Hintergrund

Bundesamt für Umwelt erzeugt zu viel CO2

Die Flugreisen der Beamten im Bafu haben seit 2006 um 40 Prozent zugenommen. Aus eigener Kraft erreichen sie die Ziele der Regierung nicht.

Wohin die Bundesbeamten fliegen: Die Karte der «SonntagsZeitung» zeigt die Schwerpunkte der Reisetätigkeit von Angestellten der Bundesverwaltung.


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Der oberste Umweltschützer der Schweiz ist in den letzten Jahren so viel geflogen, dass er es damit bis zum Mond geschafft hätte. 397'000 Flugkilometer absolvierte Bruno Oberle, Chef des Bundesamtes für Umwelt (Bafu), allein von 2010 bis 2012. Das zeigt die Reisedatenbank des Bundes, die die «SonntagsZeitung» veröffentlicht hat.

2010 bereiste Oberle Destinationen wie Madrid, Bali, Bilbao, Montevideo in Uruguay, Kopenhagen, dreimal Brüssel, Nairobi, New York, Tokio, Peking und Cancún in Mexiko. 2011 standen elf Ziele auf dem Programm, unter anderem Nairobi, Johannesburg und Tselinograd in der kasachischen Steppe. 2012 folgten 21 weitere Destinationen von Rio bis Hyderabad in Indien. Oberles Bilanz: 184 Reisetage, Kosten von 165'000 Franken, CO2-Verbrauch von 75 Tonnen. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Schweizer verbraucht innerhalb eines Jahres 7 Tonnen CO2.

Zur Frage, ob er nicht selber etwas erschrocken sei, als er seine beachtliche Reiseliste sah, sagt der Bafu-Chef: «Im Gegenteil, ich war zufrieden, festzustellen, wie wenig Flüge es sind und wie fokussiert sie waren.»

Im Aussendepartement ist der Trend genau umgekehrt

In seinem Umweltbericht letzten September zeigte sich das Bafu jedoch nicht so zufrieden mit dem Reisefieber der eigenen Beamten – denn die Umweltschützer sitzen immer länger im Flieger. Noch im Jahr 2006 flogen Bafu-Angestellte im Schnitt 3608 Kilometer. 2012 waren es bereits 5080 – ein Zuwachs von 40 Prozent. Zum Vergleich: Dem Aussendepartement EDA gelang es seit 2010, die Zahl der Flugkilometer pro Mitarbeiter um fast 40 Prozent zu reduzieren. In der ganzen Verwaltung gingen die Flugkilometer seit 2006 um 7 Prozent zurück.

«Die Höhe der Flugreisekilometer pro Vollzeitstelle ist sehr stark abhängig davon, in welchem Jahr welche internationalen Umweltkonferenzen mit Engagement des Bafu in welchen Ländern stattfinden», erklärt das Amt. Gerade die letzten Jahre seien deshalb sehr reiseintensiv gewesen.

ETH-Umweltexperte und Nationalrat Bastien Girod gibt sich hingegen kritisch: «Der Bedarf an internationaler Koordination im Bereich Umwelt ist sicher nicht um 40 Prozent gestiegen in den letzten vier Jahren.» Grundsätzlich sei es sinnvoll, wenn das Bafu an internationalen Konferenzen teilnehme. «Fliegen selber ist aber auch ein zunehmendes Klimaproblem, es ist der am stärksten wachsende Beitrag zur Klimaerwärmung», sagt Girod. Der Nationalrat der Grünen schlägt vor, dass das Bafu vermehrt Alternativen zum Fliegen fördere, zum Beispiel Videokonferenzen.

Die vielen Flugreisen haben dem Bafu inzwischen ein handfestes Problem beschert: Ausgerechnet das Umweltamt kann als eine der wenigen Stellen in der gesamten Verwaltung die CO2-Ziele des Bundes nicht aus eigener Kraft einhalten.

Im sogenannten Programm Rumba verpflichtete die Regierung ihre Departemente und Bundesämter, den CO2Ausstoss pro Mitarbeiter von 2006 bis 2016 um 10 Prozent zu reduzieren. Ende Oktober verkündete der Bundesrat in einer Zwischenbilanz, die Verwaltungseinheiten hätten als Ganzes das Ziel bereits übertroffen und bis letztes Jahr 17,6 Prozent CO2 pro Vollzeitstelle eingespart – und zwar ohne CO2-Kompensationen auf dem Markt zu kaufen. Praktisch alle Stellen meldeten positive Resultate. Nicht jedoch die Umweltbeamten vom Bafu.

Allein die Flüge kosten eine Viertelmillion Franken

Um auf Kurs für die verbindlichen Sparziele zu sein, müsste das Bafu von 2006 bis 2012 wenigstens 6 Prozent CO2 pro Mitarbeiter eingespart haben. Es hat aber nur 3,4 Prozent geschafft, also kaum mehr als die Hälfte. Für die Periode 2006 bis 2011 verzeichneten die Bafu-Angestellten sogar einen Zuwachs an CO2-Ausstoss von 14 Prozent.

Das Amt betont, man habe zusätzlich CO2-Kompensationen gekauft und so alle Ziele des Bundes erreicht. Dafür verwendeten sie jedoch Steuergelder, und der Zeit- und Ressourcenverbrauch der Reisen verschwindet damit nicht. Vor allem aber steht die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel.

Der Bundesrat schreibt, eines der Ziele des CO2-Reduktions-Programmes sei, dass man «im Umweltbereich eine Vorbildfunktion übernehmen kann». Dass es nicht gut aussieht, wenn ausgerechnet die Umweltbeamten zu viel CO2verbrauchen, hat wohl auch das Bafu erkannt. In seinem Umweltbericht schreibt das Amt, man wolle nun «alles daran setzen», dass die Umweltbelastung nicht erneut ansteige.

Ein Blick in die Reisedatenbank weckt in der Tat Zweifel, ob das Bafu seinen steigenden CO2-Bedarf im Griff hat. Am UNO-Nachhaltigkeitsgipfel in Rio 2012 leitete Amts-Chef Oberle etwa eine Delegation von 18 Personen. Inklusive Vorbereitungskonferenz in New York beliefen sich allein die Flugkosten auf mindestens eine Viertelmillion Franken.

Nachdenklich stimmt auch eine Flugreise von zwei Bafu-Mitarbeitern vom 2. bis zum 5. März 2010 zu einem «technischen Workshop» der Klimakonvention mit dem Titel «Collaboration among regional centres and networks». Die beiden Umweltbeamten flogen dafür jeweils 32'000 Kilometer weit. Der Workshop fand in Apia statt, der Hauptstadt des Pazifikatolls Samoa – auf halbem Weg zwischen Hawaii und Australien.

Erstellt: 21.12.2013, 23:32 Uhr

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