Casinos gegen mehr Prävention

Die Spielbanken wollen ins Onlinegeschäft einsteigen. Aber ohne zusätzlichen Schutz für Spielsüchtige.

Kampf um das Geld: Casinos wollen keine Präventionskommission.

Kampf um das Geld: Casinos wollen keine Präventionskommission. Bild: Keystone

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Was heute gegen die Spielsucht vorgekehrt wird, genügt dem Bundesrat nicht. Er will eine zwölfköpfige Fachkommission einrichten, die den bestehenden Aufsichtsorganen und den Spielcasinos zur Seite steht. Die Kommission hätte sich über neuste Erkenntnisse zum Thema à jour zu halten; sie wäre eine Art unabhängige oberste Autorität auf dem Gebiet. Für den Casino-Verband führt die geplante Präventionskommission aber bloss zu «Doppelspurigkeiten» und «zusätzlichem Verwaltungsaufwand», ohne dass der Spielerschutz verbessert werde. Dies schreibt die Spielbankenlobby in der Vernehmlassung zum neuen Geldspielgesetz, die am 20. August abläuft. Die Casinobetreiber planen, bürgerliche Politiker auf ihre Seite zu bringen, die später in der Parlamentsberatung des Gesetzes die Kommission abschiessen sollen.

Die Spielbanken sind heute schon verpflichtet, mit Präventionsfachleuten zusammenzuarbeiten. Suchtspezialisten sitzen auch in der Eidgenössischen Spielbankenkommission, die das Geschäft der Casinos beaufsichtigt, und im interkantonalen Gremium, das den Markt der Grosslotterien und Wetten überwacht. Künftig sollen auch die Kantone Präventionsangebote bereitstellen. Die über allem schwebende Fachkommission soll laut Bundesrat den Wissensaustausch verbessern.

Die Verzweiflung einer Branche

Die Angst vor administrativem Aufwand und Auflagen, die das Geschäft erschweren könnten, ist auch in anderen Kritikpunkten des Casino-Verbands ablesbar. So lehnt die Spielbankenlobby auch internationale Amtshilfe im Kampf gegen Spielsucht ab. Davon sei nur eine weitere Benachteiligung der Schweizer Spielbanken zu erwarten, weil vermutlich nur sie die ausgetauschten Listen mit gesperrten Spielern übernähmen.

Die verzagte Haltung spiegelt die Nervosität der Branche. Der Bruttospiel­ertrag der Spielbanken ist in den vergangenen sechs Jahren um fast 30 Prozent gesunken. Der Verband erklärt dies mit der weniger streng regulierten Konkurrenz im grenznahen Ausland, dem wachsenden Angebot an Internet-Glücksspielen sowie mit illegalen Spielstätten in Hinterzimmern von Bars.

Verboten aber trotzdem angeboten

Ironischerweise ist das kritisierte Gesetz eine Antwort auf die Sorgen der Branche: Um den wegbrechenden Erträgen nicht tatenlos zusehen zu müssen, sollen die Casinos künftig selber Online-Glücksspiele anbieten dürfen. Gleichzeitig will der Bund die Websites von ausländischen Anbietern sperren können. Heute sind Online-Glücksspiele in der Schweiz verboten, werden aber von ausländischen Firmen trotzdem angeboten – und auch genutzt, weil das Spielen selber nicht illegal ist. Mit der für 2018 geplanten Ausdehnung des legalen Glücksspiels ins Internet begründet der Bundesrat den Ausbau der Prävention. Der Casino-Verband dagegen wünscht das neue Geschäftsfeld ohne zusätzliche Auflagen und erst noch früher als vom Bundesrat vorgesehen – was unmöglich sein dürfte, weil sich der Gesetzgebungsprozess nicht beliebig beschleunigen lässt.

Nicht nur im Vergleich mit der ausländischen Konkurrenz sehen sich die Spielbanken zu streng behandelt. Im Inland kommt der Groll der Casinos gegenüber Lotto, Sportwetten und Geschicklichkeitsspielen wieder hoch. Diese Einnahmen fliessen in Kultur, Soziales und Sport, was die Kantone freut. Der Casino-Verband befürchtet nun, dass mit dem neuen Gesetz der Lotteriebegriff zulasten der Spielbankenspiele ausgedehnt wird. Der Kampf um das Geld der Spieler beginnt schon bei der Definition, um welche Art von Spiel es sich handelt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.08.2014, 20:31 Uhr

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