Borer und das Projekt Gotthard

Der Ex-Botschafter versucht als Berater eines Russen, den Steuerstreit mit Deutschland und den USA zu nutzen und Druck auf die Bundesanwaltschaft aufzubauen. Im Projekt Gotthard sollen Politiker und Journalisten instrumentalisiert werden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Krise auf dem Finanzmarkt, verbunden mit dem Steuerstreit mit Deutschland und den USA, hat nicht nur Opfer. Dank dem angeschlagenen Image schlägt die Stunde der Lobbyisten und PR-Berater. Einer der erfolgreichsten ist Thomas Borer, Ex-Botschafter der Schweiz in Berlin und erfolgreicher Unterhändler bei der Beilegung des Streits um die Holocaustgelder mit den Juden in den USA. Heute arbeitet Borer für den russischen Oligarchen Oleg Deripaska.

Dieser führt eine milliardenschwere Auseinandersetzung mit Wladimir Potanin, einem anderen Oligarchen und Mehrheitsaktionär bei Norilsk Nickel, wo Deripaska Minderheitsaktionär ist. Norilsk Nickel ist ein Rohstoffkonzern mit 15 Milliarden Umsatz und 5 Milliarden Gewinn. Potanin soll dem Unternehmen über dubiose Aktientransaktionen eine Milliarde Dollar entzogen haben.

Verfahren um Datenklau läuft

Da ein Teil der umstrittenen Milliardentransaktionen über die Hyposwiss lief, ist der Streit seit einigen Monaten auch in der Schweiz ein Thema. Vor allem, weil die Hyposwiss eine Tochter der St. Galler Kantonalbank ist. Deripaska und seine Schweizer Anwälte forderten bisher vergeblich, dass die Bundesanwaltschaft (BA) Ermittlungen aufnehme, weil es bei den Aktientransaktionen ihrer Ansicht nach um Geldwäscherei geht. Die BA sieht dies anders und lehnte es ab, Ermittlungen aufzunehmen. Ein Entscheid, den das Bundesgericht bestätigte.

Mitte Februar 2012 nahm dann die BA einen früheren Mitarbeiter der Hyposwiss fest und setzte ihn für mehrere Wochen in Untersuchungshaft. Der Mann wird verdächtigt, bei der Bank Daten gestohlen und zum Kauf angeboten zu haben. In einem Schreiben an die Anwälte Deripaskas behauptete er, die Hyposwiss wasche in grossem Stil und er könne dies beweisen. Das Verfahren gegen den mutmasslichen Datendieb läuft noch, wie BA-Sprecherin Jacqueline Bühlmann bestätigt.

Doch das reicht Deripaska nicht. Er will noch immer eine Untersuchung durch die BA erwirken, wenn nötig mit der Brechstange. Nun hat ein Dokument zum sogenannten Projekt Gotthard den Weg ins Internet gefunden. Offenbar ist es echt, wie Borer unumwunden zugibt. Im Projekt Gotthard wird detailliert beschrieben, wie man Journalisten und bekannte Persönlichkeiten einspannen will, damit öffentlicher Druck entsteht und die BA weich wird. Geplant sind Einzelgespräche mit Journalisten und Politikern sowie eine Pressekonferenz, auf der die Professoren Mark Pieth und Peter Nobel, assistiert von Carla Del Ponte, Professor Peter V. Kunz, sowie die Nationalräte Hans Kaufmann und Daniel Jositsch auftreten sollen.

Haig Simonian, ehemaliger Korrespondent der «Financial Times», soll einen Artikel auf Englisch schreiben, der dann unter Borers Namen in der internationalen Presse erscheinen soll. Borer plant gemäss dem Papier Auftritte in der Sendung «Talk Täglich» von TeleZüri und in der SF-Wirtschaftssendung «Eco».

SF-Auftritte selbst geplant

Dass Borer glaubt, er könne selbst bestimmen, wann er im Staatsfernsehen auftritt, sollte den dortigen Journalisten zu denken geben. Heikler ist Folgendes: Eingespannt werden sollen auch die deutschen Behörden und die US-Börsenaufsicht SEC, dies über lokale Politiker. Einmal in den Schlagzeilen, so das Kalkül, würde diese im gegenwärtigen Umfeld zusätzlichen Druck auf den Finanzplatz erzeugen. Im laufenden Steuerstreit ein heikles, aber möglicherweise erfolgversprechendes Unterfangen.

Borer verteidigt sein Vorgehen wie folgt: «Mir liegen zuverlässige Informationen vor, wonach über die Hyposwiss rund 3 Milliarden Franken gewaschen wurden. Trotz klaren Indizien wurde der Fall bisher nicht untersucht. Das ist ein Skandal für den Finanzplatz Schweiz.» Schliesslich riskiere man so nur, dass man längerfristig wie in der Bankgeheimnisfrage in die Bredouille gerate. Etwas peinlich ist, dass offenbar nicht alle der Experten mitmachen wollen. Peter V. Kunz nennt das Projekt Gotthard schlichtweg einen «Blödsinn».

Erstellt: 18.09.2012, 10:04 Uhr

Artikel zum Thema

Oligarch Deripaska mit Anzeige definitiv erfolglos

Bundesstrafgericht Die Bundesanwaltschaft (BA) ist auf die Anzeige des russischen Oligarchen Oleg Deripaska gegen den früheren Hyposwiss-Verwaltungsrat Hans Bodmer und weitere Personen zu Recht nicht eingetreten. Mehr...

Wirtschaftsprüfer entlasten Hyposwiss von Geldwäschereivorwürfen

Banken Die unter dem Verdacht der Geldwäscherei stehende Privatbank Hyposwiss hat von ihrer externen Revisionsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) Rückendeckung erhalten. Mehr...

Borer-Auto bei Ebay angeboten

Shawne Fielding verkauft die Limousine aus den umstrittenen Berliner Jahren. Mehr...

Blog

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...