Brautpaare in der Botschaft um Geld geprellt

Der Bund beschuldigt eine Angestellte der Botschaft in Moskau, Zehntausende Franken abgezweigt zu haben. Die Beschuldigte verklagt Botschafter Yves Rossier.

An der Eröffnung der Botschaft in Moskau durch Ignazio Cassis und Yves Rossier (r.) war im Juni selbst Sergei Lawrow (l.) mit von der Partie. Foto: Yuri Kochetkov (EPA)

An der Eröffnung der Botschaft in Moskau durch Ignazio Cassis und Yves Rossier (r.) war im Juni selbst Sergei Lawrow (l.) mit von der Partie. Foto: Yuri Kochetkov (EPA)

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Treffen die Vorwürfe zu, ist Natalia P. überaus dreist vorgegangen. Über Jahre hinweg soll die frühere russische Angestellte der Schweizer Botschaft in Moskau Geld ergaunert haben. Mit gleich drei verschiedenen Maschen: Schweiz-russischen Heiratswilligen habe die Übersetzerin bei der Zusammenstellung offizieller Dokumente fiktive Dienstleistungen und falsche Gebühren in Rechnung gestellt, das Geld für sich selbst abgezweigt. Mitunter soll sie auch Dossiers gelöscht haben, um Zahlungen einsacken zu können.

Zweitens habe sie dank einem falschen Invaliditätsausweis bei vollem Lohn nur 80 Prozent gearbeitet und ungerechtfertigte Krankenleistungen bezogen. Und drittens habe sie im Namen der Botschaft gefälschte Rechnungen an den Arbeitgeber ihres Ehemanns geschrieben, damit dieser sich Spesen auszahlen lassen konnte. Die Rede ist von Hunderten gefälschten Dokumenten.

Diese schweren Vorwürfe erhebt das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA). Es hat in Russland Strafanzeige eingereicht. Das EDA bestätigt entsprechende Recherchen dieser Redaktion zu dem Fall, über den auch Radio SRF berichtet hat. Die Schadensumme soll bei insgesamt 5 Millionen Rubel liegen, umgerechnet rund 75'000 Franken.

Aufgeflogen ist die Assistentin des Generalkonsuls laut EDA dank einem aufmerksamen Bürger. Der Schweizer wollte eine Russin heiraten, die Vorbereitung betreute Natalia P. Dem Paar kam eine Rechnung der Botschaft verdächtig vor, weil es dafür keinen Beleg erhalten hatte. Der Mann fragte beim Aussendepartement nach, die Botschaft kam Natalia P. auf die Schliche. Mitte Februar wurde sie freigestellt, Mitte März hat sie die Kündigung eingereicht, nach 17 Jahren als Angestellte.

Anwürfe gegen Botschafter

Noch sind die Ermittlungen nicht abgeschlossen, für die Frau gilt die Unschuldsvermutung. In diesen Tagen werde sie wohl angeklagt, erwartet die 40-jährige Mutter von zwei kleinen Töchtern. «Spätnachts wurde ich am Dienstag drei Stunden lang verhört», sagt sie. «Der russische Geheimdienst drängt auf meine Inhaftierung.» Natalia P. weist sämtliche Anschuldigungen des EDA zurück – seither ist es vorbei mit der Ruhe in dem frisch renovierten Anwesen der Botschaft, das im Juni mit viel Pomp von den Aussenministern Ignazio Cassis und Sergei Lawrow eröffnet worden war. Denn Natalia P. sieht sich als Opfer einer Verschwörung des Schweizer Botschafters Yves Rossier: Er habe ihr sexuelle Avancen gemacht, behauptet sie. Sie habe ihn abgewiesen.

Zudem sei sie dem Missionschef als Angestelltenvertreterin unangenehm geworden. Sie habe sich gegen eine Verschlechterung der Krankenversicherung gewehrt und Unregelmässigkeiten bei der Renovierung der Botschaft erkannt. Darum lasse Rossier sie im Gefängnis verschwinden, mithilfe seines Stellvertreters. Gegen beide hat Natalia P. Strafanzeige eingereicht, auch hier gilt die Unschuldsvermutung.

Warum machen die Schweizer Behörden widersprüchliche Angaben über die Entlassung der Frau?

An die Öffentlichkeit getragen hat Natalia P. ihre Geschichte in zwei Youtube-Videos. Belege hat sie nicht: All ihre Unterlagen seien auf ihrem Arbeitscomputer, zu dem sie keinen Zugang mehr habe, auch gibt es keine Zeugen für die angeblichen sexuellen Avancen. Überprüfen lassen sich die Anschuldigungen damit kaum, zumal Mitarbeiter der Botschaft in Moskau keine Fragen beantworten wollten.

Wie sie selbst ist laut Natalia auch ihr Mann zum unschuldigen Opfer geworden. Der knapp 40-jährige Marketingleiter sitzt seit Juli im Gefängnis, weil er seinen Arbeitgeber um 150'000 Franken betrogen hatte. Für Natalia P. ist das ein gekauftes Urteil, weil ihr Mann zu einer Konkurrenzfirma gewechselt habe. Er sei zu einem Geständnis gezwungen worden, weil der Botschafter ihre Arbeitskorrespondenz an die Strafbehörden weitergeleitet habe. Sie verweist auf Probleme des russischen Rechtsstaats, belegt durch den miserablen Rechtsstaatlichkeits-Rang im World Justice Project. Die Strafjustiz landete auf Rang 101 von 126 untersuchten Ländern.

