Buttet, Müller, Darbellay – wankende Promis sind sein Job

Anwalt Andreas Meili tritt auf den Plan, wenn die öffentliche Meinung kippt. Das Beispiel Darbellay im «Blick» zeigt, wie er arbeitet.

«Wenn Faktenlage und öffentlich verbreitetes Bild divergieren, ist es ein ‹Case›»: Andreas Meili in seiner Anwaltspraxis. Foto: Doris Fanconi

«Wenn Faktenlage und öffentlich verbreitetes Bild divergieren, ist es ein ‹Case›»: Andreas Meili in seiner Anwaltspraxis. Foto: Doris Fanconi

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Die Journalisten beim «Blick» wussten es schon lange. Dass Christophe Darbellay, damals noch CVP-Präsident, bald zum vierten Mal Vater werden würde. Dass die Mutter des Kindes nicht seine Frau war, sondern eine Geliebte. Doch sie mussten stillhalten, fast ein Jahr lang. Als die Geschichte im Herbst 2016 schliesslich im «SonntagsBlick» erschien, waren die Spielregeln klar abgemacht: Nur klein auf der Titelseite, nicht mehr als eine Doppelseite in der Zeitung, und sie musste im hinteren Teil erscheinen, bei den People-Nachrichten. So war es zwischen Rechtsanwalt Andreas Meili, der Darbellay vertrat, und dem Ringier-Konzern ausgehandelt worden. Zu frisch waren die Erinnerungen an den Fall Thomas Borer. Medienberichte über das Privatleben des damaligen Schweizer Botschafters hatten Ringier viel Geld gekostet.

Manche glauben, im Fall Darbellay sei Ringier zu kompromissbereit gewesen. Dass der «Blick» die Geschichte hätte schreiben können ohne das Einverständnis des Rechtsanwalts. Weil Darbellay eine Person von öffentlichem Interesse ist und weil sein Verhalten im Widerspruch steht zu den gesellschaftlichen Werten, die die CVP vertritt. Beobachter glauben, dass Darbellay mit einer Klage gegen Ringier keinen Erfolg gehabt hätte.

Das bleibt offen. Sicher ist: Andreas Meili hat der grössten Schweizer Boulevardzeitung den Tarif durchgegeben. Und der Fall Darbellay war nicht sein erster dieser Art. Meilis Name taucht zuverlässig dann auf, wenn es frivol wird. Als 2011 Nationalrat und Grünliberalen-Präsident Martin Bäumle gestand: «Ja, ich habe meine Frau in einem Tabledance-Club kennen gelernt.» Da wurde er von Meili beraten.

Als sich der Aargauer Grünen-Politiker Geri Müller 2014 wegen Nacktaufnahmen öffentlich erklären musste, war er flankiert von Meili. Das Bild, wie der Anwalt sich immer wieder flüsternd zu seinem Klienten beugt, der reumütig vor den Kameras sitzt, es war wochenlang auf allen Kanälen zu sehen.

Video: «Ich schäme mich»

Wie sich Geri Müller damals in Sachen Selfie-Affäre erklärte.

Auch jetzt hat Meili wieder eine Bühne: Er vertritt Yannick Buttet, den Walliser CVP-Nationalrat, der am Sonntag seinen sofortigen Rücktritt bekannt gab, nachdem Westschweizer Zeitungen detailliert über die sexuellen Übergriffe berichtet hatten, die Buttet vorgeworfen werden.

Warum vertritt Meili diese Personen? Was fasziniert ihn an den Skandalfällen der schweizerischen Politik? Es sei das Spannungsfeld zwischen Persönlichkeitsrecht und öffentlichem Interesse, das ihn fasziniere, sagt Meili. Er betont aber auch, dass er Hunderte von Mandaten habe, und die publikumswirksamen nur einen kleinen Teil davon ausmachten. Dass er daneben verschiedene Lehraufträge an Hochschulen innehabe sowie Mandate in Führungsgremien von Unternehmen in der Medienbranche. Fragt man bei Meilis Bekannten nach, kommentieren diese: «Jeder Mensch hat ein Anrecht auf Verteidigung. Andreas Meili macht nur seinen Job.» Oder: «Jeder Anwalt muss selber wissen, wie er mit seinem Image umgeht.» Meili sagt: «Als Rechtsanwalt interessiert mich die rechtliche Dimension vor der moralischen. Wenn die Faktenlage und das öffentlich verbreitete Bild divergieren, dann ist es ein ‹Case›. Sonst nicht.»

