Bundesamt für Grillhygiene

Mit einer Kampagne will das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit junge Männer über hygienisches Grillieren aufklären. Das führe zu weit, heisst es aus dem Parlament.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie ist des Schweizers Lieblingszeit, und sie hat dieses Jahr ungewöhnlich früh begonnen: die Grillsaison. Doch auf dem Grillrost geht es offenbar nicht überall mit rechten Dingen zu. «Wenn das Grillgut unsachgemäss zubereitet oder gelagert wird, kann es zu Infektionen kommen», warnt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit (BLV). Und weil diese Gefahr auch im Winter (Fondue chinoise) oder ganz grundsätzlich in der Küche (rohe Lebensmittel) lauert, hat das BLV vor zwei Jahren eine Informationskampagne gestartet, um «vier einfache Grundregeln der Küchenhygiene schweizweit bekannt zu machen».

Nun soll sie neu ausgerichtet werden: Studienergebnisse legen nahe, dass junge Männer zwischen 18 und 30 Jahren am meisten von lebensmittelbedingten Durchfallerkrankungen betroffen sind. Deshalb soll diese Zielgruppe mit einer aktualisierten Website und neuen Videos aufgeklärt werden, wie man Lebensmittel richtig wäscht, erhitzt, trennt und kühlt. Diesen Freitag präsentiert das BLV den Medien die Studie und den neuen Fokus der Kampagne.

«Verschwendung von Steuergeldern»

Doch bereits jetzt sorgen die BLV-Hygienetipps im Parlament für Kopfschütteln. «Es ist nicht die Aufgabe des Staates, den Bürger in der Küche zu schulen. Das ist eine Verschwendung von Steuergeldern», sagt SVP-Nationalrat Thomas Aeschi. Und CVP-Nationalrätin Ruth Humbel appelliert an den gesunden Menschenverstand. «Es läuft etwas falsch, wenn uns der Bund die Grundsätze des Kochens beibringen muss.» In der Schule würden Ressourcen in der Hauswirtschaftslehre abgebaut – gleichzeitig lanciere der Bund eine Kampagne, um jungen Männern «elementarste Küchenregeln» beizubringen. «Das ist doch kurios», sagt sie.

Sogar auf der üblicherweise präventionsfreundlicheren linken Seite herrscht Unverständnis. «Ich glaube nicht an eine nachhaltige Wirkung von Youtube-Filmen und Plakätchen in Supermärkten. Zudem sind Privatpersonen kaum die vordringlichste Zielgruppe», sagt SP-Nationalrätin Bea Heim. «Viel wichtiger wäre es doch, die Gastrobranche und Kantinen zu adressieren. Dort wird rohes Fleisch im grossen Stil verarbeitet.» Heim stört sich auch daran, dass diese Branche eine solche Kampagne nicht selber lanciert und finanziert. Stattdessen arbeitet der Bund mit der Fleischbranche und dem Detailhandel zusammen, indem er diesen Partnern das Informationsmaterial zur Verfügung stellt. Die Kosten jedoch trägt er selber. «Partner wie Aldi oder Suttero profitieren doch von dieser Kampagne aus Steuergeldern», findet Heim.

Auch Thomas de Courten (SVP), Präsident der nationalrätlichen Gesundheitskommission, stellt den grundsätzlichen Nutzen «des Bevormundungsprojekts» infrage: «Ich grilliere seit Pfadizeiten. Mir ist nicht bekannt, dass mangelnde Grillhygiene ein weit verbreitetes Phänomen sein soll. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, hier werde ein Problem gesucht, wo es gar keines gibt.»

Tausende Erkrankungen pro Jahr

Diesen Vorwurf weist das BLV von sich. «Jedes Jahr werden dem Bundesamt für Gesundheit bis zu 10’000 Fälle von Lebensmittelinfektionen gemeldet», sagt Sprecherin Eva van Beek. Das habe Behandlungskosten von 50 Millionen Franken zur Folge. Mit 7000 bis 8000 Fällen am weitesten verbreitet sei die Campylobacteriose – eine schwere Durchfallerkrankung, die mit Hygienemassnahmen im Umgang mit rohem Fleisch verhindert werden könne, so van Beek. Sie mache mit 10 Millionen Franken einen Fünftel der jährlichen Behandlungskosten aus; 15 Prozent der Betroffenen müssten hospitalisiert werden. Dazu kämen die indirekten Kosten wegen Arbeitsausfällen. «Es gibt also ein Sparpotenzial in Millionenhöhe.»

