Chef der Zudringlichkeiten

Der bekannte Journalist Werner De Schepper hat gemäss zwölf Ex-Mitarbeiterinnen über Jahre hinweg Frauen bedrängt und ungefragt berührt.

Werner De Schepper, Co-Leiter der «Schweizer Illustrierten». Foto: Christian Beutler (Keystone)

Werner De Schepper, Co-Leiter der «Schweizer Illustrierten». Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Es gab keinen Grösseren: Vier Jahre lang war Werner De Schepper Chefredaktor des «Blicks» – und als solcher der Schweizer Journalist mit der grössten Reichweite, der schrillsten Stimme, der gefährlichsten Waffe. Er hatte die Macht, Kampagnen zu fahren, Politiker zu stürzen, Skandale aufzudecken. Und das gefiel dem Wahl-Oltner. Ehrgeizig war der studierte Theologe schon immer, seine Leidenschaften trieben ihn an, sein Glaube, sein Beruf – und die Frauen. Er wollte an die Spitze, wollte Resonanz, Beachtung, Bestätigung. Und wo diese nicht von selbst kam, soll er nachgeholfen haben. Zumindest bei den Frauen.

Seit die «New York Times» am 5. Oktober 2017 die Übergriffe des Filmproduzenten Harvey Weinstein öffentlich machte, haben Dutzende Manager, Starköche, Schauspieler, Politiker oder Comicverleger ihre Posten verloren. Frauen machten unter dem Schlagwort #MeToo publik, was sie jahrelang an Belästigungen und Übergriffen erduldet hatten, und traten eine Debatte los um Macht und Sex, Bewunderung und Abhängigkeit, Grenzen und Kontrollverlust, die spätestens mit der Kontroverse um den Walliser CVP-Politiker Yannick Buttet auch die Schweiz erreicht hat.

In der hiesigen Medienbranche fällt bei #MeToo-Diskussionen immer wieder ein Name aus den eigenen Reihen: Werner De Schepper, heute Co-Chef der «Schweizer Illustrierten». Es ist in der Branche kein Geheimnis – in seiner Zeit als Kadermann bei «SonntagsBlick», «Blick», TeleBärn und «Aargauer Zeitung» (AZ) galt er als Chef der Zudringlichkeiten.

Ungewollte Küsse

Tagesanzeiger.ch/Newsnet sprach mit 28 Ex-Mitarbeiterinnen, Vorgesetzten und Bekannten über De Scheppers Verhalten gegenüber weiblichen Angestellten. Daraus ergab sich ein Muster von Vorwürfen. Beginnend im Jahr 2000, erstrecken sie sich über einen Zeitraum von rund 15 Jahren. Sie betreffen die Zeit, als De Schepper einer der einflussreichsten Männer der Schweizer Medienbranche war.

Zwölf Quellen berichteten von Vorfällen, in denen De Schepper Mitarbeiterinnen bedrängt und berührt haben soll, an Po, Beinen oder Brust, am Arbeitsplatz, im Lift, an Firmenfesten, im öffentlichen Raum, teilweise bezeugt von Dritten. In einem Fall soll es zu ungewollten Küssen gekommen sein. Manche Frauen beklagten die Doppelmoral des Katholiken De Schepper, viele bezeichneten ihn in Gesprächen als «Tööpli». Für manche Frauen war das Verhalten bloss lästig – man müsse ihm eben Grenzen setzen. Bei vielen aber hallen Ekel und Ärger bis heute nach. Der Schwerpunkt der Vorwürfe liegt in den Jahren von 2003 bis 2007, es gab aber auch Vorfälle aus jüngerer Zeit. Es blieb laut den Quellen bei leichten Vorfällen. Übergriffe, die strafrechtliche Folgen hatten, sind keine bekannt.

«Im Rückblick bin ich schockiert. Es war ein konstantes Wegschauen», sagt eine betroffene Ex-«Blick»-Angestellte. «Ich hätte gekündigt, wenn er nicht selbst gegangen wäre», so eine AZ-Medien-Mitarbeiterin. Andere gaben zu Protokoll, sie hätten sein Verhalten «absolut widerlich» gefunden oder jeweils ein «mulmiges Gefühl» gehabt und darauf geachtet, ihm nicht zu nahe zu kommen, wenn sie ihm im Treppenhaus allein begegneten.

Er fragte, ob sie ihre Tage habe. Ob sie wieder mal Sex brauche.

Gegen aussen zeigt sich De Schepper als Journalist, der dem weiblichen ­Geschlecht höchst ergeben ist. In seinen Leitartikeln und Interviews beschreibt er Frauen als das klügere, besonnene Geschlecht. Er macht sich stark für mehr weibliche Mitsprache, fordert sie zu einem mutigeren Auftreten auf und lobt die Frauenbewegung. Manche ­Journalistinnen berichteten denn auch, sie sähen keinen Anlass für Kritik an De Schepper: Er habe sie gefördert und gepusht.

