Bundesrat war gegen Verhandlungen mit der PLO

Zeitzeugen zweifeln an einem Geheimdeal mit Palästinensern. Nun tauchte eine unbekannte Protokollnotiz auf.

Jubelnde Palästinenser nach der Sprengung der drei entführten Flugzeuge in Zerqa. Foto: Keystone

Jubelnde Palästinenser nach der Sprengung der drei entführten Flugzeuge in Zerqa. Foto: Keystone

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Genf, 6. September 1970. Die Nachricht, palästinensische Extremisten hätten eine DC-8 der Swissair und eine Boeing 707 der TWA in die jordanische Wüstenstadt Zerqa entführt, ist wenige Stunden alt. Da sitzt Michel Barde auch bereits im Flugzeug. Als Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) soll er in Zerqa mit den Entführern über die Freilassung der Geiseln verhandeln. «In Genf verzögerte ein Bombenalarm unseren Start», erinnert sich Barde. Als er via Beirut endlich in Zerqa ankommt, ist die Situation chaotisch. Erst recht, als nach zwei Tagen noch eine ebenfalls entführte britische Maschine eintrifft.

Die Terroristen fordern die Freilassung von drei palästinensischen Gefangenen, die seit ihrem in Kloten verübten Angriff auf ein Flugzeug der israelischen El Al im Jahr 1969 in einem Winterthurer Gefängnis sitzen. Barde leitet die Forderung per Telefax an die IKRK-Zentrale in Genf weiter. Von dort gelangt sie ins Bundeshaus nach Bern. Der Bundesrat ist konsterniert.

In Bern bilden Schweizer, amerikanische und britische Diplomaten einen internationalen Krisenstab. Doch just in dieser Situation soll der schweizerische Aussenminister Pierre Graber ausgeschert sein. Er habe einen Alleingang gewagt und in jenen hektischen Tagen mit den Palästinensern in Genf ein Geheimabkommen geschlossen. Das ist die Kernthese, die NZZ-Chefreporter Marcel Gyr in seinem Buch «Schweizer Terrorjahre» präsentiert.

Doch daran gibt es nun Fundamentalkritik – von damaligen Involvierten und von einer Historikerin, die sich intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt hat. Alle halten es für äusserst unwahrscheinlich, dass es einen klandestinen Deal gab. Graber hätte mit Verhandlungen und dem Abschluss nicht nur seine Bundesratskollegen hintergangen, es wäre auch ein Verrat an den Verbündeten gewesen. «Im Krisenstab waren wir uns rasch einig, die Krise gemeinsam und solidarisch zu bewältigen», erinnert sich Friedrich Moser, Chef Neutralitätsdienst im Aussendepartement und Leiter des Sekretariats des Krisenstabs.

«Die Verhandlungen waren intensiv», sagt Moser, Graber sei Tag und Nacht in Bern erreichbar gewesen. Jeder Verhandlungsschritt sei mit ihm abgesprochen worden. Laut ihm und anderen damals Involvierten wäre es für den Aussenminister unmöglich gewesen, Bern für mehrere Stunden zu verlassen. «Wir waren in Bern ständig in Kontakt mit ihm, auch um Notizen und Dokumente zu übergeben», so Moser.

Anschläge gab es keine mehr

Gyr schreibt aber in der NZZ, der SP-Bundesrat habe in Genf mit einer Delegation der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) verhandelt: «An den mehrtägigen Gesprächen in Genf waren auf Schweizer Seite neben Bundesrat Graber der damalige Bundesanwalt, der Geheimdienstchef sowie ein Vertreter des Kantons Genf beteiligt. (. . .) Zum Schluss der klandestinen Gespräche resultierte ein Stillhalteabkommen: Der Schweiz wurde von palästinensischer Seite in Aussicht gestellt, sie mit weiteren terroristischen Anschlägen zu verschonen.»

Tatsächlich blieben Anschläge fortan aus. Noch im Februar 1970, ein halbes Jahr vor den Flugzeugentführungen nach Zerqa, war in einer Swissair-Coronado eine Paketbombe explodiert. Abgeschickt hatten sie palästinensische Extremisten. Das Flugzeug stürzte in Würenlingen ab, 47 Menschen starben. Zwei seiner Quellen nennt Autor Marcel Gyr mit Namen: den Genfer Soziologieprofessor Jean Ziegler, damals blutjunger SP-Nationalrat. Ziegler will für seinen Parteikollegen Graber die Zusammenkunft mit Farrouk Kaddoumi, Aussenbeauftragter der PLO, organisiert haben. Gyrs zweite Quelle ist Kaddoumi selbst, der ihm bei einem Besuch in Tunis das Treffen in Genf mit einer Delegation aus Bern mündlich bestätigt, eine Tonaufnahme aber abgelehnt habe.

