Bern

«Buhrufe machen mir nicht viel aus»

Er war der wohl bekannteste Berner Stadtrat, ganz sicher aber der umstrittenste: Nach seinem Rücktritt erklärt Erich Hess (SVP), wie er im Ausgang beschimpft wird und als Landei in Bern gewählt wurde.

Erich Hess (29), SVP-Politiker und Lastwagenchauffeur, bereut keine seiner Provokationen und ist mit sich im Reinen.

Erich Hess (29), SVP-Politiker und Lastwagenchauffeur, bereut keine seiner Provokationen und ist mit sich im Reinen. Bild: Andreas Blatter

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Erich Hess, meinen Sie alles ernst, was Sie sagen?
Erich Hess: Als junger Politiker muss man gewisse Themen aggressiv angehen, damit man gehört wird. Ein altgestandener Politiker kann seine Meinung eher sachlich rüberbringen.

Ist Politik für Sie also eine Show, die man für die Wähler abzieht?
Nein, eine Show ist es nicht. Als Politiker versuche ich, die persönliche Überzeugung und den Auftrag der Wähler im Parlament durchzusetzen. Weil es in Bern schwierig ist, bürgerliche Ideen durchzubringen, trete ich im Parlament oft lautstark auf.

In Ihrer Abschiedsrede im Stadtrat sagten Sie, Sie würden es schätzen, mit dem politischen Gegner nach der Debatte ein Bier zu trinken.
Relativ viele Stadträtinnen und Stadträte haben sich mit mir an einen Tisch gesetzt. Dabei haben sie gemerkt, dass in mir nicht nur der böse Politiker, sondern auch ein Mensch steckt.

Gibt es Parlamentarier, die Ihnen das Gespräch verweigern?
Das kam immer wieder vor. Nach der letztjährigen Budgetdebatte haben einige ein halbes Jahr nicht mit mir gesprochen

...weil Sie die Sitzung mit unzähligen Sparanträgen bis drei Uhr nachts verzögert haben.
Wenn die Linken im Voraus die SVP-Anträge angenommen hätten, wäre die Debatte kürzer geworden.

Das ist Erpressung.
Das tun die Linken auch.

Geniessen Sie es, wenn Ihre Voten im Stadtrat Buhrufe ernten?
Es macht mir nicht viel aus. Ich habe ein dickes Fell.

Fallen die markigen Worte spontan?
Manchmal hab ich was im Hinterkopf. Manchmal sind die Sprüche spontan. Ich habe noch keine Provokation bereut.

Auch nicht, als Sie vor Jahren im Stadtrat ausländische Sozialhilfeempfänger mit Ameisen verglichen haben? Damals hat sich sogar Ihre Partei entschuldigt.
Ich würde es heute wohl anders formulieren. Aber ich bereue die Aussage nicht. Ich habe die Ausländer nicht direkt mit Ameisen verglichen. Ich habe eine Fabel erzählt. Und Fabeln sind oft gesellschaftskritisch.

Sie haben doch geahnt, dass diese Aussage für Empörung sorgt.
Ich habe nicht gedacht, dass sie solche Wellen schlägt. Aber immerhin hat die Bevölkerung bemerkt, dass die SVP – oder zumindest Erich Hess – etwas dagegen hat, wenn abgewiesene Asylbewerber vergoldet werden.

Solche Provokationen erzeugen Abwehrreflexe. Viele sind aus Prinzip dagegen, selbst wenn Hess was Schlaues sagt.
Ich weiss bei jedem Thema haargenau, wie die Fronten verlaufen. Wenn die Bürgerlichen die Chance auf eine Mehrheit haben, argumentiere ich zurückhaltender. Wenn aber bereits alles verloren ist, drücke ich auf die Tube. Die Stadt steht weit links. Wir müssen Gegensteuer geben. Wie bei der Reitschule-Initiative. Seit dem Start der Initiative gabs keine gewalttätige Demo mehr in Bern, und die Situation auf dem Vorplatz hat sich beruhigt. Ich bin gespannt, wie es nach der Abstimmung weitergeht.

Apropos Initiative: Sie haben noch nie gesagt, was mit dem Gebäude danach passieren soll.
Wir lassen das offen. Das ist bei jedem Verkauf, bei jeder Vergabe so. Nehmen wir als Beispiel Wankdorf City. Dort schreibt die Stadt auch Grundstücke aus, ohne zu wissen, was kommt

...mit dem Unterschied, dass die Grundstücke in Wankdorf City nicht an den Meistbietenden gehen. Als die Idee eines Islamzentrums aufkam, sagten die Behörden sofort Nein.
Bei der Reitschule kann es für die Bürger nur besser werden. Es spielt im Prinzip keine Rolle, was danach reinkommt.

