Bundesamt für Gesundheit steht ohne Arzt da

Die Geschäftsleitung des Bundesamts für Gesundheit besteht aus zehn Personen. Niemand davon ist Arzt. Politiker und Ärztegesellschaften kritisieren fehlendes Fachwissen.

Gesundheitspolitik ohne medizinisches Fachwissen: Bundesrat Alain Berset und sein Amtsdirektor Pascal Strupler (l.) haben keine Mediziner in der Geschäfstleitung. (22. Januar 2013)

Gesundheitspolitik ohne medizinisches Fachwissen: Bundesrat Alain Berset und sein Amtsdirektor Pascal Strupler (l.) haben keine Mediziner in der Geschäfstleitung. (22. Januar 2013) Bild: Keystone

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Mit Gaudenz Silberschmidt verliess Ende September 2012 der letzte ausgebildete Arzt die Geschäftsleitung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Sein Posten ist seither verwaist. Die Stellenausschreibung läuft. Das BAG hat hierzu ein externes Beratungsbüro hinzugezogen. Über den Stand des Verfahrens gibt es nichts bekannt. Ein medizinischer Hintergrund ist jedoch keine Bedingung für eine Bewerbung. Auch Politologie, Wirtschaft und Jurisprudenz werden im Stellenprofil als «bevorzugte» Hochschulabschlüsse erwähnt. Gleiches gilt für die zweite, derzeit im BAG zu besetzende Stelle.

Keine Praxiserfahrung

Die Geschäftsleitung des BAG besteht aus zehn Personen. Der Amtsdirektor Pascal Strupler ist Jurist und Verwaltungswissenschaftler. Er ersetzte vor zwei Jahren den Humanmediziner und Juristen Thomas Zeltner. Insgesamt besteht die heutige Geschäftsleitung aus je zwei Juristen, Geistes- und Sozialwissenschaftlern, einem Chemiker und einer Kauffrau. Die meisten Mitglieder der Geschäftsleitung haben lange Erfahrung in verschiedensten Bereichen der Verwaltung, sowohl auf Ebene des Bundes wie auch bei den Kantonen, aber keine Erfahrung in der Praxis des Gesundheitswesens – weder als Arzt noch in einer anderen Funktion, zum Beispiel in einem Spital.

Fehlendes Fachwissen

Politiker sehen darin ein Problem: Dem Amt mangle es an fachspezifischem Wissen und Können. Arzt und Ständerat Felix Gutzwiller (FDP, ZH) bedauert die Situation. Das BAG müsse in der Geschäftsleitung medizinische Kompetenzen haben, insbesondere Fachleute für eine bevölkerungsorientierte Medizin. «Thomas Zeltner hat sich das auf die Fahne geschrieben und als Priorität behandelt. Das vermisse ich heute.» Natürlich brauche es auch Juristen und Ökonomen, aber ein Geschäftsleitungsmitglied von insgesamt zehn sollte über eine medizinische Ausbildung verfügen.

Gutzwiller bedauert, dass die Stellenbeschriebe diesbezüglich nicht klarer formuliert sind. Ähnlicher Meinung ist der Tessiner Arzt und FDP-Nationalrat Ignazio Cassis: «Ein solches Amt verlangt viele Disziplinen: Ärzte, Juristen, Wirtschaftsexperten, Statistiker, Epidemiologen. Ich würde es sehr bedauern, wenn in der Geschäftsleitung des BAG kein Arzt mehr sitzen würde.»

Auch die Ärztin und St. Galler Nationalrätin Yvonne Gilli (Grüne) ist nicht zufrieden. «Es braucht dringend Leute mit medizinischer Kernkompetenz an den wichtigen Stellen, weil es immer auch um fachspezifische Fragen geht.» Sie wolle Departementschef Alain Berset bei der Besetzung der offenen Stellen nicht Vorschriften machen, aber Stellenwechsel seien eine Gelegenheit, die nötige Fachkompetenz in die Organisation zu holen.

Kritik von den Ärzten

Ebenso kritisch geben sich die Verbände der Ärzteschaft. Jürg Schlup, Präsident der Dachorganisation der Ärzteschaft FMH, erachtet es als «sonderbar», dass in der Geschäftsleitung des BAG kein einziger Arzt zu finden sei: «Aus Sicht der FMH sollte dieser Zustand deswegen geändert werden», meint Schlup. Auch in einer Krisensituation, beispielsweise bei einer Krankheitswelle im ganzen Land, sei es wichtig, dass im BAG ärztliches Wissen vorhanden sei. Dem stimmt auch Markus Trutmann von der Spezialärzte-Vereinigung FMCH zu: «Frühere Amtsdirektoren waren jeweils Oberst im Sanitätsdienst und darum für schwierige Situationen bestens gerüstet.»

Rosmarie Glauser, Sprecherin der Assistenz- und Oberärzte, vermisst ebenfalls das medizinische Know-how: «Eigener Sachverstand einer Behörde ist wichtig. Darum wären medizinische Kompetenzen in der Leitung des BAG wünschenswert. Wichtig ist uns aber auch die Offenheit gegenüber den direkt Betroffenen und ihren Anliegen.» Marc Müller von den Hausärzten betont, dass dank Berset das Gesprächsklima besser geworden sei. Aber auch er bedauert die heutige Situation.

Das BAG betont in einer Stellungnahme, dass die Geschäftsleitung strategische Entscheide im politischen Umfeld zu treffen habe. Dabei stehe «weniger das Fachwissen als die Führungs- und Managementerfahrung im Vordergrund». Im gesamten Kader sei medizinisches Wissen umfangreich vorhanden und werde gezielt miteinbezogen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.02.2013, 12:03 Uhr

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