«Blic»: Gelder aus Organ-Diebstahl auf Schweizer Konten

Serbiens Staatsanwaltschaft soll laut einem Zeitungsbericht Konten im Ausland ausgemacht haben, auf denen Geld aus dem illegalen Organhandel in Kosovo und in Albanien gelagert wurde – auch in der Schweiz.

Neue Spuren gefunden?: «Gelder von verkauften Organen von Soldaten endete auf Konten in der Schweiz», heisst es in der Online-Ausgabe von «Blic».

Neue Spuren gefunden?: «Gelder von verkauften Organen von Soldaten endete auf Konten in der Schweiz», heisst es in der Online-Ausgabe von «Blic». Bild: www.blic.rs

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Bankkonten in der Schweiz, Albanien, Deutschland und in einigen anderen europäischen Staaten, auf die das Geld aus dem Organhandel überwiesen wurde, dürften Beweise liefern, die auch zum aktuellen kosovarischen Premier Hashim Thaci führen könnten. Dies berichtet die Belgrader Zeitung «Blic» am Freitag.

Den Bankkonten seien sowohl die serbische Sonderstaatsanwaltschaft für Kriegsverbrechen als auch die amerikanische Bundespolizei FBI auf die Spur gekommen, die nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 Ermittlungen über die Finanzierung von extremen islamischen Gruppen einleitete.

Hilfsorganisationen als Tarnfirmen?

Die Konten wurden laut der Zeitung manchmal auf Namen von Personen, häufig aber auch auf Namen falscher Hilfsorganisationen geführt, die als Deckung für kriminelle Aktivitäten dienten. Die serbische Sonderstaatsanwaltschaft, die seit 2008 den Organhandel im Kosovo untersucht, wollte sich am Freitag nicht zu den Konten äussern.

«Wir werden keinen Kommentar über eine laufende Untersuchung machen», sagte ein Sprecher von Sonderstaatsanwalt Vladmir Vukcevic. Eine anonyme Quelle im Umfeld der serbischen Ermittler bestätigte der Nachrichtenagentur AFP jedoch die Informationen von «Blic».

Diaspora-Gelder in Mafia-Händen

Auch der Sonderberichterstatter des Europarats, der Tessiner FDP- Ständerat Dick Marty, geht in seinem Bericht davon aus, dass das mutmassliche Mafia-Netzwerk rund um Premier Thaci über Finanzquellen im Ausland verfügte. Mitglieder der sogenannten Drenica-Gruppe sollen demnach die Kontrolle über Gelder an sich gerissen haben, welche die UCK ursprünglich für den Befreiungskampf von der kosovarischen Diaspora erhalten hatte.

Diese Gelder seien unter anderem auf Bankkonten in der Schweiz und Deutschland gelagert worden. Die Mittel für die Gruppe hätten sich mit der Gründung des UCK-Fonds Atdheu Thërret (Das Vaterland ruft) «dramatisch erhöht», schreibt Marty in seinem Bericht.

Vehementes Dementi von Premier Thaci

Kosovos Premier wies die Anschuldigungen rasch und deutlich zurück. Der Bericht des Europarates sei «voll von Lügen und Unwahrheiten», sagte Thaci am Donnerstag. Dessen Ziel sei es, «die UCK und die Unabhängigkeit Kosovos abzuwerten.»

Die Schweiz als Finanzierungsbasis der UCK

Die Schweizer Bundesanwaltschaft (BA) führt derzeit keine Untersuchung gegen Thaci oder andere mutmassliche Führungsmitglieder der Drenica-Gruppe, wie die Behörde auf Anfrage erklärte. Auch nach Konten aus dem mutmasslichen Drogen- oder Organhandel wird offenbar nicht geforscht. Beim Bundesamt für Justiz liege kein Rechtshilfegesuch Serbiens vor, sagte Sprecher Folco Galli.

Im Kosovo-Krieg von Ende 1998 bis Juni 1999 diente die Schweiz allerdings albanischen Widerstandskämpfern als «Logistikstützpunkt und Finanzierungsbasis», wie der Staatsschutzbericht der Bundespolizei 1999 festhielt. Thaci selbst hatte in den Neunzigerjahren in der Schweiz studiert, bevor er zum politischen Anführer der UCK aufstieg.

Waren Drahtzieher in der Schweiz aktiv?

Kosovo-albanische Organisationen in der Schweiz waren wiederholt in den Verdacht geraten, Finanzierung von Kriegsgeschäften zu dienen. Im Juli 1998 beschlagnahmte die Bundesanwaltschaft deswegen 1,2 Millionen Franken des Vereins Vendlindja Thërret. Die Gelder wurden später an eine neu gegründete Stiftung für Hilfsprojekte im Kosovo überwiesen.

Seit dem Ende der bewaffneten Konflikte auf dem Balkan bereitet den Staatsschützern vor allem der Heroin- und Kokainhandel durch kriminelle Gruppen aus Kosovo und Albanien Sorge. (raa/sda)

Erstellt: 17.12.2010, 14:14 Uhr

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