Bund kann bei 148 Staudämmen Bebensicherheit nicht garantieren

Die Kraftwerksbetreiber müssen bis Ende Jahr den Nachweis liefern, ob ihr Staudamm einem starken Erdbeben standhält. Sonst drohen Sanktionen.

Auch das EWZ hinkt mit dem Sicherheitsnachweis hinterher: Der Stausee Solis des EWZ in der Schinschlucht bei Tiefencastel GR. (21. März 2011)

Auch das EWZ hinkt mit dem Sicherheitsnachweis hinterher: Der Stausee Solis des EWZ in der Schinschlucht bei Tiefencastel GR. (21. März 2011) Bild: Keystone

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Zehn Jahre hatten die Kraftwerksbetreiber Zeit, ihre Hausaufgaben zu erledigen. Auf Geheiss des Bundesamts für Energie (BFE) von Bundesrätin Doris Leuthard mussten sie überprüfen, ob ihre Staudämme einem extrem starken Erdbeben standhalten. Je nach Grösse der Anlage galt als Richtwert ein Beben mit einer Wiederkehrperiode von 10'000, 5000 oder 1000 Jahren. Die Erschütterungen sind dabei so heftig, dass bei Gebäuden Wände und Dächer einstürzen, sich Risse im Boden bilden und Erdrutsche niedergehen.

Nach Ablauf der Frist zeigt sich: Einen Sicherheitsnachweis hat das BFE nur bei 142 der total 206 Anlagen erhalten (69 Prozent). Dass ein Staudamm erdbebensicher ist, kann das BFE allerdings erst bescheinigen, wenn es die Unterlagen geprüft und für korrekt befunden hat. Dies ist erst bei 58 Anlagen der Fall, wobei das BFE bei deren 6 anordnete, den Staudamm zu verstärken, etwa mit einer Schüttung bei der Anlage Bortelsee VS oder mit Betonblöcken bei der Mauer Les Toules VS. Mit anderen Worten: Bei 148 Staudämmen kann der Bund die Erdbebensicherheit derzeit «nicht definitiv bestätigen», wie Georges Darbre sagt, BFE-Beauftragter für die Sicherheit der Talsperren. Mit Blick auf den Rücklauf von fast 70 Prozent spricht er gleichwohl von einem «guten Resultat».

Pegel des Stausees senken

Die säumigen Kraftwerksbetreiber müssen nun bis spätestens Ende Jahr den Sicherheitsnachweis einreichen. Tun sie dies nicht, kann das BFE die Situation selber abklären, dies auf Kosten der Kraftwerksbetreiber. Im Extremfall kann es aus Sicherheitsgründen veranlassen, den Pegel des Stausees abzusenken. Darbre rechnet freilich nicht damit, dass das BFE zu solchen Mitteln greifen muss.

Ihre Pflicht noch nicht erfüllt haben mehrere grosse Energieunternehmen. So fehlt der Sicherheitsnachweis für den Damm des über drei Quadratkilometer grossen Klöntalersees am Fuss des Glärnischmassivs. Besitzerin ist die Axpo, an welcher der Kanton Zürich beteiligt ist. Bis Ende September muss die Axpo das Versäumnis nachholen. Die Verzögerung erklärt ein Sprecher mit «Kapazitätsgründen». Man habe in Absprache mit dem BFE eine Priorisierung der Anlagen vorgenommen. Der Nachweis für die grosse Stauanlage Limmernboden GL etwa ist seit letztem Jahr erbracht.

EWZ: Nur eine Stauanlage ausgewiesen

Auch das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) hinkt dem Fahrplan des BFE hinterher. Von seinen sechs Anlagen im Kanton Graubünden hat es den Sicherheitsnachweis nur in einem Fall erbracht, bei der Anlage Burvagn in der Nähe von Savognin. In vier Fällen hat es eine Fristerstreckung erfolgreich beantragt. Bei einer Stauanlage, Solis in Mittelbünden, hat das BFE vom EWZ bis gestern weder Unterlagen erhalten, noch wurde es um Aufschub gebeten. Erst jetzt, nach der Publikation der Liste durch das BFE, reicht das EWZ die Papiere eilends nach.

EWZ-Sprecher Harry Graf weist den Vorwurf zurück, wonach das EWZ die Aufgabe nicht ernst genommen hat. «Die Komplexität der Aufgabe hat uns überrascht.» Jede Stauanlage sei anders, eine Überprüfung zeitaufwendig, es gebe nur wenige dazu befähigte Fachleute. Dazu kämen Unwägbarkeiten: Beim Staudamm Marmorera etwa habe das EWZ mit einem Experten zusammengearbeitet, der kurz vor Abschluss der Arbeiten überraschend verstorben sei.

«Schlechte Planung»

Ebenfalls im Verzug sind die Kraftwerke Oberhasli, deren Hauptaktionär der Berner Energiekonzern BKW ist. Betroffen sind fünf seiner acht Speicherseen, so die Anlagen Gelmer, Grimsel Seeuferegg, Handeck, Mattenalp und Trübtensee. Sprecher Ernst Baumberger begründet die Verzögerung beim Grimsel mit dem juristischen Seilziehen um die Erhöhung der Staumauern. Es sei nicht klar, auf welcher Grundlage die Berechnungen erfolgen sollten. Wie Graf vom EWZ ortet auch Baumberger einen Mangel an Experten. Darbre vom BFE bestätigt dies zwar, übt aber dennoch leise Kritik: Das Versäumnis resultiere nicht zuletzt aus der «teils schlechten Planung» der Kraftwerksbetreiber.

Erstellt: 09.04.2013, 06:45 Uhr

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