«Dann wissen wir, dass die CVP niemanden mehr interessiert»

Die CVP verliert seit 30 Jahren – allmählich wird es existenziell. Deshalb geht es bei den Wahlen im Kanton Genf bereits morgen um alles oder nichts.

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Drei Zahlen zur aktuellen Gefühlslage der CVP: 20 – 0,45 – 29.

20 Wahllisten fehlten der CVP in der Stadt Zürich Anfang März zum Verbleib im städtischen Parlament. Alle 6 Mandate sind dahin.

0,45 Prozent betrug der Wähleranteil der CVP im Kanton Bern Ende März. So schwach war sie noch nie.

29 Stimmen fehlten CVP-Kandidat Michael Siegrist am Sonntag zum Sitz im Obwaldner Regierungsrat. 29 Stimmen auf fast 5500. Der Sitz geht an die SVP.

«Hmm, ja», sagt Michael Siegrist, der gescheiterte Kandidat, bevor sein Blick aus dem Fenster schweift, über die Gleise im Bahnhof Stans. «29 Stimmen, das ist natürlich schon sehr wenig. Hätte ich gewusst, dass es so knapp wird, wäre ich sicher noch öfter in die Gemeinden gegangen und am letzten Samstag auch nochmals auf den Dorfplatz.»

Hätte. Wäre. Wenn. Kein Glück. Viel Pech. Alles Reden bringt nichts: Künftig stellt die CVP nur noch einen von fünf Vertretern in der Obwaldner Kantons­regierung. Das gab es noch nie im einstigen Sonderbundskanton.

Und das ist nur ein Anzeichen dafür, dass die derzeitige Niederlagenserie der CVP nicht einfach die gewöhnliche ­Fortsetzung des Abwärtstrends darstellt, ja, dass Ausserordentliches im Gange ist. Die Zeiten der zwar schmerzhaften, aber letztlich verkraftbaren Wähler­verluste scheinen vorbei. Es sind nicht mehr nur die Hinterbänkler, die ihre Parlamentssitze räumen müssen. Ganze Fraktionen werden aufgelöst, wie in der Stadt Zürich. Zudem scheint die Partei immer weniger fähig, jene mehrheits­fähigen Politiker aufzubauen, die in Kantonsregierungen und im Ständerat das Land weiterhin lenken und trotz Wählerverlusten den Einfluss der CVP sichern. Es knirscht im Macht­system der Partei.

Das stärkste Indiz dafür ist Michael Siegrist selbst. Mehr CVP geht fast nicht: Familienvater, Anwalt und hoher Beamter. Einer mit moderaten Positionen und viel politischem Talent. Schon 2004 hatten die Alpnacher den damals 29-Jährigen in den Gemeinderat gewählt. Mit 33 stieg Siegrist zum Gemeindepräsidenten auf. Es hätte eine Geschichte werden können wie jene von Adalbert Durrer. Auch dessen Laufbahn startete vor 40 Jahren in der Alpnacher Exekutive – Durrer war damals 28 – und führte Schritt für Schritt nach oben. Über die Obwaldner Regierung bis an die Spitze der nationalen CVP und in die innersten Kammern des Berner Machtapparats.

«Das war halt der Durrer Bärti», sagt Siegrist vier Tage nach der verpassten Wahl. Aber es war auch eine andere Schweiz und eine andere Partei.

Dreissig Jahre abwärts

Die langsame Zersetzung der grossen Volkspartei war damals, zu Durrers Zeiten, erst eine Ahnung. Heute ist sie zu einer der fixen Erzählungen in der Schweizer Politik geworden. So wie das baldige Ende der BDP. Oder die Unmöglichkeit einer erfolgreichen AHV-Reform. CVP, das ist dreissig Jahre Niedergang, dreissig Jahre nicht mehr gewonnen. «Und dann meint man, ein Präsident könne das in zwei Jahren ändern.» Gerhard Pfister atmet hörbar aus, nicht genervt, aber doch etwas angeödet. Immer das gleiche Gespräch. Immer die gleichen Fragen. Wann gewinnen Sie, Herr Pfister? Warum verlieren Sie jede Wahl, Herr Pfister? Ist Ihr Kurs schuld? Sind Sie zu konservativ? Wo ist eigentlich das Problem?

Elegant fädelt Pfister mit seinem schnittigen Alfa Romeo in den Verkehr Richtung Zürich ein. Termine, Termine. Am Morgen in Zug, später in Zürich und Bern. Seit zwei Jahren ist Pfister als Präsident der CVP unterwegs und – anders als bei einem Durrer Bärti oder einem Philipp Stähelin (remember?) – wird die Person Pfister mit seiner Partei gleich­gesetzt. Das hat mit Pfisters Auftritt zu tun, seinen Ankündigungen und Ideen. 15/15 nannte er seinen Plan vor der Präsidentenwahl. 15 Prozent Wähleranteil im Jahr 2023 und 15 Ständeräte.

Die Partei scheint weit davon entfernt, Pfister hält daran fest. Bei 13 der letzten 15 kantonalen Wahlen hat die CVP verloren. Wenn man einmal Dreck am Schuh hat. «Nichts macht erfolgreicher als der Erfolg», sagt Pfister und überholt einen Lastwagen. «Und nichts ist demotivierender als der Nichterfolg.» Das habe viel mit Psychologie zu tun. Murphy’s Law.