Im konkreten Umgang soll sich aber sein Enthusiasmus laut befragten Frauen auf ganz andere Weise gezeigt haben. Zwar schaffte De Schepper 2003 als eine seiner ersten Amtshandlungen das «Blick»-Girl ab, weil sein Blatt «keine Wichsvorlage mehr sein» dürfe. Den Redaktionsalltag habe er aber eher gemäss seiner in der «Weltwoche» geäusserten Selbsteinschätzung bestritten, wonach er «grundsätzlich ein Macho» sei: An Sitzungen soll er laut Ex-Mitarbeiterinnen übers morgendliche «Wichsen» zu Hause geredet haben und darüber, dass «Macht einfach geil» sei. Sein Verhalten war auffällig genug, um dem gebürtigen Belgier intern einen Spitznamen à la «Blick» zu bescheren: Man habe ihn den «Fummel-Flamen» genannt, so zwei Frauen. Auch verbal soll De Schepper immer wieder die Grenzen zum Sexismus überschritten haben. Ende März 2015 trafen sich Angestellte der «Schweizer Illustrierten», um das Cover jener Ausgabe zu planen. Es ging um die Frage, wie die Zeitschrift den Absturz des Germanwings-Flugs 9525 aufgreifen sollte. Anwesend seien neben De Schepper ein halbes Dutzend Leute gewesen, darunter mehrere Kadermänner und eine jüngere Mitarbeiterin, die nach ihrer Meinung zum Cover gefragt worden sei, erzählt eine Quelle. Die Mitarbeiterin habe den Vorschlag für wenig gelungen gehalten. De Schepper soll darauf erwidert haben: Ob sie ihre Tage habe? Ob sie wieder mal Sex brauche?

Man habe ihn den «Fummel-Flamen» genannt, so zwei Frauen.

Normal war ebenso, berichten fünf ihm unterstellte Frauen, dass er sie am Arbeitsplatz mit «Schätzli» anredete – auch in jüngerer Zeit.

Die sinnlichen Momente

Der 1965 als Sohn eines belgischen Bäckers und einer Lehrerin Geborene nahm aus seinem strikt katholischen Elternhaus zwei Dinge mit: seinen Glauben und ein soziales Gewissen. Als 19-Jähriger liebäugelte er mit dem Eintritt ins Kapuzinerkloster – doch bereits nach kurzer Zeit habe er gemerkt, dass ihm «die sinnlichen Momente im Leben doch nicht so fremd sind», wie er es in einem Interview mit dem «Anzeiger von Uster» formulierte. Während des Theologiestudiums las er intensiv den «Blick», der für ihn als Stimme des Volks eine ganz besondere Bedeutung hatte. Da wollte er hin. Nach dem Militärdienst in Belgien kam er 1993 bei der «Schweizer Illustrierten» unter, von da ging es zum «SonntagsBlick» und zum «Blick», wo er sich den Ruf als «heissblütiger Motivator der Truppe mit exekutierendem Scharfsinn» (AZ) erarbeitete. 2003 war er am Ziel – auf dem «Blick»-Chefsessel – angelangt, wo er bis 2007 blieb. 2009 wechselte er ins AZ-Medienhaus, wo er verschiedene Kaderfunktionen übernahm. 2015 holte man ihn zu Ringier zurück, dort amtet er heute als Co-Chef der «Schweizer Illustrierten».

Als «Blick»-Chef galt De Schepper als harter Hund, auch das Bonmot vom «fröhlichen katholischen Sünder» machte die Runde. Was damit gemeint war, erzählte eine frühere Mitarbeiterin so: Zu «Blick»-Zeiten seien sich eine Angestellte und er vor Beginn einer Sitzung gegenübergesessen. Der Vorgesetzte habe die jüngere Frau angeblickt, seine Zunge herausgestreckt und damit sexuell konnotierte Bewegungen gemacht. Während Redaktionssitzungen soll es auch unter dem Tisch zu unerwünschten Berührungen gekommen sein. Alte Freunde erzählten, De Schepper sei schon in seiner Studienzeit einschlägig bekannt gewesen. Mit dem beruflichen Aufstieg und seinem Zugang zur Macht habe sich das Verhalten akzentuiert. Zielgerichtet ging er offenbar nicht vor, es gab kein Beuteschema, es habe jede Frau treffen können, sagen ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Der Tenor der interviewten Ex-Angestellten lautete, De Schepper habe nicht aus böser Absicht gehandelt.