Werden Sie auf der Strasse angepöbelt?
Ja. Deshalb meide ich am Wochenende exponierte Stellen in der Stadt. Gerade wenn die Leute zu viel getrunken haben, wirds mühsam.

Ihre Provokationen haben Sie zu einem bekannten Stadtrat gemacht. Doch Ihr Leistungsausweis ist dürftig.
Das stimmt nicht. Das Referendum gegen den Entsorgungshof Nord habe ich im Alleingang zustande gebracht. Es war die erste Abstimmung seit 15 Jahren, welche die bürgerliche Seite gewonnen hat. Dadurch konnten wir fast 25 Millionen Franken Steuergelder einsparen. Die Motion zu den Netzen an den Brücken kam von mir. Seither gibts auf den Berner Brücken keine Suizide mehr. Auch haben sich diese nicht verlagert. Damit konnten wir Menschenleben retten.

Welche Niederlage hat Sie besonders geschmerzt?
Als Bürgerlicher steckt man in Bern zahlreiche Niederlagen ein. Ich laufe nach dem Motto: Einstecken und weitermachen.

Sie werden oft als Marionette von SVP-Grossrat Thomas Fuchs bezeichnet. Stört Sie das?
Ich glaube nicht, dass das noch der Fall ist. Weshalb meinen Sie?

Sie bringen Ideen ins Parlament, für die Thomas Fuchs früher gekämpft hat. Oder während der Budgetdebatte sass Fuchs als Einziger bis drei Uhr morgens auf der Zuschauertribüne.
Wir sind gute Freunde, seit wir uns in der SVP kennen gelernt haben. Doch ich habe das Gefühl, mich politisch von ihm emanzipiert zu haben. Es ist ein Märchen, dass er meine Vorstösse liest, bevor ich sie einreiche.

Wie wurden Sie politisiert?
Ich habe mich bereits in der Schule für Politik interessiert. Im Radio und in den Zeitungen lernte ich die linke Grundhaltung kennen. Ich regte mich fürchterlich darüber auf. In einer Bar im Eggiwil hat mich ein Mitglied der Jungen SVP angeworben, das war 1997 oder 1998. Als die LSVA zur Abstimmung kam, habe ich meine ersten Podiumsgespräche organisiert. Als Lastwagenchauffeur war ich ja ein Direktbetroffener.

Waren Ihre Eltern politisch?
Das Gegenteil war der Fall: Sie haben mich gebremst. Ich war ja noch in der Lehre und sollte mich auf den Beruf konzentrieren.

Aufgewachsen sind Sie in Zollbrück im Emmental. Danach wohnten Sie in Jegenstorf, und noch heute arbeiten Sie in Schüpfen. Wie kamen Sie auf die Idee, Berner Stadtrat zu werden?
Ich wurde von der Stadtpartei angefragt, ob ich aushelfen kann. Kurz vor den Wahlen hatten zwei Personen die SVP-Liste verlassen. Also verlegte ich meine Schriften kurzerhand nach Bern. Eigentlich wollte ich danach auf dem Land weiterpolitisieren. Aber es kam anders: Ich kam in den Stadtrat.

Als Grossrat müssen Sie nicht mehr in Bern wohnen. Ziehen Sie zurück aufs Land?
Nein, ich habe Bern ins Herz geschlossen. Hier müsste man nur noch die linke Regierung und das Parlament auswechseln.

> (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.09.2010, 20:25 Uhr

Vom Lückenfüller zum Leithammel

Als von SVP-Grossrat Thomas Fuchs «importierter» Lückenfüller trat Erich Hess Ende 2004 zu den Berner Stadtratswahlen an – und verpasste nach engagiertem Strassenwahlkampf die Wahl um bloss 13 Stimmen. Im April 2005 rutschte der Lastwagenfahrer aus Jegenstorf nach. Das war der Start einer rasanten Politkarriere: Bald wurde Hess Präsident der kantonalen und der schweizerischen Jungen SVP. 2008 avancierte er zum SVP-Fraktionschef im Stadtrat, zudem präsidierte er die Planungskommission. Im März dieses Jahres wurde der mittlerweile 29-Jährige in den Grossen Rat gewählt. Letzte Woche trat er deswegen aus dem Stadtrat zurück. Trotz den vielen Ämtern arbeitet Hess noch heute zu 80 Prozent als Lastwagenfahrer – dank seiner «raschen Auffassungsgabe» könne er alles unter einen Hut bringen, erklärt Hess.

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