CEO der NZZ geht per sofort

Veit Dengler war dreieinhalb Jahre lang CEO der NZZ. Was er in seiner turbulenten Zeit bewirkt hat.

Er wirkte stets gut gelaunt. Doch kürzlich machte er bei der Präsentation des neuen Chefredaktors der «NZZ am Sonntag» einen eher missmutigen Eindruck: Veit Dengler.

Er wirkte stets gut gelaunt. Doch kürzlich machte er bei der Präsentation des neuen Chefredaktors der «NZZ am Sonntag» einen eher missmutigen Eindruck: Veit Dengler. Bild: Keystone

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Es mag typisch sein für die NZZ, dass sie vor wenigen Jahren noch gar keinen CEO hatte. Erst 2008 schuf sie die Stelle, Polo Stäheli besetzte sie als Erster. Typisch ist auch, dass sie die Stelle 2013 nach Stähelis Pensionierung mit einem Mann besetzte, der in der schweizerischen Medienlandschaft eine grosse Ausnahme war: ein branchenfremder Österreicher. Veit Dengler hatte davor bei McKinsey, T-Mobile und Dell gearbeitet, zuletzt beim Schnäppchenportal Groupon. Es war klar: Die NZZ will sich besser verkaufen, will digitaler werden.

Das war vor dreieinhalb Jahren. Heute vermeldete das Unternehmen an der Falkenstrasse, dass es sich von Veit Dengler trenne. Dieser habe grosse Verdienste bei der gemeinsam erarbeiteten Strategie. Doch über die Umsetzung sei man uneinig. Der 49-Jährige geht per sofort, Finanzchef Jörg Schnyder übernimmt interimistisch.

Als Branchenfremder exponiert

Es waren turbulente Jahre unter Veit Dengler. Als Branchenexot war er von Anfang an unter Beobachtung und erntete Spott, als er in seinem Lebenslauf die frühere Anstellung als Reporter beim «Time Magazine» erwähnte. In der fraglichen Zeit fand sich im Archiv allerdings kein von ihm gezeichneter Artikel. Die NZZ-Kommunikationsstelle erklärte den Widerspruch mit «Gruppenjournalismus», der damals üblich gewesen sei.

Dengler, der in Wien und Harvard Wirtschaft studiert hatte, liess sich nicht beirren, sondern festigte sein Image als Quereinsteiger und Erneuerer zielstrebig. Bald nach seinem Amtsantritt vermeldete die NZZ den Kauf des Firmendaten-Portals Moneyhouse, später die Schliessung der NZZ-Druckerei und die Expansion nach Österreich mit NZZ.at. Gleichzeitig trennte sich der Verwaltungsrat von Chefredaktor Markus Spillmann. Es folgte der Aufstand der Redaktorenschaft, als BaZ-Chef Markus Somm Chefredaktor werden sollte. Schliesslich wurde es Auslandchef Eric Gujer.

Prestigeprojekt gescheitert

Denglers Projekte liefen unterdessen nicht wie gewünscht. Moneyhouse verlor an Reichweite und bekam juristische Probleme. NZZ.at, Denglers Prestigeprojekt, kam nicht auf Touren und wurde zwei Jahre später eingestellt. Das war in diesem Frühling. Spätestens da sagten sich Beobachter, dass der CEO wohl nicht mehr lange bleiben werde. Zu Beginn hiess es noch, Dengler, der 2012 in Österreich die Partei Neos (neues Österreich) gegründet und sich für eine Kandidatur zur Verfügung gestellt hatte, benutze die NZZ als Bühne, um sich für seine politischen Ziele bekannt zu machen.

Später, als die Früchte der digitalen Offensive ausblieben, wurde ebenso das baldige Ende seiner Zeit als CEO der NZZ vermutet. Einige Redaktoren sagen, er habe sich erstaunlich lange gehalten. Dies vor allem dank seines Talents zur Vermarktung, auch seiner eigenen Person. Der frühere Marketing- und Vertriebsangestellte habe den Verwaltungsrat lange bei Laune halten können.

«Fokus wieder auf Journalismus»

Dengler, der stets fröhlich wirkt, machte kürzlich bei der Präsentation des neuen Chefredaktors der «NZZ am Sonntag» einen missmutigen Eindruck. Spätestens da war klar, was bevorsteht. Mit dem gescheiterten Österreich-Abenteuer habe dies nichts zu tun, beteuert Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod auf Anfrage des «Tages-Anzeigers». Stattdessen wolle sich die NZZ wieder mehr auf Publizistik, Qualitätsjournalismus konzentrieren. «Wir müssen unser Unternehmen weiter mit dem Fokus auf die redaktionelle Arbeit verändern», sagt Jornod.

Journalisten und Leser hören das gern. Bleibt zu hoffen, dass die Rechnung aufgeht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.06.2017, 20:09 Uhr

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