Bundesräte, die Schweizer Geschichte schrieben

112 Mitglieder wurden seit 1848 in den Bundesrat gewählt. Im Rückblick ragen einige heraus. Wir sagen, wer zum Allstar-Team gehört und was sie Spezielles geleistet haben.

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«Presidential Rankings» gehören zur Lieblingsdisziplin amerikanischer Historiker. Je nach Herkunft und Beurteilungskriterien variieren deren Resultate, wobei Kriegspräsident Franklin D. Roosevelt und Abraham Lincoln immer vorne mitmischen. Gibt es die Bundesrats-Hitliste auch in der Schweiz, sozusagen die besten Bundesräte der Schweizer Geschichte? «Das habe ich mir auch mal überlegt, ob sich so etwas machen lässt», sagt Historiker Urs Altermatt zu Tagesanzeiger.ch. Wenn einer das Wissen dazu hätte, dann er. Altermatt ist Herausgeber des Standardwerks «Die Schweizer Bundesräte. Ein biographisches Lexikon».

Von einem Bundesrats-Ranking hat er bis heute die Finger gelassen – und wird es wohl auch künftig so halten. Anders als die amerikanischen Präsidenten, seien die Schweizer Bundesräte in ganz verschiedenen Aufgabenbereichen tätig. Kann man einen Aussenminister und einen Finanzminister vergleichen? Altermatt kann sich das schwer vorstellen, erst recht nicht, wenn deren Amtszeiten 150 Jahre auseinanderliegen.

Nichtsdestotrotz hat sich Altermatt bereit erklärt, mit uns eine Liste von herausragenden Bundesräten zu erstellen, so quasi das Allstar-Team der schweizerischen Landesregierung. Mit zwei Einschränkungen allerdings. Erstens sollten es Regierungsmitglieder der jüngeren Schweizer Geschichte sein, beginnend mit der Vorkriegszeit. Grund: Es lebt gar niemand mehr, der sich noch an weiter zurückliegende Bundesräte erinnert. Und zweitens wollte er sich – als Historiker – nicht zu noch amtierenden Bundesräten äussern.

Der Kriegsminister

Zeitlich von hinten beginnend stossen wir zuerst auf Rudolf Minger. Altermatt hebt hierbei heraus, dass der Berner BGB-Politiker – die BGB war die Vorgängerpartei der SVP – äusserst populär gewesen sei. «Ein Berner Bundesrat, zudem ein gelernter Bauer», so der Historiker anerkennend. Ein Appenzeller würde es nur schon wegen seines vergleichsweise kleinen Staatsvolkes nicht auf diese Popularität bringen. Minger war es, der die Schweizer Armee auf den zweiten Weltkrieg vorbereitete. Und das machte er in einer Art, welche vom Volk grosse Zustimmung erhielt. Weil in Zeiten der Wirtschaftskrise das Geld auch für die Armee knapp wurde, lancierte Minger 1936 die sogenannte Wehranleihe. So kamen zusätzliche 235 Millionen Schweizer Franken für die Landesverteidigung zusammen. Und das trotz des für damalige Zeiten knappen Anleihenzinses von drei Prozent. Auch das war Mingers Verdienst. Obwohl Minger kurz nach Beginn des zweiten Weltkriegs 1940 zurücktrat, tat das seiner Popularität keinen Abbruch. Im Gegenteil: «Je länger die Zeit zurückliegt, desto grösser werden diese Figuren dargestellt», so Altermatt. Das gelte im Übrigen aber auch für die anderen.

25 Jahre für die Ewigkeit

Mit dem katholisch-konservativen Philipp Etter kommt ein zweiter Bundesrat aus der Kriegszeit zu Ehren. 1934 in die Landesregierung gewählt, hielt der Zuger 25 Jahre lang durch und schaffte es damit auf der Rangliste der dienstältesten Bundesräte weit nach oben. «Philipp Eternel nannte man ihn wegen seiner langen Amtszeit auch», so Altermatt. Es sei vermutlich weniger sein Leistungsausweis, denn sein für diese Zeit prägendes Wesen, welches Etter zum Bundesrat macht, der sich hervorhebt. Der Historiker bringt den damaligen Innenminister in Verbindung mit dem Begriff der – in den letzten zwei Jahrzehnten viel kritisierten – geistigen Landesverteidigung. «Er war ein klassischer Vertreter der Aktivdienstgeneration», erklärt der Historiker. Dazu gehörte auch sein prägnanter Kommunikationsstil. «Wenn Etter eine wichtige Rede hielt, sprach er mit bebender Stimme.» Der Zuger Magistrat sei aber auch stark kritisiert worden, weil er während des Krieges zwischen Anpassung und Widerstand schwankte.

