Bund erwägt, den Hauskauf zu erschweren

Nach einem neuen Vorschlag soll der Vorbezug von Alterskapital für den Erwerb von Wohneigentum eingeschränkt werden. Für die Immobilienbranche hätte das beträchtliche Folgen.

Etwa ein Drittel aller Käufe von neu erstelltem Wohneigentum wird über die berufliche Vorsorge mitfinanziert: Baustelle in Meggen LU.

Etwa ein Drittel aller Käufe von neu erstelltem Wohneigentum wird über die berufliche Vorsorge mitfinanziert: Baustelle in Meggen LU. Bild: Keystone

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Während das Parlament mit neuen Steuerabzügen den Erwerb von Wohneigentum erleichtern will, arbeitet die Bundesverwaltung im Stillen in die entgegengesetzte Richtung. Die BVG-Kommission – ein Beratergremium, das die Gesetzgebung zur beruflichen Vorsorge wesentlich mitprägt – befasst sich derzeit mit einem Projekt, das für die Immobilienbranche weitreichende Folgen haben könnte. Die Kommission berät einen vom Bundesamt für Sozialversicherungen erarbeiteten Bericht, der kritisch über den Vorbezug von Geld aus der zweiten Säule urteilt: Die Verwendung von Alterskapital für den Häuser- oder Wohnungskauf werde voraussichtlich zu finanziellen Engpässen führen, heisst es in dem von der «NZZ am Sonntag» publik gemachten Dokument.

Befürchtet wird, dass immer mehr Personen im Alter auf Ergänzungsleistungen angewiesen sind, weil sie zu viel von ihrem Ersparten bereits ausgegeben haben. Auch die heute gerne genutzte Option, sich beim Eintritt ins Rentenalter das angesparte Pensionskapital auszahlen zu lassen, machen die Fachleute des Bundes als Armutsfalle aus.

Den Vorschlag, jeglichen Kapitalbezug zu verbieten, lehnt die BVG-Kommission zwar ab. Sie zeigt sich aber offen für eine Palette von Verschärfungen. Eine Idee sieht etwa vor, dass zumindest der obligatorische Grundstock des Altersguthabens unangetastet bliebe und nur noch der überobligatorische Teil für den Bezug zur Verfügung stünde. Eine andere Variante geht dahin, dass das Alterskonto nur noch bis zum 40. statt wie heute bis zum 50. Lebensjahr für den Hauskauf geleert werden dürfte.

Zinsen begünstigen Vorbezug

Für wie viele Leute wäre bei Realisierung dieser Massnahmen der Traum vom Eigenheim ausgeträumt? Eine Antwort fällt schwer, zumal der Bund keine aktuelle Statistik über die Finanzierung von Wohneigentum führt. Gewisse Anhaltspunkte ergeben sich indes aus einer «Wirkungsanalyse der Wohneigentumsförderung», die im Jahr 2003 im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen erarbeitet wurde. Gemäss diesem Forschungsbericht wurde zwischen 1995 und 2001 ein Drittel aller Käufe von neu erstelltem Wohneigentum über die berufliche Vorsorge mitfinanziert.

Beim Erwerb bereits bestehender Häuser und Wohnungen spielte vorbezogenes Pensionskassengeld zumindest in jedem fünften Fall eine Rolle. Die tiefen Hypothekarzinsen der letzten Jahre dürften die Beliebtheit dieses Finanzierungsmodus eher gesteigert haben. Insofern ist mit einem beachtlichen Effekt zu rechnen, sollten die entsprechenden Möglichkeiten eingeschränkt werden.