Der «Tages-Anzeiger» kontaktierte mehrere weitere Zeitzeugen, mit denen der Buchautor nicht gesprochen hat. Sie alle bezweifeln, dass es «klandestine Gespräche» und ein «Geheimabkommen» mit der PLO gab, auch weil es keinerlei schriftliche Quellen dafür gibt. Alt- Staatssekretär Franz Blankart, damals Grabers persönlicher Mitarbeiter, sagt: Selbst wenn nichts protokolliert worden wäre, hätte er von einem solchen Abkommen gewusst (siehe Interview rechts). Man traut Graber auch aufgrund seiner Persönlichkeit ein solches Vorgehen nicht zu. Blankart sagt: «Zwar war Graber ein Machtmensch, aber absolut treu und aufrichtig. Er hätte den Bundesrat niemals hintergangen.» Auch Friedrich Moser beobachtete: «Pierre Graber ist in der Krise nie als Einzelgänger aufgetreten.» Dieser Darstellung widerspricht der damalige Vizebundeskanzler Walter Buser, der gemäss Gyrs Buch Graber eine Einzelaktion durchaus zutraut. Alt-Botschafter François Nordmann, ab 1975 persönlicher Mitarbeiter Grabers, kritisiert Gyrs Darstellung noch aus einem anderen Grund. Er sagt: «Dass der damalige Bundesanwalt Hans Walder für Geheimgespräche nach Genf ging, ist nahezu ausgeschlossen. Walder hätte dafür die Erlaubnis von Justizminister Ludwig von Moos gebraucht, und der wäre sicher dagegen gewesen.»

Zum selben Schluss kommt die Basler Historikerin Aviva Guttmann. Bei Recherchen für ihre Dissertation zur Thematik ist sie auf Aufzeichnungen einer Bundesratssitzung zur Geiselkrise gestossen. Diese fand am siebten Tag statt und ist in Gyrs Buch nicht erwähnt. Guttmann sagt: «Der Bundesrat hat zwar einen separaten Deal mit den Palästinensern in Erwägung gezogen, diesen aber noch in derselben Sitzung vom 14. September 1970 verworfen.» Gemäss einer Protokollnotiz sagte Graber zu seinen Kollegen: «Wenn keine gemeinsame Lösung gefunden würde, wäre das ein enormes Problem.» Ein Deal mit den Terroristen habe Graber für zu riskant gehalten, da die Schweiz so zwischen die Fronten im Nahostkonflikt hätte geraten können. Gemäss Guttmann soll Graber am nächsten Tag im Bundesrat sogar angemahnt haben, die Schweiz müsse den anderen betroffenen Staaten gegenüber solidarisch bleiben. Er habe dem Schweizer Delegierten in Jordanien, Botschafter Dubois, die ausdrückliche Instruktion gegeben, den Palästinensern fernzubleiben und jeden separaten Deal sofort auszuschlagen.

Die Darstellung, Graber habe mit der PLO ein Stillhalteabkommen abgeschlossen, können Zeitzeugen noch aus einem Grund nicht nachvollziehen. IKRK-Unterhändler Barde sagt: «Die PLO hatte keinen grossen Einfluss auf die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), zu der die Entführer gehörten.» Friedrich Moser wird noch deutlicher. Er sagt: «Der Krisenstab teilte den Entführern via IKRK mit, er schalte die gemässigtere PLO ein. Die Entführer antworteten darauf: Wir sind unabhängig und selbstständig.» Historikerin Guttmann bestätigt: «Die PLO hatte zu diesem Zeitpunkt keinen Einfluss auf die PFLP. Diese hatte ihre ­eigene Agenda.»

Gyr verteidigt seine Darstellung

Autor Marcel Gyr hält trotz der Kritik an seiner Darstellung fest. Er schreibt auf Anfrage: «Ich gehe aufgrund der mir bekannten Schilderungen davon aus, dass Graber seinen Verhandlungspartner von der PLO, Farouk Kaddoumi, in Genf persönlich begrüsst und wenige Tage später verabschiedet hat.» Die Schweiz sei an einem Pakt mit der PLO interessiert gewesen, um weiteren Schaden vom Land abzuhalten. Kaddoumi habe von Genf aus via PLO-Führer Yassir Arafat mit Abu Sharif, dem Anführer der Flugzeug­entführer, gesprochen. Gyr schreibt: «Dabei ging es nicht um die Freilassung der Geiseln von Zerqa, die hatte der Bundesrat im Grundsatz schon am 7. September beschlossen, sondern um das Stillhalteabkommen, um in Zukunft weitere Entführungen zu verhindern.» Jean Ziegler war in einem Gespräch diese Woche nicht bereit, sich zu seiner Rolle zu äussern. Gestern war er für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.02.2016, 22:49 Uhr

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