Der Nachkriegsminister

Nur noch am Rande mit den Kriegswirren zu kämpfen hatte Max Petitpierre. 1944 in den Bundesrat gewählt, schaffte auch der Neuenburger Liberale mit 17 Jahren eine überdurchschnittlich lange Amtszeit. «Petitpierre war der Bundesrat der Nachkriegszeit. Er steht für den Aufbruch aus der Kriegsisolation», so Altermatt. Der damalige Aussenminister habe der Schweiz den Weg zurück in die internationale Gemeinschaft geebnet. Petitpierre sei es aber auch gewesen, der später die Weichen der schweizerischen Europapolitik stellte. Auch in die Amtszeit des Neuenburgers fällt die Anerkennung der Volksrepublik China durch die Schweiz als erstes westliches Land im Jahr 1950.

Bekannt für die Anbau-Schlacht

Interessant wird es bei Traugott Wahlen, dem Professor für Landwirtschaft. Die in der jüngeren Schweizer Geschichte herausragende Persönlichkeit brachte es schon weit vor der Zeit im Bundesrat zu landesweiter Bekanntheit. Und zwar mit der sogenannten Anbau-Schlacht vor und während des zweiten Weltkriegs. Die auch Wahlen-Plan genannte Anbaustrategie hatte zur Folge, dass der Selbstversorgungsgrad der Schweiz markant gesteigert werden konnte. Kartoffeln auf dem Bellevueplatz in Zürich stehen als Sinnbild dafür. Altermatt nennt Wahlen aber als atypischen Vertreter auf unserer Liste. «Als Bundesrat blieb er als moralische Autorität vielen Menschen in Erinnerung.» Seine Amtszeit war kurz, er wurde 1959 in den Bundesrat gewählt und trat bereits sechs Jahre später zurück. Immerhin, seine paar Jahre im Aussendepartement – damals noch politisches Departement genannt – nutzte er dazu, die Schweiz international sichtbarer zu machen.

Der «wilde» SP-Kandidat

Im gleichen Jahr wie Wahlen wurde auch der Sozialdemokrat Hanspeter Tschudi in den Bundesrat gewählt. «Der Bekanntheitsgrad Tschudis stieg schon mit der Wahl in die Landesregierung», erinnert sich Altermatt. Der Basler setzte sich als wilder Kandidat gegen den von der Partei offiziell nominierten Schaffhauser Walter Bringolf durch. Es sei die Zeit gewesen, in der die Zauberformel entstand. Tatsächlich wurden mit Tschudi und dem Zürcher Willy Spühler erstmals zwei Sozialdemokraten in den Bundesrat gewählt. Die Formel drei mal zwei und eins sollte über 40 Jahre halten – bis 2003 Ruth Metzler den zweiten CVP-Sitz an Christoph Blocher von der SVP abgeben musste. Tschudi werde oft fälschlich als Vater der AHV bezeichnet, so Altermatt. Tatsächlich aber habe der damalige Innenminister vor allem zum Ausbau der Sozialwerke beigetragen. Das aber entscheidend. Der Historiker bringt Tschudi aber auch in Verbindung mit dessen aussergewöhnlichem Einsatz für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Prägend für die Zeit sei zum Beispiel der Sputnik-Schock gewesen. «Jeder wollte damals die Wissenschaft voranbringen, und hierfür hatte sich Tschudi eingesetzt.» Obwohl er ein «wilder» Kandidat war, habe das Parlament damals mit Tschudi einen «guten Bundesrat» gewählt. Tschudi trat 1973 zurück.

