Darf man noch in die Skiferien?

Pro und Contra des Schneetourismus: Schaden am Klima einerseits, Genuss von Pisten und Pulver andererseits.

Hoch überm Nebelmeer im Geschwindigkeitsrausch: Ein Skifahrer stürzt sich vom Corvatsch ins Engadin. Foto: Gian Andri Giovanoli (St. Moritz)

Hoch überm Nebelmeer im Geschwindigkeitsrausch: Ein Skifahrer stürzt sich vom Corvatsch ins Engadin. Foto: Gian Andri Giovanoli (St. Moritz)

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«Ja»

Der Trend, dieser wankelmütige Vagant, zeigt ja neuerdings wieder nach oben. Es reisen mehr Menschen in die Berge als auch schon, in die Ferien, zum Skifahren. Recht haben sie. Geniessen sollen sie.

Denn keine andere Freizeitbeschäftigung bietet so viel für Körper, Geist und Seele. Bewegung an der frischen Luft und an der Sonne. Das Erlebnis Geschwindigkeit mit nur zwei Latten oder einem Brett an den Füssen. Und, auch wenns manchmal Geduld braucht, die Kameraderie in der Schlange vor der Bergbahn, am Skiliftbügel und in der Après-Ski-Bar.

Der moderne Wintertourismus mit seinen Beförderungsanlagen und glatt geföhnten Pisten hat das Abenteuer Wintersport radikal demokratisiert. Statt wie einst nur englische Ladies und Lords können sich längst alle, Klein oder Gross, Muskelprotz oder Diätpillenmodel, von den Bergen stürzen. Sie gehen dabei nicht einmal besonders hohe Risiken ein: Die Technik – vom Sechser-Sessellift über die Schneekanone bis zum beheizbaren Schalenskischuh – macht das Naturerlebnis heute viel bequemer und sicherer, als es vor zwanzig, dreissig Jahren war. Und wenn man sich am Gedränge stört? Nun: Es braucht ja nicht immer St. Moritz oder Wengen zu sein, Bivio oder Waltensburg bieten Erlebnis genug. Und hartgesottene Massentourismusverächter finden immer noch reichlich Täler und Gipfel ohne Pistenbullys (in jedem Sinn des Worts). Die Alpen haben Platz für alle Freizeitsportler, ihr Problem ist wenn schon eher die Entvölkerung.

Aber klimafreundlich sind Skiferien nicht, oder? Nun ja, es gibt Schlimmeres. Zum Beispiel: die immer beliebter werdende Alternative, den Winter auf den Malediven zum Sommer zu machen. Am meisten CO2 verursacht der Skitourist ohnehin nicht durch den Einsatz von Schneekanonen, sondern bei der An- und Rückfahrt. Wenn er dafür wieder länger bliebe, so, wie es früher üblich war statt nur übers Wochenende, wäre fürs Klima schon viel gewonnen. Also: Mehr Skiferien statt Verzichten bringt allen mehr, dem Körper, dem Geist, der Seele und dem Klima. Geniessen Sie.

«Nein»

Es ist fast eine Mutprobe: Quetschen Sie sich in die volle Gondel eines Skigebiets, tun Sie das ohne Helm, ohne Rückenpanzer, ohne Hightechjacke, ohne montierte Kamera. Sie werden sich verletzlich fühlen, untergerüstet. Wie ein Deux-Chevaux zwischen lauter Porsche Cayennes.

Vor langer Zeit erkannte man Skifahrerinnen als das, was sie waren. Menschen. In Jeans und dünnen Jacken kurvten sie ruppige Pisten hinunter. Manchmal schlotterten sie, spürten die angefrorenen Zehen kaum noch. Egal. Es ging nicht darum, dank perfektem Outdoorequipment bei minus 40 Grad einem Schneesturm standhalten zu können (theoretisch). Es zählte das entspannte Geniessen der Freizeit. Skifahren war Flanieren auf Schnee. Heute hingegen sehen Skifahrer aus wie Roboter, gesichtslose, gepanzerte Wesen, die durch eine feindliche Umgebung fräsen. Sicherheitsstress und gegenseitige Hochrüstung («wenn sie einen Helm hat, brauch ich auch einen») haben die Pisten ihrer Gemütlichkeit beraubt.

Dazu kommt, dass Skigebiete sehr erfolgreich dabei geworden sind, die Unannehmlichkeiten der Natur auszumerzen. Der Schnee rieselt aus der Kanone, die Pisten erstrecken sich flach gewalzt über halbe Bergrücken, neue Sessellifte haben eine Sitzheizung und fahren schneller als ein Deux-Chevaux. Diese Zähmung der Berge macht das Pistenfahren bequemer. Aber nicht spannender. Im Gegenteil: Es verkümmert zum effizienten Abspulen von Höhenmetern.

Die Pistenromantik – falls es sie je gegeben hat – ist futsch, die Distanz zur Natur so gross, dass man gleich zu Hause bleiben kann. Und darauf warten, dass im Industriegebiet eine Skihalle eröffnet wird. Dort wäre die Künstlichkeit wenigstens perfekt.

P.S. Und nein. Skitouren sind keine Alternative. Man stelle sich vor, dass all die Hochgerüsteten, die sich heute in die Gondeln quetschen, einsame Gipfel erstürmten. Bald gäbe es keine einsamen Gipfel mehr. Wahre Bergfreunde begnügen sich damit, die Spitzen aus der Ferne zu bewundern. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.02.2019, 11:22 Uhr

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