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Burkhalter streicht Frauenquote

Aussenminister Didier Burkhalter rekrutiert dieses Jahr 18 Männer und 4 Frauen in den diplomatischen Dienst. Die Frauenquote seiner Vorgängerin Micheline Calmy-Rey ist damit Vergangenheit.

Mit der Amtsübergabe verschwindet die Frauenquote: Micheline Calmy-Rey begrüsst ihren Nachfolger im EDA, Didier Burkhalter am 23. Dezember 2011 in Bern.

Mit der Amtsübergabe verschwindet die Frauenquote: Micheline Calmy-Rey begrüsst ihren Nachfolger im EDA, Didier Burkhalter am 23. Dezember 2011 in Bern. Bild: Keystone

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Ende Woche besiegelte Aussenminister Didier Burkhalter (FDP) die jährliche Aushebung des diplomatischen Nachwuchses. Dabei räumte er mit der Frauenquote, die sieben Jahre lang gegolten hatte, radikal auf. Die Frauenquote beträgt dieses Jahr 18 Prozent, 4 Frauen gegenüber 18 Männern. Bei den 282 Bewerbungen betrug sie 39 Prozent. Das EDA bestätigte einen entsprechenden Artikel der «Tribune de Genève».

SP-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey hatte Ende 2005 mit einem umstrittenen Entscheid die paritätische Quote eingeführt, indem sie sechs Kandidaten absagte, nachdem die Zulassungskommission 10 Männer und 4 Frauen für die diplomatische Ausbildung empfohlen hatte. Damit wurden je vier Männer und Frauen aufgenommen. Calmy-Rey setzte diese Praxis in den darauffolgenden Jahren fort, die Zahl der rekrutierten Männer, die in der Überzahl waren, wurde in der Regel jener der ausgewählten Frauen angepasst. Damit beschränkten sich die Neueintritte auf durchschnittlich 12.

Männer haben Nachholbedarf

Departementssprecher Jean-Marc Crevoisier erklärt die Abkehr der Frauenquote mit dem Nachholbedarf des Departements. Man verfüge heute über zu wenig Nachwuchspersonal und habe deshalb das jährliche Höchstmass von 22 Neueintritten ausgeschöpft. «Es war die Vorgabe von Didier Burkhalter, so viele Kandidierende wie möglich zu rekrutieren», sagt Crevoisier. Zudem habe Burkhalter Wert darauf gelegt, dass die Fähigsten ausgewählt würden. Ansonsten habe die Kommission unabhängig entschieden.

Calmy-Rey hat mit ihrem Quotenentscheid von 2005 wütende Reaktionen in der Verwaltung und in der Politik provoziert. Damals traten vier Mitglieder der rund 14-köpfigen Zulassungskommission, die aus Kaderleuten der Verwaltung und der Privatwirtschaft besteht, aus Protest zurück – darunter auch der damalige Tessiner FDP-Ständerat Dick Marty. 2010 brüskierte Calmy-Rey die Kommission erneut, indem sie drei nicht berücksichtigte Bewerberinnen nach persönlichen Gesprächen nachträglich für die 15 Monate dauernde diplomatische Ausbildung qualifizierte.

Dieses Jahr hätten sich deutlich mehr Männer beworben als in den vergangenen Jahren, sagt Crevoisier. Das EDA erklärt dies mit einem Nachholbedarf der männlichen Aspiranten. «Wir haben den Eindruck, dass die paritätische Frauenquote die Männer entmutigt hat, sie haben sich geringe Erfolgsaussichten versprochen.»

«Der Staat hat Vorbildfunktion»

Die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz hält Burkhalters Entscheid für «schwach». Sie könne sich nicht vorstellen, dass die Bewerberinnen so viel schlechter seien als Männer, zumal sie ohne gewisse Qualifikationen gar nicht erst zum Auswahlverfahren zugelassen würden. «Als Beraterin und ehemalige Verwaltungsrätin habe ich oft erlebt, wie Männer besser beurteilt wurden als gleich qualifizierte Frauen, weil Erstere selbstbewusster auftreten. Das dürfte auch bei den mündlichen Prüfungen im EDA der Fall sein.»

Auch Nationalrätin Christa Markwalder, freisinnige Parteikollegin von Didier Burkhalter, befürwortet eine Frauenquote. «Der Staat hat Vorbildfunktion, in der öffentlichen Verwaltung sollte eine Frauenquote gelten.» Um eine gewisse Flexibilität zu wahren, schlägt Markwalder aber eine Quote von 30 Prozent vor. Die Rekrutierungspraxis von Micheline Calmy-Rey hält sie für problematisch, es seien zu viele fähige Anwärter ausgemustert worden, was für Frustration gesorgt habe. «Statt die Quote ganz abzuschaffen, sollte das EDA eine Strategie entwickeln, um den Beruf für Frauen attraktiver zu machen.»

Erstellt: 12.12.2012, 06:21 Uhr

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