Bund zieht bei Tante Ju die Schraube an

Das Bundesamt für Zivilluftfahrt entzieht der Ju-Air die Bewilligung für kommerzielle Flüge. Es bleibt ein Schlupfloch: private Flüge für Vereinsmitglieder.

Mit Tante Ju auf Rundflug: Pilot Roland Bütler weist die Passagiere ein, die alle einen Fensterplatz haben. Foto: Reto  Oeschger

Mit Tante Ju auf Rundflug: Pilot Roland Bütler weist die Passagiere ein, die alle einen Fensterplatz haben. Foto: Reto Oeschger

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Das hat sich die Ju-Air in Dübendorf ZH wohl anders vorgestellt. Erst noch kündete sie an, den Flugbetrieb nach dem Grounding vom November am Osterwochenende wieder aufnehmen zu wollen. Nun aber funkt das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) dazwischen. Es hat der Ju-Air am Dienstag die Bewilligung für kommerzielle Flüge entzogen. Nach dem Absturz mit 20 Toten oberhalb von Flims GR im August habe man die Risiken von Passagierflügen mit Oldtimern neu beurteilt und sei zum Schluss gekommen, «dass ein kommerzieller Weiterbetrieb mit historischen Luftfahrzeugen die heutigen Sicherheitsanforderungen nicht mehr erfüllt».

Das Bundesamt stützt seinen Entscheid auf die Fakten der Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust). Diese stellte beim abgestürzten Flugzeug «erhebliche Korrosionsschäden» an Holmen, Scharnieren und Beschlägen der Tragflügel fest sowie Mängel bei neu angefertigten Teilen für die drei BMW-Motoren. Zudem seien die Ersatzteile unzulänglich dokumentiert und bewirtschaftet. Das erste Grounding wurde im November verhängt, weil die verbleibenden beiden Flugzeuge ähnlich alt sind. Die beiden Oldtimer in Dübendorf dürfen gemäss Bazl erst wieder in die Luft, wenn die geforderten technischen Massnahmen «vollständig definiert und umgesetzt sind».

Dem Bazl, so Sprecher Urs Holderegger, gehe es nicht darum, «historische Flugzeuge vom Himmel zu holen, aber wir wollen künftig genauer wissen, wie diese betrieben, geflogen und gewartet werden». Eine Möglichkeit lässt der Bund der Ju-Air trotzdem: Ein Betrieb im privaten Rahmen und unter nationalen Auflagen soll weiterhin möglich sein. Mit einer Vereinslösung sollen Mitglieder, «die den Erlebnisflug suchen und ein Interesse am Weiterbetrieb historischer Flugzeuge haben», so das Bazl, weiterhin mitfliegen dürfen.

Aufklärung über Risiko

Die Passagiere müssen seit mindestens 30 Tagen Vereinsmitglieder sein und über die höheren Risiken aufgeklärt sein. «Vereinsmitglieder kennen das Flugzeug und die Risiken und fliegen mit einem ganz anderen Bewusstsein mit als ein Kegelverein, der kurzfristig einen Abendrundflug bucht», so Holderegger.

Für die Ju-Air konterte Sprecher Christian Gartmann mit einem ziemlich forschen Communiqué. Die Ju-Air werde weiterfliegen – und zwar mit drei komplett restaurierten Flugzeugen. Sie fordert eine Übergangsregelung, «die einen sicheren Flugbetrieb ermöglicht, während die administrativen Arbeiten abgeschlossen werden». Man hoffe, bereits Ende Mai wieder mit der HB-HOS, das ist jenes Flugzeug mit der IWC-Werbung, fliegen zu können.

Die Maschine ist gegenwärtig noch zerlegt. Sie wurde umfassenden Korrosionsuntersuchungen unterzogen. Mit hochauflösenden Boroskopkameras wurden die Flügelholme und Hohlräume in Flügeln, Leitwerken und Rumpf ausgeleuchtet. Zudem wurden sämtliche Verbindungspunkte innerhalb der Flügel mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. «Das Flugzeug ist in sehr gutem Zustand und kann sicher betrieben werden», sagt Gartmann.

Auslandflüge sind passé

Das Bazl will sich auf keine Zusage für eine Übergangsbewilligung festlegen. «Wenn die Ju bereits im Juni wieder fliegen will, bedingt das noch sehr viel Arbeit – und zwar nicht nur Administratives», sagt Sprecher Holderegger. So würden dem Bundesamt noch viele Unterlagen fehlen,die einen sicheren Betrieb gewährleisten, zum Beispiel die Röntgenaufnahmen. Das Bazl erwäge zudem, bei einer Übergangsregelung die maximale Passagierzahl von derzeit 17 einzuschränken, wie zum Beispiel in Frankreich. Auch eine Limitierung der möglichen Flugrouten sei denkbar. «Klar ist bereits heute», so Holderegger, «dass eine Schweizer Ju mit einer nationalen Bewilligung künftig nicht mehr im Ausland fliegen darf».

Die Beschränkung auf Vereinsmitglieder bedeutet für die Ju-Air laut Gartmann «keine wesentliche Änderung». Bereits heute würden die allermeisten Passagiere einen Gutschein kaufen, in dem auch die Vereinsmitgliedschaft inbegriffen sei; 7000 Mitglieder zählt der Verein. Im Sommer 2019 soll bloss die IWC-Ju eingesetzt werden, die HB-HOP werde ebenfalls generalüberholt und soll 2020 wieder einsatzbereit sein.

Die zehn Jahre jüngere HB-HOY, ein Lizenzbau aus dem Jahre 1949, steht weiterhin in Mönchengladbach. Sobald sie in die Schweiz geholt werden kann, soll sie ebenfalls umfassend saniert werden. Die Ju-Air sei solide finanziert und habe über 36 Jahre Rückstellungen gebildet, so Gartmann. «Und wir können uns auf Unterstützer verlassen, denen die Aviatikgeschichte dieses Landes wichtig ist.»

Erstellt: 12.03.2019, 21:17 Uhr

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