist Präsident des Bauernverbandes Appenzell.

Oft zu viel: Ein Landwirt bringt in Oberdorf NW Gülle aus. (23. März 2009) (Bild: Keystone )

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