Da braut sich was zusammen

Der Seco-Bericht macht deutlich, dass die Auswirkungen der Personenfreizügigkeit je nach Region unterschiedlich sind.

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Wieder ein Bericht zur Personenfreizügigkeit, und wieder fällt er positiv aus: Trotz der hohen Zuwanderung steigt die Erwerbstätigkeit der hiesigen Bevölkerung an. Will heissen, die Ausländer konkurrenzieren die Schweizer nicht stark, sondern bringen fehlende Fähigkeiten mit. Die Löhne sind seit der Einführung der Personenfreizügigkeit mit der EU stärker ge­wachsen als in den Neunzigerjahren, als wirtschaftliche Stagnation und hohe Arbeitslosigkeit die politische Agenda dominierten. Und das Umlageergebnis der AHV wäre ohne Zuwanderung bereits seit 2009 negativ – der Reformdruck umso stärker.

Alles in Ordnung also? Mitnichten. Der Bericht des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) macht auch deutlich, dass die Auswirkungen der Personenfreizügigkeit je nach Region unterschiedlich sind. Sorgen machen dabei – wenig überraschend – die Grenzregionen. So ist jeder vierte Beschäftigte im Tessin mittlerweile ein Grenzgänger. Diese haben das Beschäftigungswachstum grösstenteils absorbiert – und sie verdienen rund 12 Prozent weniger als Schweizer und niedergelassene Ausländer. Diese Lohndifferenz hat sich seit 2000 mehr als verdoppelt. Kommt hinzu, dass sowohl im Tessin wie auch in der Region um den Genfersee die Löhne weniger stark gewachsen sind als im Rest der Schweiz. Gleichzeitig hat die Erwerbs­losenquote in den Regionen mit den höchsten Grenzgängeranteilen überdurchschnittlich zugenommen.

Das sind keine guten Nachrichten. Zumal sich der Bericht auf Daten vor der Aufhebung des Mindestkurses bezieht. Der starke Franken macht die Grenzregionen besonders verwundbar. Wegen des steigenden Lohngefälles sind sie noch attraktiver geworden für die täglichen Pendler aus dem nahen Ausland – der Druck auf die Saläre wird nicht abnehmen. Gleichzeitig leidet der Detailhandel in diesen Regionen unter den Heerscharen von Schweizern, die es zum Einkaufen über die Grenze zieht. Es ist ein heftiges Gewitter, das sich hier zusammenbraut. Die Politik muss deshalb genau hinschauen. Denn das Bauchgefühl zur ­Zuwanderung stimmt schon länger nicht mehr mit den offiziellen Statistiken der Behörden überein.

Erstellt: 23.06.2015, 23:02 Uhr

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