«Verleumderische Kampagne»

Ihre ehemalige Mitarbeiterin Ekaterina (Name geändert) verteidigt Natalia P. «Ihre Freistellung hat mich überrascht. Sie ist sehr korrekt, hat strenge Prinzipien und hält alles in perfekter Ordnung», sagt sie. Klagen von Heiratswilligen bei der Botschaft seien häufig, weil die Gebühren hoch seien. «Manchmal verlangen auch russische Frauen selbst zu viel Geld von ihren Schweizer Männern. Das erfuhr ich selbst, als ich auf der Botschaft arbeitete», sagt sie.

Natalia P. probierte seit März mehrfach, mit E-Mails an Aussenminister Ignazio Cassis und später an Bundespräsident Ueli Maurer, ihre Argumente anzubringen: Sie sei ohne ordentliche Untersuchung freigestellt worden und habe keine Endabrechnung für Sozialversicherungsbeiträge, Ferien und Überstunden erhalten. Mitte August erhielt sie Antwort: Die Botschaft habe ihren Vertrag zu Recht aufgelöst, Natalia P. solle ihre «verleumderische Kampagne» gegen den Botschafter «umgehend einstellen», die Schadensumme werde zurückgefordert.

Da reichte Natalia P. bei Justizministerin Karin Keller-Sutter eine Aufsichtsbeschwerde gegen das EDA ein. Das Bundesamt für Justiz eröffnete umgehend ein Verfahren. Dieses sollte eigentlich bereits abgeschlossen sein, das EDA beantragte aber zweimal eine Fristverlängerung für seine Antwort.

EDA lässt Fragen offen

Einen detaillierten Fragekatalog dieser Redaktion beantwortete das EDA mit einer kurzen summarischen Stellungnahme. Demnach hat es die Vorwürfe der Frau untersucht: «Es verfügt über keine Belege für ein fehlerhaftes Verhalten und spricht deshalb Botschafter Yves Rossier und dem Team der Schweizerischen Botschaft in Moskau sein volles Vertrauen in ihre Arbeit aus.»

Die Kommunikation des Aussendepartements lässt indes viele Fragen offen. Wie genau wurden die Vorwürfe gegen Rossier abgeklärt? Warum machen die Behörden widersprüchliche Angaben über die Entlassung der Frau? Im April hatte Rossier den russischen Untersuchungsbehörden mitgeteilt, die Frau habe selbst gekündigt. In späteren Mails schrieben EDA-Vertreter hingegen, die Frau sei fristlos entlassen worden. Das teilte das Departement zunächst auch auf eine Anfrage dieser Redaktion mit. Wenig später präzisierte es in einer nachgeschobenen zweiten Fassung, die Frau sei im Februar doch nur freigestellt worden. Das entspricht der Version von Natalia P.

Auch auf Fragen zum Controlling ging das EDA nicht näher ein. So wollte es nicht detailliert erklären, wie eine Frau unbemerkt jahrelang Zehntausende von Franken verschwinden lassen konnte. Erst vor kurzem habe die interne Revision dem Konsularbereich in Moskau ein gutes Zeugnis ausgestellt, heisst es lediglich. Dabei musste Aussenministerin Micheline Calmy-Rey schon 2005 kriminelle Machenschaften in Botschaften beichten. Das neuerliche Problem in Moskau kommt für Aussenminister Ignazio Cassis zu einem heiklen Zeitpunkt: Die Grünen schielen auf seinen Bundesratssitz.

Die Präsidentin der aussenpolitischen Kommission, Elisabeth Schneider-Schneiter, hält den Ball flach. «Man muss sich jetzt auf das laufende Verfahren konzentrieren», sagt sie. «Wichtig ist, dass die Botschaften die nötigen Controlling-Massnahmen ergreifen, aber damit kann nicht jedes Risiko vollständig ausgeschlossen werden.»

Erstellt: 31.10.2019, 21:04 Uhr

Geld gegen Visum

Moskau, Lima, Belgrad, Muskat, Abuja, Islamabad, Jakarta: In all diesen Schweizer Vertretungen gab es 2005 Hinweise auf Visaschummeleien. Ein früherer Angestellter der Schweizer Botschaft in Moskau etwa wurde wegen passiver Korruption verurteilt; er hatte Schmiergeld von 20'000 Dollar für Visa angenommen. Die Geschäftsprüfungskommission des Parlaments kam danach zum Schluss, dass lokale Angestellte der Botschaften Korruptionsfaktoren «in besonders hohem Mass ausgesetzt» seien. Die wichtigste Empfehlung war, dass die Botschafter ihre Führungsfunktion im konsularischen Bereich wahrnehmen müssten – weil unklare Strukturen und fehlende Kontrollmechanismen Korruption begünstigen. Zum konsularischen Bereich gehören nebst der Visaerteilung unter anderem auch Zivilstandsangelegenheiten. (ffe)

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