Interview

«Da gibt es Einzelne, die ‹Seich› gemacht haben»

Nationalrat Geri Müller spricht über sein umstrittenes Treffen mit dem Hamas-Sprecher und erklärt, weshalb er in der Palästinenser-Organisation, die andere als Terror-Gruppe bezeichnen, eine «soziale Bewegung» sieht.

Sie trafen sich Mitte Januar zum Lunch im Bundeshaus: Mushir al-Masri, Sprecher der islamischen Organisation Hamas und palästinensischer Parlamentarier (links) und Geri Müller, Natonalrat (Grüne, AG).

Sie trafen sich Mitte Januar zum Lunch im Bundeshaus: Mushir al-Masri, Sprecher der islamischen Organisation Hamas und palästinensischer Parlamentarier (links) und Geri Müller, Natonalrat (Grüne, AG). Bild: Reuters / Keystone

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Herr Müller, wie kam es zu Ihrem Treffen mit Hamas-Sprecher Mushir al-Masri im Bundeshaus?
Er war in der Schweiz, weil er bei der UNO in Genf eingeladen worden war. Weil wir uns seit 2010, von meinen Besuchen in Gaza, kennen, hat er mich angerufen und gefragt, ob ich Zeit hätte. Meine Zeit war knapp, ich hatte Kommissionssitzungen. Deshalb habe ich ihn im Bundeshaus getroffen und habe ihn im «Vue des Alpes» zum Essen eingeladen. Die Zeit reichte nicht für eine Reservation in einem Restaurant. Das Treffen hat trotzdem keinen offiziellen Charakter.

Trotzdem wird es in arabischen Medien als Annäherung des Westens gegenüber der Hamas interpretiert. Haben auch inoffizielle Treffen eine grössere Wirkung, als man glaubt?
Es kann jeder schreiben, was er will. Es gibt schon Zeichen für eine Annäherung. Angesichts der angespannten Situation zwischen Israel und dem Iran schaut man zurzeit etwas genauer hin, auch die USA verlangen Zurückhaltung, man befürchtet erstmals einen Alleingang Israels. Auch merkt man in gewissen Ländern langsam, dass nicht jeder Muslim ein Terrorist ist. Das ist auch den Wahlen in Tunesien zu verdanken. Die sogenannten Islamisten haben dort nur ein Ziel: eine Staatsführung, die die ganze Bevölkerung involviert. Es wäre aber übertrieben, aufgrund eines Treffens zwischen mir und dem Hamas-Sprecher zu behaupten, das Tauwetter sei deswegen ausgebrochen...

Al-Masri soll Medien gegenüber davon gesprochen haben, dass die Schweiz die Hamas von ihrer Terrorliste streiche. Bloss: Die Schweiz führt gar keine Terrorliste.
Ob al-Masri das so gesagt hat, weiss ich nicht. Er und alle anderen wissen, dass wir keine Terroristenliste führen. Eine solche war auch nicht Gegenstand unserer Gespräche. Medien stellen eine Sache manchmal speziell dar. So titelte Tagesanzeiger.ch/Newsnet, ich hätte die Hamas ins Bundeshaus geholt. Ich habe ihn nicht geholt, es war eine Frage des Zeitmanagements, dass das kurze Treffen dort stattfand. Ich hätte auch einen finnischen Parlamentarier so empfangen.

Die Hamas gilt aber in den meisten Ländern als Organisation mit Verbindungen zum Terrorismus. Sehen Sie das anders?
Die Hamas versteht sich als soziale Bewegung, sie ist eine Abspaltung der Muslimbrüder, und in Palästina zuständig für die Hilfe an den Ärmsten. Im Gazastreifen spielt sie deshalb eine grosse Rolle. Dann gibt es aber den militärischen Flügel innerhalb der Hamas, die Qassam-Brigaden, die sich hauptsächlich um den Terrorismus kümmern.

Sprechen Sie dies gegenüber Ihrem Freund al-Masri an?
Ich würde ihn nicht als meinen Freund bezeichnen. Er ist eine Kontaktperson, ich höre ihn an, er kennt die Situation vor Ort. Ich verurteile bei jeder Diskussion die Gewalt. Es ging aber diesmal darum, die heutige Situation zu erörtern.

Was antwortet al-Masri, wenn Sie ihn auf die Gewalt ansprechen?
Es ist natürlich schwierig, das unter Kontrolle zu haben. Da sind 1,5 Millionen Leute, eingekesselt, mehr als die Hälfte unter 25 Jahre alt. Sie haben keine Visionen, obwohl viele von ihnen studiert haben. Da gibt es einzelne, sehr wenige in Bezug auf die Gesamtbevölkerung, die «Seich» machen. Da hätte wohl jeder Verständnis dafür, dass es schwierig ist, die Kontrolle darüber zu haben. Reden Sie mal mit den Fussballklubs, und wie sie ihre Fans kontrollieren wollen.

Sie wussten sicher, wie Ihr Treffen mit al-Masri provozieren würde, oder?
Ich habe eine treue Gefolgschaft, die jeden meiner Schritte mit Argusaugen mitverfolgt. Das Etikett «Terroristenfreund» versuchen mir diese Kreise schon lange zu unterstellen. Dabei ist bekannt, auch der israelischen Botschaft, dass ich mich auch mit Knesset-Abgeordneten treffe. Diese haben sich auch schon bemerkenswert radikal geäussert. Wegen dieses Treffens hat mir aber niemand eine Provokation unterstellt.

Das Treffen im Bundeshaus hat Mitte Januar stattgefunden. Warum ist es erst jetzt bekannt geworden?
Da gibt es wahrscheinlich einen Zusammenhang mit der Entwicklung im Gazastreifen, dieser ist zurzeit offen Richtung Ägypten. Dann ist da noch die Zusammenarbeit zwischen Fatah und Hamas, die sich geeinigt haben, und die Diskussionen über die Auswirkungen des arabischen Frühlings. Es gibt viel Bewegung in den besetzten Gebieten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.02.2012, 12:35 Uhr

Posieren für die Kamera: Hamas-Sprecher Mushir Al-Masri überreicht Geri Müller ein Präsent. (Bild: zvg)

Heikles Treffen im Bundeshaus

Der Sprecher der radikalislamischen Organisation Hamas, Mushir al-Masri, reiste am 20. Januar in die Schweiz. Das Menschenrechtskomitee der interparlamentarischen Union (IPU) hatte ihn sowie einen weiteren Vertreter des palästinensischen Parlaments nach Genf eingeladen. Dort nahm al-Masri an einem Hearing der IPU teil. Später traf er in Bern den Aargauer Grüne-Nationalrat Geri Müller. Die Gesellschaft Schweiz-Israel verurteilte den Besuch al-Masris in der Schweiz. Das Treffen zwischen Müller und al-Masri wurde von mehreren Aussenpolitikern in der Schweiz, sowie von israelnahen Kreisen, als Provokation interpretiert.

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