Interview

«Bodyguard ist kein passender Ausdruck»

Kaum jemand kommt dem Papst so nahe wie Daniel Anrig, der Kommandant der päpstlichen Schweizergarde. Die spontanen Aktionen von Franziskus sind für die Personenschützer eine Herausforderung.

Daniel Anrig (mit Brille) vor Papst Franziskus auf dem Petersplatz. Foto: A. Medichini

Daniel Anrig (mit Brille) vor Papst Franziskus auf dem Petersplatz. Foto: A. Medichini

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Trauern Sie bereits dem zurückhaltenden Benedikt XVI. nach?
Als Schweizergardisten sind wir extrem verbunden mit dem Papst, egal, wer es ist. Benedikt XVI. war ein grosses Vorbild, jetzt richten wir uns auf Franziskus aus.

Der neue Papst hält sich nicht streng ans Protokoll. Das muss anstrengend für seine Bewacher sein.
Franziskus unterscheidet sich offensichtlich von Benedikt XVI. Er geht auf die Menschen zu, segnet Kranke und Kinder. Diese Spontaneität ist keine Abweichung vom Protokoll. Sie verlangt von uns aber mehr Flexibilität und Beweglichkeit – besonders jetzt während des dicht gedrängten Programms der Osterfeierlichkeiten.

Sind die Schweizergardisten eigentlich Bodyguards des Papstes, oder stehen sie vor allem mit historischen Hellebarden an den Eingängen des Vatikans?
Die Schweizergarde ist seit über 500 Jahren für die Sicherheit des Papstes und seiner Residenzen zuständig. Zudem bewachen wir seit 1929 die Eingänge zum Vatikan und stellen auch die eigentliche Ehrenkompanie für die päpstlichen Liturgien und Empfänge dar. Bei der Eingangsbewachung und in der Ehrenkompanie tragen wir historische Uniformen. Den Personenschutz des Papstes, zum Beispiel rund um das Papamobil, teilen wir uns mit der Polizei des Vatikans. Wir leisten ihn in zivil, wobei Bodyguard kein passender Ausdruck für das kirchliche Milieu ist.

Sie selbst folgen dem Papst also auf Schritt und Tritt. Kürzlich liess er das Papamobil mitten in der Menschenmenge anhalten, um einen Kranken zu segnen. Informiert er Sie über solche Aktionen?
Das war eine spontane Geste des Papstes. Er fuhr im Papamobil über den Petersplatz und sah den Kranken, den andere Besucher auf einer Bahre hochhielten. Der Papst liess das Fahrzeug anhalten, stieg herunter und ging zum Kranken hin. Ein sehr bewegender Moment.

Könnten Sie eigentlich auch sagen: «Heiliger Vater, das ist jetzt keine so gute Idee, sich hier unter die Menschen zu mischen»?
Wir stehen in Dienst des Papstes, sein Wunsch ist das Entscheidende. Papst Franziskus hat sein eigenes Charisma, seinen eigenen Stil. Als Seelsorger will er weiterhin für die Menschen da sein. Die Garde hat sich dem anzupassen.

Haben Sie wegen des öffentlichen Interesses um die Papstwahl mehr Anfragen von Interessenten, die Gardisten werden wollen?
Bei der Rekrutierungsstelle in der Schweiz sind in den letzten Wochen mehr Anfragen eingegangen. Ein Ereignis wie die Papstwahl hilft, die Garde wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Ob sich tatsächlich mehr Bewerber melden, wird sich weisen.

Haben Sie denn genug Bewerber?
Wir benötigen jedes Jahr etwa 30 neue Rekruten. Wie viele junge Männer sich melden, ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Während des Heiligen Jahrs 2000 oder im Garde-Jubiläumsjahr 2006 haben sich mehr Interessenten gemeldet. In der Regel haben wir ausreichend Anmeldungen.

Wer wird heute noch Gardist – sind das Abenteurer oder besonders religiöse Menschen?
Es gibt unterschiedliche Motivationsgründe; der eine Gardist ist mehr militärisch motiviert, der andere religiös, beim Dritten ist es das Fernweh. Alle sind bereit, während mindestens zweier Jahre etwas ganz anderes zu tun, als sie bisher in ihrem Leben getan haben.

Müssen die jungen Gardisten in allen Punkten mit der katholischen Morallehre einverstanden sein, zum Beispiel auch mit der Sexualmoral?
Die jungen Gardisten sind keine Moraltheologen. Sondern junge, gesunde Männer, die sich einer Institution im Dienst der Kirche anschliessen. Aus meinen Gesprächen mit ihnen weiss ich, dass für sie Glaube und Religion weit mehr ist als blosse Morallehre.

Sie dienten von 1992 bis 1994 als Hellebardier in der Garde. Was hat sich seither verändert?
Wir kamen nach Rom und waren weg von zu Hause. Die kommunikative Dauerverbindung mit der Heimat kannten wir nicht. Ich habe den Eindruck, dass ich als Gardist mehr Freizeit hatte und zusammen mit meinen Kameraden öfter nach Latium, ans Meer oder in die Stadt gefahren bin. Der heutige Gardist verbringt während seiner Freizeit mehr Zeit in seinem Zimmer. Und vernetzt sich virtuell sozial.

Erstellt: 29.03.2013, 17:08 Uhr

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Schweizergarde
Seit 1506 im Dienst des Papstes

Seit dem Jahr 1506 schützt die Schweizergarde den Papst und seine Residenz. Die Garde besteht aus 110 Mann. Gardisten werden können katholische Schweizer, die die Rekrutenschule absolviert haben. Angehende Gardisten müssen gesund, ledig und nicht älter als 30 Jahre sein. Die früher geltende Mindestgrösse von 174 cm gilt heute noch als Richtgrösse. Ein Gardist verpflichtet sich für mindestens zwei Jahre. Vereidigt werden die Gardisten am 6. Mai – in Erinnerung an den Sacco di Roma von 1527, als 147 Gardisten starben. Sie verteidigten Papst Clemens VII. gegen die einfallenden Landsknechte von Kaiser Karl V. und ermöglichten ihm die Flucht aus dem Vatikan in die Engelsburg. Seit 2008 ist der 40-jährige St. Galler Daniel Anrig Kommandant der Schweizergarde. (daf)



www.schweizergarde.va

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