Chancen packen statt verharren

Kritiker wollen den Umbau der Energieversorgung stoppen. Sie liegen falsch.

Blick in den Kühlturm von Leibstadt: Bis 2050 soll die Schweiz keine Atomkraftwerke mehr brauchen. Foto: Eddy Risch (Keystone)

Blick in den Kühlturm von Leibstadt: Bis 2050 soll die Schweiz keine Atomkraftwerke mehr brauchen. Foto: Eddy Risch (Keystone)

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Täglich erreichen uns Meldungen über sinkende Ölpreise, billigeres Benzin und neue Technologien. Sie beeinflussen unseren Alltag. Viele fragen sich darum auch, wie sich die Aufgabe des Euro-Mindestkurses auf unsere Energiezukunft auswirken wird. Bereits gibt es Stimmen, die aus diesem Grund die Energiestrategie 2050 des Bundes verzögern oder aufgeben wollen.

Solche Reflexe sind auf den ersten Blick verständlich. Wer aber genauer hinsieht, erkennt: Die Energiestrategie 2050 ist langfristig ausgelegt und orientiert sich weniger am konjunkturellen Auf und Ab. Wichtig ist, dass die Richtung stimmt und sich die Schweiz im stark veränderten Umfeld gut positioniert. Zentral sind folgende Massnahmen:

  • Energieverbrauch senken. 2013 betrugen unsere Kosten für Energie rund 33 Milliarden Franken, wovon 20 Milliarden für den Import von Erdöl, Gas und Benzin ausgegeben wurden. Der derzeit sehr tiefe Ölpreis und der starke Franken helfen, diese Kosten zu reduzieren und Milliarden zu sparen. Das entlastet Bevölkerung und Wirtschaft. Aber die billigste Energie ist jene, die wir gar nicht verbrauchen. Den Energiekonsum senken, effizienter werden: Das bleibt für die Schweiz der richtige Ansatz. So können wir die Auslandabhängigkeit reduzieren und die Wertschöpfung im Inland stärken.

  • Mehr erneuerbare, weniger fossile Energie. Damit stellen wir die Versorgung sicher und stärken die Schweiz für die Zukunft. Erneuerbare Energien aus Wind, Sonne, Holz, Biomasse oder Wasser stehen grundsätzlich endlos zur Verfügung. Wasser ist dabei seit je eine unserer kostbarsten Ressourcen. Das Umfeld, vor allem der rekordtiefe Strompreis in der EU, setzt die Wasserkraft und künftige Investitionen aber unter grossen Druck. Dennoch ist die Wasserkraft der wichtigste Pfeiler unserer Stromproduktion und muss dies auch in Zukunft bleiben. Dafür ist das Engagement aller Akteure nötig.

  • Umsichtige Förderung. Um die Stromproduktion aus neuen erneuerbaren Energien zu steigern, braucht es vorderhand die Einspeisevergütung (KEV). Durch die neue Währungssituation werden diese Anlagen zwar billiger im Einkauf. Dieser Marktanreiz wird aber von den derzeit historisch tiefen Energiepreisen zunichtegemacht. Geld zu verdienen oder nur schon die eigenen Produktionskosten zu decken, ist mit neuen Anlagen kaum möglich: Ohne Einspeisevergütung riskieren wir einen Stillstand. Es braucht derzeit somit noch eine Förderung der erneuerbaren Energien, und dafür soll der Zuschlag moderat von 1,5 auf maximal 2,3 Rappen pro Kilowattstunde angehoben werden. Klar ist aber auch: Diese Förderung ist befristet und muss nach 2020 in ein Lenkungssystem übergehen.

Neue AKW machen keinen Sinn

Was wäre die Alternative? Der Bau neuer Kernkraftwerke? Das macht schon wirtschaftlich keinen Sinn. Die Kosten für den Bau neuer nuklearer Anlagen sind enorm gestiegen. Deren Betreiber sind inzwischen auf staatliche Bürgschaften für Kredite und auf garantierte Abnahmepreise angewiesen. Das zeigt das Beispiel Hinkley Point in Grossbritannien. Dazu kommen die Kosten für Stilllegung und Entsorgung alter Kernkraftwerke und die schwierige Suche nach einem Standort für die Lagerung radioaktiver Abfälle. Eine reine Importstrategie? Die günstigen Strompreise in Europa mögen verlockend sein, und ein gewisser Import von Strom ist seit Jahren Realität. Dennoch sollten wir das Potenzial der erneuerbaren Energien ausschöpfen, um einheimische Ressourcen zu nutzen, in der Schweiz statt im Ausland zu investieren und Arbeitsplätze zu sichern.

Die Energiestrategie 2050 ist eine pragmatische Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit: Die Energiewirtschaft steht vor einem Wandel, der vor allem vom veränderten Umfeld ausgelöst wird – und nicht von der Energiepolitik. Dass noch vor wenigen Jahren vor einer Stromlücke gewarnt wurde, wir nun aber ein Überangebot haben, das der Wasserkraft zusetzt, liegt weder an «Fuku-shima» noch an unserer Strategie. Das Überangebot ist vielmehr auf die Förderung von Schiefergas in den USA, den wirtschaftlichen Abschwung in Europa und die Flut von CO2-Zertifikaten zurückzuführen, die Kohle attraktiv macht. Wir haben heute einen internationalen Markt mit Überkapazitäten, der unseren nationalen Markt stark beeinträchtigt. Damit müssen wir umgehen. Wir müssen uns ausserdem darauf vorbereiten, dass mittel- und langfristig wieder mit steigenden Erdölpreisen zu rechnen ist.

Mit der Energiestrategie 2050 schlagen wir die richtige Richtung ein. Eine effizientere, weniger fossile Zukunft zahlt sich für unser Land aus. Der Übergang wird kosten, bietet aber grosse Chancen. Wir haben das Wissen, die Fähigkeit und dank dem schrittweisen Vorgehen auch die nötige Zeit für den Umbau.

Wir haben in der Schweiz mehrfach bewiesen, dass wir mit Umbrüchen umgehen können: Als Anfang des 20. Jahrhunderts die damals für die Energieversorgung wichtige Kohle knapp wurde, die aus dem Ausland eingeführt wurde, forcierte die Schweiz die Wasserkraft. So wenig, wie man damals beim alten Versorgungsmodell verharren konnte, so wenig können wir uns heute dem veränderten Umfeld entziehen.

* Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) ist Vorsteherin des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation.

Erstellt: 04.03.2015, 22:52 Uhr

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