Clevere Geschäftemacher profitieren vom Numerus clausus

Nach einer Panne beim Zulassungstest für das Medizinstudium haben 16 durchgefallene Kandidaten Beschwerde eingereicht. Die Panne ist die Folge eines fragwürdigen Geschäfts mit teuren Vorbereitungskursen.

Wer fleissig übt, könnte belohnt werden: Studenten lernen spätnachts mit ihren Anatomiebüchern. Foto: Keystone

Wer fleissig übt, könnte belohnt werden: Studenten lernen spätnachts mit ihren Anatomiebüchern. Foto: Keystone

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Die Verantwortlichen für den Schweizer Zulassungstest zum Medizinstudium müssen einen peinlichen Fehler eingestehen: Von den insgesamt 3173 Studienanwärtern, die den Test am 4. Juli absolviert haben, waren einige bevorteilt – sie kannten 14 der 198 gestellten Fragen im Voraus. Wie viele von dem Vorwissen profitiert haben, kann das verantwortliche Zentrum für Testentwicklung und Diagnose (ZTD) nicht sagen.

Statt – wie üblich nach solchen Prüfungspannen – das Examen zu wiederholen, änderte das ZTD den für die jungen Anwärter karriereentscheidenden Test nachträglich ab: Es strich die Antworten zu den 14 Fragen kurzerhand aus der Bewertung. Begründung: Das sei «die bestmögliche Korrektur».

Gut möglich ist aber, dass sich das Vorgehen für das Institut als weitere Panne entpuppt. Eine Anfrage bei den Beschwerdestellen ergab, dass 16 Kandidaten die nachträgliche Manipulation des Tests nicht akzeptieren und auf dem Rechtsweg gegen die Testverantwortlichen vorgehen (siehe Kasten). Das ZTD, das den Selektionstest im Auftrag der Schweizerischen Rektorenkonferenz durchführt, versucht, die Panne nun als unglücklichen Einzelfall abzutun.

Trainierbare Eignung

Tatsächlich kann sich das aber bei jedem Test wiederholen. Denn rund um die Vorbereitung zum Numerus-clausus-Test ist eine regelrechte Trainingsindustrie entstanden. Eine ganze Reihe kommerzieller Institute bietet teure Testtrainingsseminare und haufenweise Trainingsmaterial an. Vor allem aber auch: Originalfragen zum Üben.

Die Institute – teilweise mit Hauptsitz in Deutschland – tragen Namen wie Meditrain, Medtest, Testtutor. Bei Medtest kostet ein einwöchiges Trainingsseminar 1380 Franken. Laut Geschäftsführer Philipp von der Mühll nehmen jährlich allein an seinem Institut 500 Testanwärter an einem solchen Seminar teil. Weitere 300 besuchen beim selben Institut einen eintägigen Kurs. Zudem verkauft Medtest jährlich 2000 Trainingsbücher. Das deutsche Trainingsinstitut Meditrain bietet einwöchige Seminare für 1290 Franken an und bereitet in der Schweiz jährlich 250 Kandidaten auf den Test vor. Eine Gesamtstatistik über die Teilnehmerzahlen gibt es nicht.

Dem Zweck entfremdet

Die kommerziellen Trainingsseminare machen den Selektionsprozess fragwürdig: Denn anders als zum Beispiel eine Fahrprüfung dürfte der Test eben gerade nicht Erlerntes oder Antrainiertes prüfen. Er müsste definitionsgemäss ausschliesslich die grundsätzliche Eignung eines Arztanwärters testen.

Durch die Seminare dürfte das durchschnittliche Prüfungsresultat von Jahr zu Jahr höher geschaukelt werden: Je mehr Geld die Kandidaten in Seminare stecken, desto kleiner wird die Chance, bloss aufgrund der natürlichen Eignung einen der 790 begehrten Studienplätze zu bekommen. Je mehr die Seminare an Bedeutung gewinnen, desto weiter entfernt sich der Test von seinem Zweck: der Beurteilung, ob ein Kandidat fürs Medizinstudium geeignet ist.

Fauler Zauber im Fachhandel?