«Der Erfolg wird kommen», sagt Gerhard Pfister. «Sie werden schon sehen.» Foto: Reto Oeschger

Er will das ändern. Und darum führt er dieses Gespräch noch einmal. Über das Verlieren. Was es für ihn bedeutet, für die Basis. In der Fraktion, da werde man nun langsam nervös, sagt Pfister. Je näher die eidgenössischen Wahlen scheinen, desto nervöser. «Das muss man aushalten. Jetzt muss man sich durchbeissen.»

Kritik an Pfisters Linie – an der Wertedebatte, am Streitthema Islam, am konservativeren Grundakkord – prallt am Präsidenten ab. Die Basis stehe hinter seinem Kurs, sagt Pfister, das wisse er, das spüre er, das habe er auch genau so von seinen Leuten abgeholt.

Der Weg zum Erfolg: Arbeit. Viel Arbeit. «Wir müssen mehr für den Erfolg tun als die anderen drei grossen Parteien», sagt Pfister, jetzt kurz vor der Ausfahrt Zürich-City. Sie seien keine ideologische Partei, sie seien in einem Milieu verhaftet. «Und darum braucht es grössere Anstrengungen, Themen zu setzen. Uns fehlt der natürliche Feind!»

Ob das stimmt? Ob nicht die CVP selbst ihr grösster Feind ist? Verloren irgendwo zwischen Wertedebatte, Katholizismus, Stadt, Land und der verwirrenden Gegenwart? Ach was. Pfister fährt fast schon fröhlich in den Keller des ­Hyatt, dem wohl luxuriösesten Parking in der Stadt. «Der Erfolg wird kommen, Sie werden schon sehen.»Für einen in der CVP ist er sogar schon längst da. Für Bertrand Buchs. Seit bald drei Jahren steht er der Genfer Parteisektion vor, der einzigen landesweit, die wirklich noch Wahlsiege erzielt. Ob es so bleibt? Morgen Sonntag sind Kantonswahlen in Genf. Und es sieht nicht gut aus. Eine Umfrage des Westschweizer Fernsehens RTS ergab kürzlich, dass die CVP auch hier einen Regierungssitz zu verlieren droht. Jenen, den sie 2013 gewonnen hatte.

Nie mehr mit der SVP

Buchs sitzt trotzdem gut gelaunt in seiner Praxis und erzählt mit der sanften Stimme des Arztes, der sich an aufmerksame Zuhörer gewöhnt hat, vom Wunder von Genf. Der Kantonalpräsident weiss noch genau, wann sich die Dinge für seine CVP zum Guten wendeten. «Es war vor fünf Jahren, als wir entschieden haben, nie mehr mit der SVP zusammenzuarbeiten. Seither wächst die Partei, seither haben wir eine tolle Dynamik.»

Die harte Abgrenzung nach rechts ist aber nur die eine Hälfte der Erfolgs­geschichte. Die andere ist die Öffnung nach links: Buchs hat die Partei klar ­sozialliberal positioniert. Er selbst kämpft für den Vaterschaftsurlaub, für griffige Massnahmen zur Schaffung von Lohngleichheit und gegen den auch CVP-nahen Krankenkassenfilz im Bundesparlament.

Und sehr oft kämpft Buchs direkt gegen seinen Parteipräsidenten. Gegen Gerhard Pfister. Zuletzt etwa bei der Wertedebatte und dem sogenannten Islam­papier. Die Genfer Katholiken hätten bittere Erfahrungen gemacht mit religiöser Ausgrenzung, sagt Buchs. Seinen ­Eltern hätten die Behörden sogar die Kirche weggenommen, weil die katholische Gemeinde den kantonalen Autoritäten zu Rom-treu gewesen sei. Er selbst wurde als Kind vom Lehrer zum Nachsitzen am schulfreien Nachmittag verknurrt, weil er eine Papstaudienz besucht hatte. «Wenn wir das Kopftuch an den Schulen verbieten, so wie Pfister das will, tun wir den Muslimen an, was uns selbst widerfahren ist», sagt Buchs. «Das wollen wir nicht. Wir werden alles tun, um das zu verhindern.»

Alles oder nichts

Ein Wahlsieg am Sonntag käme da gerade recht. Für Buchs geht es um viel mehr als Wählerprozente und Parlamentssitze. Er will in Genf siegen, um die CVP Schweiz zu verändern. «Gewinnen wir, werden wir unseren Kurs auch national viel energischer einbringen.» Und bei einer Niederlage? «Dann wissen wir, dass die CVP niemanden mehr interessiert und dass die Partei wohl verschwinden wird», sagt Buchs.

Alles oder nichts. Pfister hat den Genfern einmal gesagt, sie dürften machen, was sie wollen. Solange sie Erfolg haben. Und falls nicht? Falls die Dynamik von Bertrand Buchs morgen endet? Dann werden sie wieder kommen, alle diese Fragen. Über das Verlieren. Über die Strategie. Über den Rückhalt. Über die ausbleibende Wende. Und Pfister wird sie alle beantworten. Einmal mehr. Höchstens leicht angeödet, nicht wirklich genervt. Wie ein wahrer Kämpfer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2018, 23:38 Uhr

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