Blinder Fleck im Arbeitsschutz

Der Schutz vor psychischer Überlastung durch die Arbeit müsste selbstverständlich werden.

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Zu Recht ist die Schweiz stolz auf ihre tiefe Jugend­arbeitslosigkeit. Nicht stolz sein kann sie auf die Tat­sache, dass jedes Jahr rund zweitausend Jugendliche neu zu IV-Bezügern werden. Drei von vier IV-Be­zügern in jungen Jahren haben psychische Probleme, die so gravierend sind, dass diese Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt keine Chancen haben.

Hardliner werden für die strengere Vergabe von Renten plädieren. Das wird den Betroffenen nicht helfen, denn es macht sie früher oder später zu ­Sozialhilfeempfängern. Ähnliches ist in den vergangenen Jahren vielen ehemaligen IV-Bezügern wider­fahren, die aufgrund der strengeren Gutachterpraxis bei medizinisch schwer nachweisbaren körperlichen Gebrechen wie etwa Schleudertraumata ihre IV-­Renten verloren.

Weit hilfreicher wäre es, wenn die Betriebe den Arbeitsschutz neu überdenken würden. In einer Dienstleistungsgesellschaft mit ständig wachsenden Herausforderungen und Tempi stehen weniger die körperlichen Gefahren im Vordergrund als die psychischen Belastungen. Zu Recht spricht der Berner Chefpsychiater Gregor Hasler von einem blinden Fleck: Burn-outs und Depressionen sind oft die Folge von Stress und Überforderung im Beruf. Ähnlich wie Schutzbrillen in einem Labor mit gefährlichen Substanzen zur Selbstverständlichkeit wurden, müsste der Schutz vor psychischer Überlastung durch die Arbeit selbstverständlich werden. Und ähnlich wie ­Betriebe ihre unterforderten Talente erkennen und fördern, müssten sie auch jene rechtzeitig erkennen und unterstützen, die bei der Arbeit überfordert sind.

Zu verhindern, dass Überforderte aus dem Arbeitsprozess herausfallen, mag schwierig sein. Im ­Verhältnis zur Aufgabe, sie wieder zu integrieren, wenn sie einmal herausgefallen sind, ist es die leichtere Aufgabe. Die von Bundesrat Alain Berset geplante IV-Revision geht hier, wie auch bei der Einführung der stufenlosen Rente, in die richtige Richtung. Vertrauensbildend ist dabei, dass es keine Sparübung ist. Es wird dieses Vertrauen brauchen, denn ­allein wird es die Politik nicht schaffen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2015, 22:56 Uhr

Res Strehle, Chefredaktor, zur geplanten IV-Revision.

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