Bundesämter stiften Verwirrung um Armeewaffensuizide

Knapp die Hälfte der Suizide in der Schweiz würden mit Armeewaffen begangen, hielt vor kurzem die Ärztezeitung fest – und sorgte für Aufruhr beim Verteidigungsdepartement. Jetzt doppelt das BAG nach.

Ist bei jedem zehnten Schusswaffensuizid eine Armeewaffe involviert? Oder bei jedem zweiten?: Mann mit einem Sturmgewehr Modell SIG 550 der Schweizer Armee (Symbolbild).

Ist bei jedem zehnten Schusswaffensuizid eine Armeewaffe involviert? Oder bei jedem zweiten?: Mann mit einem Sturmgewehr Modell SIG 550 der Schweizer Armee (Symbolbild).

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Die Bundesbehörden sind sich offenbar uneinig darüber, wie viele Menschen sich in der Schweiz mit Armeewaffen das Leben nehmen. Im Dezember meldete das Verteidigungsdepartement gestützt auf Zahlen des Bundesamtes für Statistik, dass bei Schusswaffensuiziden in der Schweiz 9 Prozent mit einer Armeewaffe (Pistole oder Sturmgewehr) begangen werden. Als Basis dienten die Kriminalstatistiken der Polizeikorps für das Jahr 2009.

Das Bundesamt für Gesundheit BAG veröffentlicht nun jedoch ganz andere Zahlen: Es hat auf seiner Website ein «Faktenblatt» zum Thema Suizid mit Schusswaffen veröffentlicht. Es hält darin fest, dass im Mittel 49 Prozent aller Schusswaffensuizide mit Armeewaffen begangen würden.

Bereits Anfang Januar hatte der Verfasser des Faktenblatts, der Psychiater Thomas Reisch von der Universität Bern, mit der Erwähnung dieser Zahl in einem Artikel der Schweizerischen Ärztezeitung für Aufruhr gesorgt. Das VBS reagierte pikiert: Es publizierte eine Rüge an die Medien auf seiner Website und wiederholte sein Bekenntnis zu den 9 Prozent. Jetzt widersprechen die Kollegen vom Bundesamt für Gesundheit öffentlich.

Unterschiedliche Grundlagen

Sowohl BFS als auch BAG betonen gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet, die beiden Datensätze seien nicht vergleichbar, da sie auf unterschiedlichen Grundlagen beruhen. «Sie sind unabhängig voneinander entstanden», so eine Sprecherin des BAG.

Tatsächlich beziehen sich die beiden Statistiken auf unterschiedliche Quellen. Das BFS hat für seine Tabelle die Berichte der Polizei ausgewertet – wo der Polizist einfach «Pistole» als Tatmittel angab, hat das BFS das übernommen, weitere Kategorien sind «Sturmgewehr» oder auch «ungenau angegeben». Die Tabelle bildet also einfach «die polizeiliche Praxis ab», wie das BFS in einer Stellungnahme einräumt.

«Die Zahlen sind inkonsistent», kritisiert Reisch. Sie gäben wieder, was die Polizei erfasst habe – und für diese sei die Frage nach Armeewaffe oder nicht bislang sekundär. Auch hinter der polizeilichen Kategorie «Gewehr» oder «Pistole» seien deswegen teilweise Armeewaffen versteckt – bei den Sturmgewehren zu rund 70 Prozent, bei den Pistolen zu rund 30 Prozent.

Studie in Auftrag gegeben

Philippe Stauffer vom BFS räumt ein, dass sein Amt für die Tabelle mit den Daten aus dem Polizeisystem arbeite. Waffen mit einer Verbindung zur Armee seien dort aber als solche gekennzeichnet – von daher «sollten die anderen Kategorien keine solche Waffentypen enthalten». Man könne «im Prinzip ausschliessen», dass in diesen Rubriken Armeewaffen enthalten seien. Es sei angesichts der Datenlage tatsächlich «schwierig, sich eine klare Meinung zu bilden», so Stauffer. In seiner Definition sei das BFS aber sehr genau.

In Bern ist man sich der unklaren Faktenlage offenbar bewusst. Im September 2010 hat der Nationalfonds eine Studie zum Thema Waffengewalt für die Jahre 2000 bis 2010 in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse allerdings werden erst Ende dieses Jahres erwartet – zu spät für die Abstimmung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.02.2011, 16:57 Uhr

Studien

Das Faktenblatt des BAG stützt sich auf vier Studien:


  • Frei et al. untersuchten 2006 den Anteil von Armeewaffen an Schusswaffensuiziden im Kanton Basel. Sie untersuchten die Daten der Rechtsmediziner und kamen auf einen Anteil von 41,6 Prozent. (2006)


  • Walti-Jenni und Walti stellten im Kanton Zug mit Verweis auf die Polizeistatistik einen Anteil von 46,9 Prozent fest. (2008)


  • Killias et al. untersuchten rechtsmedizinische Akten aus sieben Kantonen und kamen auf einen Anteil von 68 Prozent (2006)

  • Reisch prüfte 2010 in einer eigenen Arbeitsgruppe die Akten rechtsmedizinischer Institute in acht Kantonen und kam auf einen Anteil von 44,2 Prozent. (2010)

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