Hintergrund

Chodorkowski wird nicht leicht an sein Geld herankommen

Der russische Kremlkritiker will sich von der Schweiz aus für politische Gefangene in Russland einsetzen. Auch für sein Geld wird er kämpfen müssen.

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Mit einer List schaffte es Michail Chodorkowski gestern, nahezu unerkannt in die Schweiz zu reisen. Bloss ein Kamerateam des Schweizer Fernsehens (SRF) begleitete den Ex-Oligarchen auf der Zugreise, die er mit seiner Ehefrau Inna und drei seiner vier Kinder unternommen hat. Chodorkowski fuhr nicht auf direktem Weg in die Schweiz, sondern wählte von Berlin aus den Umweg via Hannover nach Basel. Dort trafen er und seine Angehörigen gegen 19 Uhr ein, wo sie ein Fahrzeug für die Weiterfahrt bestiegen. Der Kremlkritiker wirkte laut SRF «freundlich, zugänglich und besonnen». Den rechten Arm trug er infolge einer Operation in einer Schlinge.

Er wolle sich auch von der Schweiz aus für die Befreiung von politischen Gefangenen in Russland einsetzen, sagte Chodorkowski: «Man kann doch nicht ruhig leben, wenn man weiss, dass in den Gefängnissen politische Gefangene schmoren.» Er habe eine Verantwortung gegenüber der Zivilgesellschaft. Sein Engagement habe jedoch «mit Politik nichts zu tun», betonte Chodorkowski.

Ehefrau wohnt in Montreux

Chodorkowskis Ehefrau besitzt laut der «SonntagsZeitung» einen Wohnsitz in Chernex, einem Stadtteil von Montreux. Auch seine 14-jährigen Zwillingssöhne Gleb und Ilia wohnen in der Schweiz und gehen hier zur Schule. Laurent Wehrli, Gemeindepräsident von Montreux, sagte gestern Abend, er wisse nichts von Chodorkowskis Ankunft. Die örtliche Polizei sei jedenfalls nicht informiert worden. Der Stadtpräsident wollte aber nicht ausschliessen, dass die Bundespolizei Vorkehrungen getroffen habe. Wehrli fordert für die Familie Chodorkowski, dass sie weiterhin Diskretion geniessen kann. Montreux zählt 800 Russen unter seinen 25'000 Einwohnern. Mehrere Mal pro Jahr hält sich der ehemalige russische Präsident Michail Gorbatschow in Montreux auf. Chodorkowskis Medienagentur wollte weder bestätigen noch dementieren, dass der Kremlkritiker nach Montreux gefahren ist.

Unklar ist, wie lange Chodorkowski in der Schweiz bleibt. Seine Medienagentur erklärte, er habe noch keine Pläne gefasst, ob er permanent hier wohnen möchte. Der Kremlkritiker ist im Besitz eines Schengen-Visums, das ihm die Schweizer Botschaft in Berlin ausgestellt hat. Damit kann er drei Monate in der Schweiz bleiben. Wenn er länger bleiben will, müsste er laut Bundesamt für Migration ein Gesuch an die kantonale Migrationsbehörde richten. Falls er nicht erwerbstätig sein möchte, müsste er über genügend finanzielle Mittel verfügen. Wenn Chodorkowski erwerbstätig sein will, müsste er eine Firma gründen oder einen Arbeitsvertrag für Drittstaatenangehörige erhalten. Zudem könnte Chodorkowski politisches Asyl beantragen.

Geld auf Schweizer Konten

Als Chodorkowski 2003 mit vorgehaltener Waffe verhaftet wurde, war er mit rund 15 Milliarden Dollar der reichste Mann Russlands. Bis 2005 verlor er laut Schätzungen fast 13 Milliarden, weil sein Ölkonzern Jukos konfisziert wurde. Russische Zeitungen schätzen, dass er noch 250 Millionen Franken Privatvermögen besitzt, während andere von mindestens 100 Millionen sprechen. 2004 hatte Russland die Schweiz aufgefordert, 6,2 Milliarden Franken Jukos-Gelder zu blockieren, die auf Schweizer Banken lagen. Weil Chodorkowski als politischer Gefangener galt, wurde der Forderung nicht Folge geleistet. Dafür dankte Chodorkowski der Schweiz nach seiner Freilassung ausdrücklich.

Ob er schnell an dieses Geld herankommt, ist allerdings fraglich. Es handelt sich um Firmenkonten, und Jukos wurde nach der faktischen Enteignung zerschlagen und aufgeteilt. Der grösste Teil ging an den staatlichen russischen Ölkonzern Rosneft, der von Gefolgsleuten Präsident Wladimir Putins geführt wird. Chodorkowski dürfte nicht ohne langwierige Gerichtsverfahren wieder an das Geld kommen – wenn überhaupt.

Erstellt: 05.01.2014, 22:31 Uhr

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