Bundesverwaltung bezahlt neue Software doppelt

Der Bund baut parallel zwei sehr ähnliche IT-Systeme auf. So bezahlt er laut der Finanzkontrolle bis zu zehn Millionen Franken zu viel.

Anstatt sich an einen Tisch zu setzen und eine gemeinsame neue Lösung zu suchen, bauen zwei Departemente parallel ihr eigenes System auf.

Anstatt sich an einen Tisch zu setzen und eine gemeinsame neue Lösung zu suchen, bauen zwei Departemente parallel ihr eigenes System auf. Bild: Keystone

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Die Ämterautonomie der Bundesverwaltung treibt manchmal seltsame Blüten: Weil in vielen Abteilungen die Software zur Bewirtschaftung der Internetseiten – das sogenannte Content Management System (CMS) – veraltet ist, braucht es dringend Ersatz. Doch anstatt sich an einen Tisch zu setzen und eine gemeinsame neue Lösung zu suchen, bauen zwei Departemente parallel ihr eigenes System auf. Dabei nehmen sie die Dienste ein und derselben IT-Firma in Anspruch – jeweils für zig Millionen Franken. Dass die Firma zweimal zum Zug kommt, liegt in der Natur der Sache: Beide CMS ba­sieren auf derselben Technik, die sich als Standard durchgesetzt hat.

Auf diese Konstellation stiess die Eidgenössische Finanzkontrolle, als sie die laufenden CMS-Projekte im Verteidigungsdepartement (VBS) und im Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT) untersuchte. Die Finanzkontrolle hat kein Verständnis für die Doppelspurigkeit. Es gebe schlicht «keine fachliche Begründung» dafür, dass zwei CMS eingeführt werden, bilanziert sie. Hinsichtlich Funktionalität, Qualität und Sicherheit seien beide Lösungen ebenbürtig. Hingegen sei die zweimalige Projektierung des CMS «mit nennenswerten Mehrkosten» verbunden. Auf Nachfrage schätzt Finanzkontrolle-Direktor Michel Huissoud diese auf maximal zehn Millionen Franken.

Dass in den Projekten dieselbe IT-Firma involviert ist, birgt besondere ­Risiken. Die Firma entwickelt für beide Amtsstellen zum Teil ähnliche Services. Damit bestehe die Gefahr, «dass gewisse Dienstleistungen beiden Projekten in Rechnung gestellt werden», schreibt die Finanzkontrolle. VBS und BIT wollen dieser Gefahr mit «regelmässigem Kontakt» der Projektteams entgegentreten. Anders als angeregt lassen sie sich dabei aber nicht von einer übergeordneten ­Instanz unterstützen. Eine Zusammen­legung der beiden Projekte schlägt die Finanzkontrolle nicht vor. Dafür sei es schon zu spät, sagt Huissoud.

Sololauf trotz Schwierigkeiten

BIT und VBS wussten, dass auch die jeweils andere Amtsstelle ein neues CMS plant. Eine Zusammenarbeit wurde gemäss Finanzkontrolle aber lediglich «kurz geprüft», ohne vertiefte Abklä­rungen. Das VBS hielt selbst dann am ­Sololauf fest, als das eigene Projekt in Schwierigkeiten geriet und 2013 neu gestartet werden musste. Die Zuschläge an die IT-Firma erfolgten dann im August 2013 (BIT) und im Februar 2014 (VBS).

Das BIT macht technische Gründe für den Alleingang geltend. Das VBS beschaffe das neue CMS als externe Dienstleistung, das BIT hingegen als eigenes Produkt. Im Lichte der verfügbaren Zeit sei «ein Umbau der Systemarchitektur auf eine externe Dienstleistung mit zu hohen Risiken verbunden und somit der Pfad des VBS nicht weiter verfolgbar» gewesen, schreibt die Medienstelle auf Anfrage. Auch ein VBS-Sprecher weist auf den Unterschied zwischen Dienstleistung und Produkt hin.

Gleich wie für die Finanzkontrolle ist dieser Unterschied für das Informatiksteuerungsorgan des Bundes (ISB), das für die strategische Ausrichtung der Bundesinformatik zuständig ist, nicht entscheidend. «Aus heutiger Sicht sind wir der Meinung, dass die Vorteile einer einzigen Plattform überwiegen würden», schreibt eine ISB-Sprecherin. Das ISB hat inzwischen die entsprechende Weisung angepasst. Im Bereich CMS werde «eine Einproduktstrategie verfolgt», steht dort neuerdings. Doch weshalb kam diese Weisung nicht schon früher, um eines der Projekte rechtzeitig zu stoppen? Der Beschluss eines Standarddienstes setze umfangreiche Abklärungen voraus, für welche die Ressourcen gefehlt hätten, so die Sprecherin. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2015, 10:18 Uhr

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