Solche Cases scheint es viele zu geben. Das wissen Journalisten, auch jene von Tamedia, die unter anderem den «Tages-Anzeiger» herausgibt. Wann immer sie auf etwas stossen, mit dem sie einer bekannten oder erfolgreichen oder finanzstarken Persönlichkeit in die Quere kommen, ist die Chance gross, dass ein Mail von Rechtsanwalt Meili ins Haus flattert, noch bevor die Geschichte erschienen ist. So versucht er etwa, Medienberichte über den Bündner Unternehmer Remo Stoffel zu verhindern. Für ihn zog Meili wegen eines «Rundschau»-Beitrags vom März 2016 bis vor Bundesgericht. Letzte Woche wies dieses die Rüge ab. Es kritisierte den Beitrag punktuell, beurteilte ihn aber als fair.

Dabei war Meili selber Medienanwalt, ein gutes Jahrzehnt lang hat er bei Tamedia gearbeitet und ihre Titel verteidigt. Nach seinem Weggang 2007 gründete er mit dem Basler Rechtsanwalt Martin Wagner eine Anwaltskanzlei. Die Zusammenarbeit hielt nur wenige Monate. Wagner sagt: «Meili hat sich in eine andere Richtung entwickelt. Vom ­Medienanwalt hin zum Medienopfer-Anwalt, zum Gegner der journalistischen Freiheit.» Sie hätten deshalb strategische Differenzen gehabt und die Kanzlei bald aufgelöst. Wagner arbeitet für die «Basler Zeitung» und für die «Weltwoche». Es sei für Medienanwälte heute schwierig, in der schrumpfenden Branche ein Auskommen zu finden, sagt er. Das sei womöglich eine Erklärung dafür, warum Meili mittlerweile meistens die Gegenseite vertrete: «Wenn sie nicht bei Medien unterkommen, dann wechseln sie eben zu den angeblichen Medienopfern.» Für die Medien und die journalistische Freiheit sei dieses Phänomen allerdings ein Problem, sagt Martin Wagner.

«In diesem Spannungsfeld einen fairen Ausgleich zu finden, ist für mich wesentlich.»

Andreas Meili, ein Gegner der journalistischen Freiheit? Der Vorwurf sei «total falsch», sagt er beim Gespräch in seiner Anwaltskanzlei im Zürcher Kreis 6. Er habe seit Beginn seiner Karriere, die er in der Kanzlei von Peter Nobel begann, immer Medien und Journalisten vertreten und tue dies heute noch. Zu Recht habe die Medienfreiheit einen prominenten Platz in der Bundesverfassung, sie sei einer der wichtigsten Aspekte unserer Demokratie, und er wolle sie nicht beschränken. Allerdings sei auch die Privatautonomie ein Grundrecht, und diese kollidiere manchmal mit der Medienfreiheit. «In diesem Spannungsfeld einen angemessenen, fairen Ausgleich zu finden, ist für mich wesentlich.»

Medienanwälte sind manchmal wie bissige Hunde. Andreas Meili sei einer der angenehmeren Sorte, sagen Leute, die mit ihm gearbeitet haben. Er greife immerhin zum Telefon. Andere klagen sofort. Meili versuche, einen Konflikt einvernehmlich zu lösen. Es gibt auch weniger gute Meinungen über ihn. Ein Journalist erzählt, wie Meili ihn gebeten habe, mit der Publikation eines Artikels noch einen Tag zuzuwarten, damit mehr Zeit zum Autorisieren bleiben würde. Tags darauf habe Meili mit einer superprovisorischen Verfügung die Publikation des Artikels verhindert.

Geprägt von der Mutter

Im persönlichen Gespräch wirkt Meili unprätentiös. Kein Juristensprech, kein Standesdünkel. Ein etwas dandyhaftes Äusseres: gegelte Haare, trotziger Blick, stabiler Körperbau. Meili sei nicht nur gut für ein Feierabendbier, sagen seine Freunde. Er gehe auch gern essen und sei gutem Wein nicht abgeneigt. Seine Herkunft ist so ganz anders als das Milieu der Anwälte im Zürcher Handelszentrum. Meilis Vater war Filmregisseur, die Mutter Modeunternehmerin und dann Pressechefin im Kunsthaus Zürich. Seine Mutter habe ihn geprägt, sagt der heute 54-jährige Meili, der mit zwei Geschwistern im Zürcher Oberland aufgewachsen ist. «Sie war als dreifache Mutter berufstätig in einer Zeit, als dies die wenigsten Frauen gemacht haben.» Ebenfalls legt Meili Wert darauf, den Beruf seiner Frau zu erwähnen, sie ist Kripo-Chefin bei der Zürcher Kantonspolizei. «Meistens werden die Frauen nach dem Beruf des Mannes gefragt. Warum fragen Sie mich nicht nach dem Beruf meiner Frau?»

Er will zeigen, dass er nicht so ist, wie einige seiner Mandate vielleicht vermuten liessen. Das mag sein. Nur: Die Rolle des Medienverhinderers, die wird an ihm haften bleiben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.12.2017, 10:10 Uhr

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