Furgler, das Alphatier

Als vorerst letzten Bundesrat, der mit besonderen Verdiensten in die Geschichtsbücher eingeht, nennt Altermatt den erst vor zwei Jahren verstorbenen Kurt Furgler. «Der Mann hatte Führereigenschaften», so der Historiker, wobei er das Wort Führer in Anführungszeichen sehen will. Seine Auftritte seien rhetorisch stark und äusserst markant gewesen. Wie später Blocher sei der CVP-Politiker Furgler im Bundesrat ein Alphatier gewesen. Im Gegensatz zum Zürcher aber habe der St. Galler in der Landesregierung gecoacht, also versucht, den Einsatz der Kräfte zu bündeln. Weniger bekannt sei wohl sein Leistungsausweis. Furgler habe aber in einer reformfreudigen Zeit – er war Bundesrat von 1971 bis 1986 – das Justizdepartement geleitet und in dieser Funktion viele Reformprojekte realisiert. Als Stichwort sei hier die Reform der Bundesverfassung genannt. Der St. Galler CVP-Politiker habe aber auch Niederlagen einstecken müssen, so bei der Bildung einer Bundespolizei, damals Busipo genannt. Genau das aber mag einen Teil seines Erfolges und seiner Popularität ausgemacht haben, dass er Standfestigkeit und Ausdauer zeigte, auch wenn die Lage aussichtslos schien. Furgler sei schon vor seiner Zeit als Bundesrat ein ausgezeichneter Parlamentarier gewesen. Er war 1964 Präsident der PUK in der Mirage-Affäre – schon damals kämpfte die Eidgenossenschaft mit den finanziellen Bürden einer Kampflugzeugbeschaffung. Legendär und typisch für Furglers Sprachgewandtheit und Spontaneität war sein Ausspruch 1985 in der Fragestunde des Nationalrats, als er einem unliebsamen Parlamentarier klar machte: «Ich passe mich dem Niveau ihrer Frage an und stelle das Pult tiefer.»

Motta in der Deutschschweiz wenig bekannt

In zweiter Reihe nennt Altermatt weitere Namen von Alt-Bundesräten, die seiner Meinung nach herausragen. Allen voran Giuseppe Motta. In der Deutschschweiz sei der Tessiner Vorkriegspolitiker weniger bekannt. Ganz anders sei das aber in der lateinischen Schweiz. Erwähnt wird auch der Zürcher Ernst Nobs, der erste Sozialdemokrat in der Landesregierung, gewählt 1943. Und wenn schon von Zäsuren in der Geschichte des Bundesrates die Rede ist, fällt auch der Name Josef Zemp. Der Luzerner Vertreter der Katholisch-Konservativen – der heutigen CVP – war der erste Nicht-Liberale, in der Landesregierung, gewählt 1891. Nicht zu vergessen Willy Ritschard, der populäre Solothurner Sozialdemokrat. «Er konnte reden, dass die Leute lachten», so Altermatt. Ritschard sei in den Medien gut weggekommen und war «der Liebling der Ringier-Presse».

Abschliessend nennt Altermatt Kriterien, die dafür stehen, dass Bundesräte in der Rückblende herausragen. Dazu zählt er neben dem Leistungsausweis die Länge der Amtszeit. Ausser bei Traugott Wahlen sei diese bei den genannten überdurchschnittlich gewesen. Dieser Umstand trage wesentlich zur Bekanntheit bei. Popularität hätten die Politiker zudem sowohl durch die geografische, wie auch teilweise die berufliche Herkunft erreicht. Und hier nennt Altermatt in einem Zug mit Rudolf Minger auch dessen Standeskollegen Adolf Ogi. Über die beiden hätte das Volk sogar Witze gemacht, wobei der Historiker das als gutes Zeichen wertet. «Ein Zeichen, dass derjenige einer vom Volk ist.»

Welcher Bundesrat ist Ihnen in Erinnerung geblieben, und warum? Schreiben Sie uns.

Erstellt: 14.09.2010, 11:51 Uhr

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Der 68-jährige Historiker Urs Altermatt war bis Ende Juli 2010 Professor für Allgemeine und Schweizerische Zeitgeschichte an der Universität Freiburg. Von 2003 bis 2007 amtierte der Solothurner als Rektor der zweisprachigen Universität. Altermatt ist Herausgeber des Buches «Die Schweizer Bundesräte. Ein biographisches Lexikon». Das Standardwerk wird derzeit von ihm aktualisiert. (Bild: Keystone )

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