Bund kurbelt Fleischkonsum mit Werbung an

«Schweizer Fleisch – alles andere ist Beilage»: Die bekannte Werbeserie wird vom Steuerzahler kräftig mitfinanziert.

Schweizer Fleisch bi de Lüt: Carnelli, das Maskottchen von Proviande, bei der Schweizer Fleisch Summer Trophy 2014 in Meiringen. Foto: Proviande

Schweizer Fleisch bi de Lüt: Carnelli, das Maskottchen von Proviande, bei der Schweizer Fleisch Summer Trophy 2014 in Meiringen. Foto: Proviande

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Die Schweizerinnen und Schweizer fürchten offenkundig um ihr Essen, und der Bundesrat teilt ihre Angst: In Rekordfrist kam 2014 die Volksinitiative des Bauernverbands für «Ernährungs­sicherheit» zustande, und der Bundesrat beschloss unverzüglich, einen Gegenvorschlag zu lancieren. «Die Bereitstellung von genügend Nahrungsmitteln in ausreichender Qualität ist auf globaler Ebene eine zentrale Herausforderung der Zukunft», hielt das Wirtschaftsdepartement im Oktober fest. Bis spätestens im Sommer soll der Verfassungstext vorliegen – mit dem Ziel, durch eine «effiziente Produktion» das «Optimum» aus den Schweizer Böden herauszuholen.

Umso problematischer erscheint vor diesem Hintergrund, dass der Bund heute den Verzehr von Fleisch aktiv ankurbelt. Wie das «Pro Natura Magazin» in seiner neuesten Ausgabe aufschlüsselt, werden die bekannten Werbe­plakate des Fleischwirtschaftsverbands Proviande («Schweizer Fleisch – alles andere ist Beilage») wesentlich über Bundesgelder bezahlt. Konkret trägt die öffent­liche Hand 50 Prozent der Kosten, wie das Bundesamt für Landwirtschaft und Proviande auf Anfrage bestätigen. Der genaue Betrag wird nicht bekannt gegeben; insgesamt erhält Proviande für Werbe- und Marketingaktionen aller Art jährlich rund 6 Millionen Franken aus Bundesbern.

«Absolut stossend»

Dass der Bund Plakatwerbung für Steaks und Würste betreibt, findet der Basler SP-Nationalrat und Agrarspezialist Beat Jans «absolut stossend». Für die Selbstversorgung wäre es laut Jans gerade das Klügste, den Fleischkonsum zu reduzieren. Er plant nun einen Vorstoss, um die Geldzufuhr für die Proviande-Kam­pagne zu stoppen. Ernähungsfachleute dürfte er damit auf seiner Seite haben: «Für die weltweite Ernährungssicherung ist der anhaltend steigende Fleischkonsum fatal», hielt etwa das evangelische Hilfswerk «Brot für die Welt» unlängst wieder fest. Und rechnete vor, dass man 7 bis 16 Kilo Getreide benötige, um ein Kilo Fleisch zu produzieren. Die Viehzucht beanspruche Ackerflächen, die dringend zur Produktion von Grundnahrungsmitteln benötigt würden.

Für Markus Ritter, den Präsidenten des Schweizerischen Bauernverbands, ist damit allerdings den Besonderheiten der Schweizer Landschaft zu wenig Rechnung getragen. Drei Viertel des Kulturlands seien hier mit Gras bewachsen, betont der St. Galler CVP-Nationalrat: «Für den Ackerbau sind grosse Teile der Schweiz ungeeignet; dort steht eben die Viehzucht im Vordergrund.»

Freilich ist darüber hinaus umstritten, ob sich der Staat überhaupt als Werbesponsor für Esswaren betätigen soll. Es geht bei weitem nicht nur um Fleisch: Unter dem Titel «Absatzförderung» zahlt der Bund jedes Jahr rund 54 Millionen an Kampagnen aller Art, sei es für Milch, Eier oder Gemüse – aber auch für Zierpflanzen, wie der letztjährige Agrarbericht zeigt. «Solche Werbekampagnen sind keine Staatsaufgabe», findet SP-Nationalrat Jans. Bauernpräsident Ritter weist demgegenüber darauf hin, dass der Bund auch anderweitig Werbung unterstütze, etwa über Schweiz Tourismus. «Wenn schon, dann müsste man die Standortförderung durch den Staat gleich komplett infrage stellen», so Ritter. Bei Proviande gibt man zudem zu bedenken, dass auch die EU-Länder für ihre Agrarprodukte Werbung betrieben.

Ergänzen liesse sich: Von der Pro­viande-Werbung profitierten auch staatlich unterstützte Sportveranstaltungen oder SRF-Sendungen wie «Giacobbo/Müller» und «Meteo». Das Werbegeld ist hier also an den Staat zurückgeflossen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.01.2015, 22:58 Uhr

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