Kein Wunder warnt der Freiburger Psychologieprofessor Klaus Dieter Hänsgen, Chef des für die Testdurchführung verantwortlichen ZTD, die Studienanwärter auf der ZTD-Website eindringlich vor den kommerziellen Trainings. Er beteuert, dass mehrfach erwiesen sei, dass sie nicht nötig seien und dass die beiden offiziell zur Verfügung gestellten Bögen als Vorbereitung ausreichten. Allerdings kann Hänsgen gar nicht anders, als dies zu behaupten. Denn: Wenn bewiesen ist, dass die Eignungstests in hohem Mass trainierbar sind, sind Professor Hänsgens Tests unbrauchbar.

Dass die Lernmethoden der meisten Institute bloss billiger Zauber sind, wie dies Professor Hänsgen suggeriert, ist kaum anzunehmen. Die Autoren der Trainingshefte sind anerkannte Wissenschaftler. Und das Trainingsmaterial etwa von Medtest wird auch von renommierten Buchhandlungen wie Stauffacher oder Orell Füssli vertrieben. Die Trainingsinstitute arbeiten nach einem simplen Prinzip: Sie sammeln so viele Fragen – so weit als möglich Originalfragen aus älteren Tests – und lassen die Kandidaten diese lösen respektive auswendig lernen. Frage aus einem Orignaltest (Richtig wäre Antwort E)

Denn laut Medtest-Geschäftsführer von der Mühll kommen «fast jedes Jahr in den Zulassungstests Fragen, die gleich oder sehr ähnlich sind wie in älteren Tests». Klaus Gabner, Geschäftsführer des Konkurrenzinstituts Meditrain, geht noch weiter: «Wir haben beobachtet, dass ganze Aufgabenblöcke (Untertests) nach zwei bis vier Jahren eins zu eins wieder eingesetzt wurden.» Auswendiglernen dürfte sich so auszahlen. Medtest-Chef von der Mühll erklärt, wie sein Institut an Fragen kommt: Seine Mitarbeitenden nehmen Jahr für Jahr selber an den medizinischen Zulassungstests teil. Ihr Auftrag bestehe darin, sich Testaufgaben zu merken. «Jeder sammelt dabei Aufgaben aus einem anderen Themengebiet. Man habe auch andere Kanäle, um an die Fragen zu kommen, sagt von der Mühll, vor allem Rückmeldungen von Kandidaten. Auch Konkurrent Meditrain schickt seine Dozenten in die Testlokale, um Fragen zu sammeln.

Dass die Geschäftsführer der beiden Institute nicht bluffen, ist spätestens seit diesem Jahr definitiv erwiesen: Zumal die 14 Fragen, die in diesem Jahr einigen Kandidaten bereits im Voraus bekannt waren, unbestrittenermassen durch eines der Lerninstitute in Umlauf gebracht worden waren. Professor Hänsgen hat Anzeige erstattet, er redet von Diebstahl. Im Verdacht steht Medtest. Bewiesen ist, dass die 14 Fragen aus einer älteren Testserie aus Deutschland stammen. Deutsche Unis führen einen analogen Eignungstest durch. Sie beziehen ihre Testfragen aus demselben Labor wie die Schweizer. Weil die Fragen teuer sind, kaufen die Schweizer Verantwortlichen die Fragen nicht exklusiv ein.

Frage aus einem Orignaltest (Richtig wäre Antwort B) (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.10.2014, 11:12 Uhr

Der Professor und die alten Beweise

Der verantwortliche Professor verteidigt seine Zulassungstests, muss aber einräumen, dass er dieselben Fragen benutzt, die in anderen Jahren schon verwendet wurden.

Professor Klaus-Dieter Hänsgen, Leiter des Zentrums für Testentwicklung und Diagnose (ZTD), ist verantwortlich für den Zulassungstest fürs Medizinstudium. Das der Uni Freiburg angeschlossene Institut stellt den Test zusammen und führt ihn im Auftrag der Universitäten Bern, Zürich, Basel und Freiburg durch.

Die Tests dürften nicht trainierbar sein. Entsprechend verteidigt Arbeitspsychologe Hänsgen seine Tätigkeit als Testmacher: «Alle wissenschaftlichen Ergebnisse sprechen klar gegen eine Notwendigkeit von speziellen Trainings», schreibt der Professor. In zwei Studien sei in Deutschland wissenschaftlich abgesichert worden, dass durch eine selbstständige, gezielte Vorbereitung anhand der kostenlos abgegebenen Testbroschüre und einer veröffentlichten Originalversion gleich gute Leistungen erreicht werden könnten, wie sie durch zusätzliche Trainingskurse erzielt würden, so Hänsgen.