«Negative Auswirkungen werden zum Teil dramatisiert»

In der Tat geht der Schweizerische Hauseigentümerverband (HEV) davon aus, dass sich die Ideen der Verwaltungsexperten auf den Wohneigentumserwerb «schwächend» auswirken würden. Für eine genaue Stellungnahme müsse man aber zuerst konkrete Vorschläge des Bundesrates abwarten, sagt HEV-Vizedirektorin Monika Sommer. Fest steht für sie: «Die negativen Auswirkungen des Vorbezugs auf die Altersvorsorge werden zum Teil dramatisiert. Mir ist nicht bekannt, dass die Situation in den letzten Jahren irgendwo eskaliert wäre.»Sorgen machen sich inzwischen freilich auch bürgerliche Politiker, die der Wohneigentumsförderung traditionell wohlgesinnt sind. Im Juni reichte BDP-Nationalrat Martin Landolt eine Interpellation ein, in der er vom Bundesrat Auskünfte über die «unerwünschten Folgen des Vorbezugs von Vorsorgegeldern» erbat. Die Antwort steht noch aus. Unter Landolts Kollegen, die den Vorstoss unterzeichneten, findet sich mit dem Freisinnigen Markus Hutter sogar ein Vorstandsmitglied des HEV. Hutter war gestern nicht erreichbar.

Erstellt: 26.07.2011, 06:19 Uhr

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Ältere Stellensuchende bezahlen ihre teure PK selber

Ein 60-Jähriger finde schwer Arbeit, weil ihm viel in die Pensionskasse bezahlt werden müsse. Laut einer neuen Studie ist dieser weit verbreitete Glaube falsch.

Mit dem 55. Geburtstag wird Otto Normalarbeitnehmer teuer: Die Lohnbeiträge, die sein Arbeitgeber und er selber an seine Altersvorsorge zu leisten haben, steigen dann auf 18 Prozent. Für 25-Jährige beträgt dieser Satz 7 Prozent. Der abgestufte Anstieg dieser Altersgutschriften wird immer wieder als eine der Ursachen dafür angeführt, dass es über 55-Jährige auf dem Arbeitsmarkt besonders schwer hätten. Erst im März forderte Ständerat Luc Recordon (Grüne, VD) mit einem Postulat wieder, die Beitragssätze einzuebnen, um die Chancen der älteren Generation bei der Stellensuche zu erhöhen. Vergleichbare Anliegen waren in der Vergangenheit vor allem daran gescheitert, dass die Umstellung auf ein stufenloses System nur unter enormen Kostenfolgen zu bewältigen wäre. Recordon hat sein Postulat denn auch bereits freiwillig wieder zurückgezogen.

Überschätzte Schwellen

Eine neue Studie der Basler Ökonomen George Sheldon und Dominique Cueni stellt nun indes auch die Wünschbarkeit einer solchen Einebnung infrage. Sheldon und Cueni folgern aus ihren empirischen Untersuchungen, dass die Erfolgschancen von Stellensuchenden zwischen dem 20. und dem 60. Altersjahr «einigermassen linear zurückgehen». Keinerlei Hinweise fanden sich darauf, dass die Anstellungsquote an jenen Altersschwellen, an denen die Beitragssätze steigen – 25, 35, 45, 55 –, markant einknickt. Höhere Pensionskassenbeiträge, meinen die Autoren, hätten also offensichtlich «keine systematisch negativen Beschäftigungsfolgen».

Der Berner Sozialversicherungsexperte Werner C. Hug hält dieses Ergebnis für glaubhaft, mehr noch: «Es bestätigt, was wir aus der Praxis schon lange wissen: Wenn eine erfahrene, hochwertige Arbeitskraft gesucht wird, spielt der Stufensatz bei der Pensionskasse keine Rolle.»

Die wichtigste Ursache, die Sheldon und Cueni für den ausbleibenden Negativeffekt vermuten, klingt indes bedenklich: Viele Unternehmen überwälzten die Arbeitgeberbeiträge «stark oder gar vollständig» auf die Löhne ihrer Angestellten. Dies hätten internationale Forschungen gezeigt. Höhere Altersgutschriften schmälern demzufolge primär den Lohn, nicht die Beschäftigungschancen.

Diskriminierung als Problem

Wenn es aber nicht das Berufsvorsorgegesetz ist, das die offensichtlichen Probleme der älteren Generation auf dem Arbeitsmarkt verursacht: Was dann? Die Studie geht darauf nicht ein. Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, erklärt das Negativphänomen schlicht und einfach mit «Diskriminierung». Was nichts anderes bedeute, als dass die eigentlichen Gründe niemand kenne.

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