Breite Kritik an den Endlager-Vorschlägen der Nagra

Für eine Auswahl gäbe es noch gar nicht genügend wissenschaftliche Erkenntnisse, bemängeln die Kantone der beiden möglichen Endlager-Standorte. Kritik am Nagra-Vorschlag kommt auch aus Deutschland.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse reichten für einen Entscheid noch nicht aus: Ein Plakat der Endlager-Gegner im aargauischen Bözberg. (7. Juli 2014)

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse reichten für einen Entscheid noch nicht aus: Ein Plakat der Endlager-Gegner im aargauischen Bözberg. (7. Juli 2014) Bild: Keystone

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Mit der frühen Einschränkung auf zwei mögliche Endlager-Standorte hat die Nagra alle überrascht – am meisten jene Kantone, die noch für den Bau eines geologischen Tiefenlagers im Spiel sind. Die Kantone zweifeln daran, dass es dafür bereits genügend wissenschaftliche Erkenntnisse gibt.

«Die dramatische Einengung der Anzahl Standortgebiete durch die Nagra kann man in dieser Form zumindest für verfrüht halten», sagte der Zürcher Baudirektor Markus Kägi. Er zeigte sich skeptisch, ob seit 2011 genügend Erkenntnisse gewonnen werden konnten, um vier Standorte ausschliessen zu können. Die Zürcher Regierung hielt in einer Mitteilung fest, dass sie ein geologisches Tiefenlager auf ihrem Kantonsgebiet nach wie vor ablehnt.

«Wir wollen kein Endlager», sagte auch der Aargauer Baudirektor Stephan Attiger. Der Bözberg im Kanton Aargau ist neben dem Zürcher Weinland der zweite von der Nagra vorgeschlagene Standort für ein Endlager. Zusammen mit dem Kanton Zürich will Attiger den Entscheid nun genau überprüfen. Der Regierungsrat setze alles daran, dass kein Standort aus politischen Gründen zurückgestellt werde, sagte er.

Untersuchungen nicht überall gleich gründlich

Skeptisch zur frühen Einengung auf zwei Standorte äusserte sich auch die Schweizerische Energie-Stiftung SES. Es wirke «eigenartig», dass nicht alle Standorte gleich gründlich untersucht worden seien. Gezielte Bohrungen und Untersuchungen mit 3D-Seismik seien nur im Weinland erfolgt – also in der jetzt im Fokus stehenden Region Zürich Nordost. Es brauche nun eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung.

Im Kanton Aargau ist man alarmiert ob des Entscheids. Der Verein «Kein Atommüll im Bötzberg» warnt, dass das Gebiet einen hohen geothermischen Wärmefluss aufweise, zudem grosse Grundwasservorkommen und Oberflächengewässer im Einzugsgebiet. Zudem würde ein Endlager zu einem Imageschaden für Landwirtschaft und Weinbau führen. Über die Köpfe der Direktbetroffenen hinweg dürfe der Region kein Atommüll-Endlager aufgedrängt werden.

Besorgnis wird auch in den Kantonen Thurgau und Schaffhausen laut, in deren Nähe das Lager im Weinland entstehen könnte. Auswirkungen auf den Thurgau seien nicht auszuschliessen, deshalb werde man die Berichte und Analysen der Nagra genau prüfen und dazu Stellung nehmen, teilte die Staatskanzlei mit.

Kritik aus Schaffhausen und Waldshut

Auch für den Kanton Schaffhausen sei der Standort Zürich Nordost relevant, sagte Regierungsrätin Ursula Hafner Wipf. Eine Oberflächenanlage wäre nur wenige Kilometer vom Rheinfall und von der Stadt Schaffhausen entfernt. Der Kanton habe daher ein vitales Interesse an einer Mitsprache.

Kritische Stimmen gibt es auch aus dem Ausland. Der Waldshuter Landrat Martin Kistler stellte mit Besorgnis fest, dass beide jetzt vorgeschlagenen Standorte nahe der Grenze liegen. Aufgrund der Unterlagen, die auch die deutsche Seite erhalte, werde man sehr genau die Gründe für das vorläufige Ausscheiden der grenzferneren Standorte prüfen. Zudem kritisierte Kistler in einer Mitteilung die zu enge Definition der Standortregion.

Auch positive Reaktionen

Rita Schwarzelühr-Sutter, parlamentarische Staatssekretärin im deutschen Bundesumweltministerium, erwartet von der Schweiz eine grenzüberschreitende Umweltprüfung. «Wir werden uns weiterhin intensiv am Schweizer Sachplanverfahren beteiligen, um die Interessen der deutschen Bevölkerung geltend zu machen», sagte sie.

Es gibt auch positive Reaktionen auf die Nagra-Vorschläge: Für die Vereinigung Energieforum Nordwestschweiz hat Langzeitsicherheit oberste Priorität. Die beiden Gebiete Jura Ost und Zürich Nordost erfüllten dieses Kriterium am besten, schreibt die Organisation. Politische und gesellschaftliche Überlegungen dürften in der jetzigen Phase des Sachplanverfahrens noch keine Rolle spielen.

Für Nidwalden «ein guter Tag»

Nidwalden hat mit Befriedigung auf den Vorschlag der Nagra reagiert, den Wellenberg als Standort für ein Tiefenlager nicht mehr weiterzuverfolgen. Hans Wicki, Baudirektor von Nidwalden, sagte es sei kein Freudentag, aber ein guter Tag. Nidwalden dürfe sich nach dem Entscheid nicht zurücklehnen, sondern müsse weiterhin an der Sache dranbleiben.

Der Wellenberg liegt in Wolfenschiessen NW am Rande zu Engelberg OW. Der Gemeindepräsident von Wolfenschiessen, Hans Kopp, bezeichnete den Entscheid der Nagra als Lichtblick und zeigte sich erleichtert, dass die grossen Diskussionen nun vorüber seien. Paul Federer, Baudirektor von Obwalden, sagte, dass ein Tiefenlager den Tourismus im Engelbergertal hätte treffen können. Er sagte, es müssten spezielle Erkenntnisse aufkommen, dass der Wellenberg vom Platz sechs nach vorne rücken könnte. (rar/sda)

Erstellt: 30.01.2015, 21:08 Uhr

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