Bei den kommerziellen Testvorbereitungsinstituten lacht man allerdings über Hänsgens Argumente. Die Studie stamme aus dem Jahr 1997, wie Hänsgen auf der Website selber schreibe. Damals hätten die Methoden der Trainingsanbieter noch in den Kinderschuhen gesteckt. In der der Schweiz ist der Numerus clausus sogar erst 1998 eingeführt worden. Es sei grotesk, die Situation von damals mit heute zu vergleichen. Professor Hänsgen erwidert darauf: «Es gibt meiner Kenntnis nach keine Belege für diese Professionalisierung, ausser den Selbstzuschreibungen der Anbieter.» Er verweist zudem auf neue, durch das ZTD durchgeführte Umfragen bei Kandidaten.

Die Produktion der Eignungstests ist teuer. Das ZTD kauft viele Fragen deshalb ein. Dabei nimmt es in Kauf, dass in regelmässigen Abständen die gleichen Fragen in den Tests auftauchen. Hänsgen räumt ein, dass er an vielen Fragen, die er seinen Kandidaten vorlegt, kein Exklusivrecht hat: «Die Schweiz nutzt Teile des deutschen Eignungstests.» Hänsgen weiter: «Selbstverständlich handelt es sich um andere Fragen als die, die im gleichen Jahr in Deutschland verwendet wurden.» (ma)

Klarstellung

Im Bericht «Clevere Geschäftemacher profitieren vom Numerus clausus» (BZ vom Freitag bzw. TA-online vom 3.10.) schrieb die BZ, die Firma Meditrain biete 2-tägige Seminare für 3200 CHF an, während Medtest 1.380 CHF für ein einwöchiges Training verlange. Dieser Vergleich war missverständlich. Das einwöchige Seminar von Meditrain kostet 1295 CHF - das von der BZ erwähnte 2-tätige Angebot für 3200 CHF betraf ein intensives Einzeltraining. (TA)

16 Beschwerden

Ein Jahr verloren

Kandidaten, die glauben, zu Unrecht beim zentralen Eignungstest durchgefallen zu sein, müssen sich in jenem Kanton beschweren, in welchem sie studieren wollten. In Bern etwa beim Rechtsdienst der Erziehungsdirektion (Erz).

Laut Erz sind in Bern 5 Beschwerden eingegangen, die sich auf den Fehler mit den 14 Fragen bezogen. Im Kanton Zürich müssen die Beschwerden bei der Rekurskommission der Hochschulen deponiert werden. Dort sind 6 eingegangen. Eine ging in Freiburg ein, 4 in Basel.

Problematisch für die Kandidierenden: Das Semester an der Uni hat begonnen. Wenn sich nun herausstellt, dass sie zu Unrecht nicht zugelassen wurden, werden sie dennoch ein Jahr verlieren. (ma)

Test zur Zulassung

70 Prozent fallen durch

Der Test zur Zulassung zum Medizinstudium besteht aus rund 200 Fragen. Dabei sollen unter anderem die Konzentrationsfähigkeit, das naturwissenschaftliche Grundverständnis, das Lesen von Diagrammen und das räumliche Vorstellungsvermögen getestet werden.

Dieses Jahr haben in der Schweiz 3173 Kandidaten den Test für ein Medizinstudium absolviert. Der Test dient als Zulassung zum Studium der Humanmedizin, Zahnmedizin und der Veterinärmedizin. Bei der Humanmedizin ist der Andrang aber mit Abstand am grössten. 2525 der 3173 Kandidaten möchten Humanmedizin studieren. Die Universitäten Bern, Zürich, Basel und Freiburg bieten zusammen aber nur 793 Plätze an. Zwei Drittel der Kandidaten für das Medizinstudium werden demnach nicht zum Studium zugelassen.

Immerhin: Die Anwärter können den Test beliebig oft wiederholen. Sie verlieren einfach jedes Mal ein Jahr. In Deutschland, wo die gleichen Tests durchgeführt werden, zählt zusätzlich die Maturanote. (ma)

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