Branchen wappnen sich gegen Lehrlingsmangel

Statt wie bisher an Lehrstellen wird es künftig an Lehrlingen fehlen. Die Berufsverbände sehen es mit Sorge und lancieren aufwendige Werbekampagnen.

Begehrt: Nachwuchskräfte.

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Des einen Leid ist des andern Freud. Das gilt auch für den Lehrstellenmarkt, wo in den vergangenen Jahren vor allem die Jungen die Leidenden waren. Sie balgten sich um die zu wenigen Lehrstellen und mussten Dutzende von Bewerbungen schreiben, bis sie bei einem Lehrbetrieb unterkamen – oder auch nicht. Jetzt dreht der Wind. Künftig müssen die Unternehmen sich etwas einfallen lassen, wenn sie zu gutem Nachwuchs kommen wollen. Denn Lehrlinge werden in den nächsten Jahren begehrt sein wie schon lange nicht mehr.

Die Situation spitzt sich zu

Der Hauptgrund dafür liegt in der Demografie. Denn nun kommen die geburtenschwachen Jahrgänge ins Lehrlingsalter. Jahr für Jahr werden weniger Jugendliche die Schule verlassen. Bis 2018 sinkt ihre Zahl laut dem Bundesamt für Statistik um acht Prozent. Verglichen mit den Jahren 2007 und 2008 beträgt der Rückgang gar zwölf Prozent.

Bis anhin hat sich dies noch nicht allzu drastisch ausgewirkt. Zum einen bestand ein Reservoir an Jugendlichen aus früheren Jahren, die noch keine Lehrstelle gefunden hatten. Zum andern wirkte die Wirtschaftskrise dämpfend. Doch nun zieht die Konjunktur an, womit sich die Situation für die Unternehmen in den nächsten Jahren zuspitzen wird. Jürg Zellweger, der beim Arbeitgeberverband für die Berufsbildung zuständig ist, gibt das zu denken. Die Branchenverbände müssten auf diese Situation reagieren, sagt er.

«Sehr angespannte Lage»

Bereits in den vergangenen zwei Jahren konnten 6 Prozent der Lehrstellen nicht vergeben werden. In einzelnen Bereichen wie etwa der Holzindustrie blieben gar über 40 Prozent der Ausbildungsplätze unbesetzt. Ivo Zimmermann vom Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie-Verband Swissmem spricht von einer «sehr angespannten Lage».

Am meisten Probleme hätten Berufe, die hohe qualitative Anforderungen stellen würden, wie Polymechaniker, Automatiker oder Konstrukteur, sagt Robert Welna, Direktor von Swissmechanic. Hier wirke sich besonders stark aus, dass gute Schüler an die Gymnasien drängen. Auch dieser Trend dürfte sich noch verschärfen. Denn das Bundesamt für Statistik rechnet damit, dass der Anteil an Gymnasiastinnen und Gymnasiasten in den nächsten Jahren weiter zunimmt.

Daran werden die Berufsverbände nichts ändern können – ebenso wenig wie an der Demografie. Stattdessen müssen sie künftig verstärkt um die verbleibenden potenziellen Lehrlinge buhlen. Es zeichnet sich ein Wettkampf um die besten Talente ab.

Mit Rapper auf Werbetour

Viele Branchen lancieren aufwendige Werbe- und Imagekampagnen. Ob Baumeister-, Informatiker- oder Gebäudetechniker-Verband: Mit Millionen von Franken versuchen sie, ihre Berufe ins beste Licht zu rücken. Sie organisieren Roadshows, besuchen Schulen, nehmen an Bildungsmessen teil, gestalten Flyers, produzieren Filme und ködern die Jugendlichen mit trendig gestylten Internetseiten.

Die Metall-Union konnte gar Rapper Bligg als Botschafter gewinnen, um für Berufe wie Metallbauer und Metallbaukonstrukteur zu weibeln. Swissmem will mit der Kampagne Tecmania.ch die Jugendlichen für die Technik im Allgemeinen und für die Industrieberufe im Speziellen begeistern. Zu diesem Zweck hat der Verband auch fixfertige Techniklektionen für Volksschullehrer ausgearbeitet.

Lohn nicht entscheidend

Kein Thema ist dagegen für die meisten Berufsverbände ein Anheben des Lehrlingslohns. «Eine Umfrage unter den neuen Lernenden unserer Branche hat gezeigt, dass die Lehrlingslöhne nur einen sehr geringen Einfluss auf die Berufswahl haben», sagt Elias Welti vom Fleisch-Fachverband. Der Informatikverband ICT Switzerland, die Bäckermeister und der Bauernverband überlegen sich dagegen sehr wohl eine Lohnerhöhung.

Je nach Branche und Region haben die Unternehmen auch damit begonnen, Lehrstellen früher auszuschreiben, um sich frühzeitig einen Lehrling zu sichern. «Das frühere Gentlemen’s Agreement, vor dem 1. November keine Lehrlinge zu rekrutieren, ist leider längst Geschichte», sagt Alfred Breu von ICT Switzerland.

Informatik-Nachwuchs aus dem Ausland

Breu will die Zahl der Informatiklehrlinge in den nächsten Jahren von 2000 auf 3000 erhöhen. Auch dies reicht aber immer noch nicht, um den Bedarf abzudecken. Stattdessen rekrutiert die Branche vor allem im Ausland. «Heute werden jährlich zwischen 6000 und 8000 hochschulgebildete Informatiker und Informatikerinnen ins Land geholt», erklärt Breu. Müsste der Nachwuchs selbst ausgebildet werden, hätte die Schweizer Informatikbranche ein riesiges Problem.

Bern stark betroffen

Auch andere Branchen hoffen, dass die Migration ihre Rekrutierungsschwierigkeiten lindert. Besonders stark betroffen vom Rückgang der Schulabgänger sind die Kantone Bern, Luzern, Nidwalden, Glarus, Thurgau sowie die beiden Appenzell. «Dies sind ausgerechnet Kantone, in denen die Berufsbildung hochgehalten wird», bedauert Jürg Zellweger vom Arbeitgeberverband. Im Kanton Zürich sowie am Genfersee dürfte die Zahl der Schulabgänger in den nächsten Jahren dagegen sogar leicht zunehmen, wie das Bundesamt für Statistik prognostiziert.

Auch wird es weiterhin Jugendliche geben, die Mühe haben, eine Lehrstelle zu finden – vor allem solche mit sozialen und schulischen Defiziten. Sie bleiben auf fremde Hilfe angewiesen. Gut und mittel qualifizierte Schulabgänger werden dagegen ihre Lehrstelle vermehrt aussuchen können.

Erstellt: 11.10.2010, 06:25 Uhr

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