Unterstützung erhält der Bund von der Ärzteschaft. Die starke Verbreitung von Campylobacter-Erkrankungen sei schon lange ein Problem, sagt Carlos Quinto, Mitglied des Zentralvorstands der Ärztevereinigung FMH. Seit 2006 steige die Fallzahl kontinuierlich an, während Salmonelleninfektionen seit den 1990er-Jahren abnehmen. Zweimal pro Jahr häufen sich demnach die Erkrankungen auffallend: über die Sommer- und die Wintermonate. In der Ärzteschaft spricht man vom «Grill-Peak» und dem «Fondue-chinoise-Peak». Die Küchenhygiene leiste dabei einen wichtigen Beitrag, um Infektionen zu vermeiden, so Quinto. Und Barbara Hasse, Infektiologin am Universitätsspital Zürich, sagt: «Es braucht nur einen Tropfen Saft von rohem Geflügel, um jemanden anzustecken. Deshalb sollten Kochutensilien richtig gewaschen und Poulet gründlich gekocht werden. Schätzungen zufolge sind ein Drittel der Tiere besiedelt.»

Deshalb will BDP-Nationalrat Lorenz Hess die Kampagne auch nicht grundsätzlich verunglimpfen. «Entscheidend ist, wie die Bilanz der ersten zwei Jahre ausfällt. Und ob die Kosten dafür im Verhältnis zu den Einsparungen bei den Behandlungen stehen.» Den finanziellen Aufwand für die Präventionskampagne wollen die Verantwortlichen erst am Freitag kommunizieren. Aeschi glaubt allerdings nicht, dass sich damit Behandlungskosten sparen lassen. «So denken doch nur Beamte. Die Kosten liessen sich nur senken, wenn in solchen Fällen der Selbstbehalt erhöht würde. Wer zum Kochen nicht einmal seine Hände richtig waschen kann und dann erkrankt, ist selber verantwortlich.»

Auch Hess bleibt letztlich skeptisch. «Für eine gut gemachte Präventionskampagne lohnt sich jeder Franken. Hier besteht aber die Gefahr, dass man das Anliegen nicht ernst nimmt.»

«Richtig waschen»: Youtube-Informationsvideo der Kampagne:

«Richtig erhitzen»:

«Richtig trennen»:

«Richtig kühlen»:

«Fleischfondue richtig geniessen»: Video für die Festtage:

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.05.2018, 15:04 Uhr

Artikel zum Thema

Grillieren, ohne zu ruinieren

Bellevue Die verbrannten Rasenflächen in den Zürcher Parks findet Peter Baumgartner eine Schande. Deshalb hat er eine Lösung entwickelt. Mehr...

«Der Grill als letzter Hort geballter Männlichkeit hat ausgedient»

Interview Johanna Suter ist Chefin des Grillherstellers Weber. Wir haben sie gefragt, wieso kaum Frauen am Grill zu sehen sind. Mehr...

Ein Altar fürs Fleisch

Bei der Zubereitung des erstklassigen Beefs aus den USA, Japan und der Schweiz wird im Napa Grill auf dem Hürlimann-Areal nichts dem Zufall überlassen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Reisepläne mit Babybauch

Sie sind schwanger und planen demnächst zu reisen? Am einfachsten ist das Reisen mit Bauch im mittleren Drittel Ihrer Schwangerschaft.

Die Welt in Bildern

Umgekippt: Der 128 Meter hohe Radio- und Telefonmast «La Barillette» der Swisscom liegt in Cheserex am Boden, nachdem 8 Kilogramm Sprengstoff zwei seiner Standfüsse zerstört haben. (24.Mai 2018)
(Bild: Valentin Flauraud/Laurent Gillieron/Laurent Darbe) Mehr...