Besonders nach Alkoholkonsum sei es ihm schwergefallen, sich unter Kontrolle zu halten. Höhepunkt sei jeweils das Ringier-Weihnachtsessen gewesen, wie mehrere Ex-Mitarbeiterinnen berichteten. De Schepper, von vielen als begeisterter Tänzer beschrieben, sei bisweilen mit Ersatzhemden angereist, er habe sich beim Tanzen so sehr verausgabt, dass er sich zwischendurch habe frisch machen müssen. Wenn die Musik aufspielte, habe das bei manchen Frauen eine charakteristische Dynamik ausgelöst. Wer nicht mit «Scheppi» habe tanzen wollen, habe auf einen Sicherheitsabstand geachtet, um nicht plötzlich gepackt und über die Tanzfläche gewirbelt zu werden. Es gab aber auch Frauen, denen das gefiel. Und einige sollen sich gar einen Spass daraus gemacht haben, ihn zu übergriffigem Verhalten zu provozieren, um sich danach darüber zu amüsieren.

Die Ringier-Pressestelle schreibt auf Anfrage, man habe keine Kenntnis von Vorfällen, die Werner De Schepper beträfen. In seiner Personalakte lägen keine Beschwerden vor. Bei anonymen Anschuldigungen, die von dritter Seite ans Unternehmen herangetragen würden, könne man keine Massnahmen ergreifen. «Sollten Mitarbeiterinnen grenzüberschreitendes Verhalten verbaler und körperlicher Art nicht gemeldet haben, so bedauern wir dies», schreibt eine Sprecherin. Solches Verhalten werde bei Ringier nicht toleriert. Die AZ Medien verzichteten auf eine Stellungnahme.

«Das Wichtigste ist die Tat»

Die Quellen, welche diese Zeitung kontaktierte, gaben detailliert und ausführlich Auskunft. Die Betroffenen baten jedoch darum, ihre Namen zurückzuhalten. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Viele befürchteten berufliche Nachteile: Die Schweizer Medienbranche ist klein, wer sich namentlich zitieren lässt, riskiert Ächtung. Und: Trotz seines Fehlverhaltens schilderten viele der interviewten Frauen ein gespaltenes Verhältnis zu De Schepper. Einerseits hielten sie die erlebten Vorfälle für erniedrigend und inakzeptabel. Gleichzeitig zollten sie ihm für seinen Elan und sein journalistisches Talent Respekt. Mehrfach wurde erwähnt, De Scheppers Beziehung zu einer neuen Partnerin habe einen mässigenden Einfluss auf ihn.

Der Tenor der interviewten Ex-Angestellten lautete, De Schepper habe nicht aus böser Absicht gehandelt. Er sei vom Naturell her ein sehr körperlicher Typ. Immer wieder hiess es, er habe eine persönliche «Schwäche»: ein fehlendes Gespür für Nähe und Distanz und seine Rolle als Vorgesetzter. Dieses Problem habe er über Jahre nicht unter Kontrolle bekommen – und das gehe schlicht nicht, besonders als Chef.

Beim TeleBärn-Weihnachtsessen im Februar 2013 war Werner De Schepper, damals designierter Redaktionsleiter des Senders, auch eingeladen. An jenem Abend, sagen mehrere Frauen, soll er künftige Mitarbeiterinnen in einer Art und Weise angebaggert haben, dass mehrere sich danach beim Management beklagten, worauf ihn der Geschäfts­leiter zum Gespräch zitierte. Während seiner AZ-Zeit hätten ihn Kollegen und Vorgesetzte mehrfach auf informelle Art gebremst, im Stile von: «Werner, du musst aufpassen.»

Kein Kommentar

Sexuell konnotiertes Machtverhalten ist für jede Gesellschaft, jede Familie, jeden Betrieb ein überaus heikles Thema – weil es meist unter vier Augen geschieht und die Grenzen zwischen spielerisch und übergriffig nicht immer klar zu ziehen sind. Viele Betroffene fürchten zudem auch im Fall De Schepper, eine Meldung könnte wirkungslos verpuffen oder sie könnten als Denunziantinnen dastehen.

In einem Interview für das Projekt «Reformare» der christlichen Bewegung VBG sagte Werner De Schepper Anfang November: «Als Journalist ist für mich am Schluss das Wichtigste immer die Tat, es sind die Geschichten aus dem Leben und die Frage: Was ist richtig, was ist falsch?»

Was De Schepper über die geschilderten Vorwürfe zu sagen hat, ist unklar – er wollte auf einen detaillierten Fragenkatalog keine Auskunft geben.

Recherche-Hinweise an michele.binswanger@tages-anzeiger.ch oder mario.staeuble@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.12.2017, 19:42 Uhr

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