Bizarrer Besuch des US-Präsidenten

Politik, Medien und Wirtschaft werfen sich vor Donald Trump in den Schnee.

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Wann verschickt Donald Trump seinen ersten Tweet, in dem er «Switzerland» erwähnt? Ist er schon abgeflogen? Schau, er winkt! Ob es ihm bei uns gefällt? Wie er uns wohl findet?

Der Besuch des amerikanischen Präsidenten in der Schweiz ist ein bizarres Ereignis. Das Spektakel wird interessiert und intensiv verfolgt, staunend, von manchen auch fiebrig-freudig. Endlich sind wir wieder wer in der Welt, die Schweiz im globalen Fokus, das mögen wir.

Als Donald Trump vor etwas mehr als einem Jahr zum Präsidenten gewählt wurde, da war der Ton ein anderer. Da war Trump noch ein notorischer Lügner, ein sexistischer alter Mann mit rassistischen und homophoben Zügen, ein Spalter, eine Witz­figur mit gefährlich viel Macht.

Wer denkt, dass von diesem Besuch Trumps tatsächlich irgendetwas für die Schweiz übrig bleibt, der täuscht sich.

Das ist Trump immer noch. Alles. Doch wenn der Präsident unser Land besucht, will man nicht so sein. Eine Demonstration in Davos? Geht leider nicht, zu viel Schnee. Dass die Vertreter der Wirtschaft ihre Freude am Businesspräsidenten haben: verständlich. Politisch jedoch ist das Verhalten unser Regierung nur schwer zu verstehen. Es gibt kein drängendes Problem zwischen den USA und der Schweiz, keinen Handelsstreit, keine Krise wegen Bankdaten. Trotzdem machen Trump gleich drei Bundesräte die Aufwartung. Die Vertreter des Kleinstaats endlich bei den Grossen. Was sich die Bundesräte erhoffen? Ein Freihandelsabkommen? Einen besseren Deal beim Kampfjetkauf? Einen einfacheren Zugang für Schweizer Banken auf dem amerikanischen Finanzplatz? Alles illusorisch, wenn man sich die bisherige Handelspolitik von Donald Trump anschaut.

Wer denkt, dass von diesem Besuch Trumps tatsächlich irgendetwas für die Schweiz übrig bleibt, der täuscht sich. Trump kommt nicht in die Schweiz, Trump kommt nach Davos. In der internationalen Wahrnehmung, in der amerikanischen vor allem, hat das WEF in Davos so viel mit der Schweiz zu tun wie Donald Trump mit einem ehrlichen Geschäftsmann. Davos ist ein Symbol, eine Chiffre, ein eigener Planet ohne Bindung an eine wie auch immer geartete Schweizer Realität. Ob das Treffen dieser Männer in Anzügen in Davos, in Berchtesgaden oder Kitz­bühel stattfindet: Who cares? Ganz sicher nicht der Präsident der Vereinigten Staaten.

Dass sich Politik, Medien und Wirtschaft dennoch derart in den Schnee werfen vor diesem Präsidenten, der die Welt zu einem noch unsichereren Platz gemacht hat: Es ist peinlich.


Video: Tag 1 von Trumps Besuch am WEF

In Zürich gelandet, nach Davos geflogen und dort vom Intercontinental ins Kongresszentrum: Der US-Präsident ist in der Schweiz.


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2018, 21:22 Uhr

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