Darum sind Freikirchen erfolgreich

Freikirchen haben gemäss einer Studie 250'000 Mitglieder. Religionsexperten bezweifeln das. Und sagen, warum diese Gruppen im Unterschied zu den Landeskirchen ihre Anhänger halten können.

Grosse Feier im Hallenstadion: Die Freikirche ICF zelebrierte vor drei Jahren ihr 15-Jahr-Jubiläum. (Juni 2011)

Grosse Feier im Hallenstadion: Die Freikirche ICF zelebrierte vor drei Jahren ihr 15-Jahr-Jubiläum. (Juni 2011) Bild: Keystone

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Die Mitgliederzahl der Freikirchen in der Schweiz hat sich stark erhöht: Gemäss einer Studie ist sie von 37'000 im Jahr 1970 auf 250'000 Personen angestiegen. Das hat die «Schweiz am Sonntag» gestern berichtet. Dieser Erfolg ist in einer Zeit, da die traditionellen Landeskirchen zunehmend Austritte verzeichnen, umso bemerkenswerter. Religionsexperte Georg Otto Schmid relativiert jedoch: Die Zahlen seien wohl zu hoch geschätzt. «Bei einer grosszügigen Berechnung kommen wir auf höchstens 150'000 Freikirchen-Mitglieder», sagt der Leiter der evangelischen Informationsstelle Kirchen, Sekten, Religionen. Die Erhebung einer exakten Zahl sei schwierig, räumt er ein. Stütze man sich auf die Gottesdienstbesucher, sei dies nicht repräsentativ, weil auch zahlreiche Gäste den Gottesdiensten beiwohnten. Zudem sei es für die Anhänger der Freikirchen typisch, mehrmals am Wochenende zur Kirche zu gehen. Auch das verzerre die Statistik.

Dennoch: Dass die Mitgliederzahl der Freikirchen besonders bis zum Jahr 2000 kräftig zulegte und seither auf hohem Niveau konstant bleibt, hat auch Schmid beobachtet. Was also macht den anhaltenden Erfolg der Freikirchen aus? Die Gründe dafür seien vielfältig: So hätten in den 1980er- und -90er-Jahren viele Anhänger des evangelikalen Flügels der reformierten Landeskirche sowie in geringerem Umfang auch konservative Katholiken zu Freikirchen gewechselt. «Für viele ist der Übertritt eine Wertefrage. Sie missbilligen den Liberalisierungsprozess in den Landeskirchen.» Das zeigt auch die Studie auf. Keine homosexuellen Beziehungen, keine Abtreibung, kein Sex vor der Ehe: Die Freikirchenmitglieder denken gemäss der Befragung stramm konservativ.

Sozialisierung im Kindesalter

Max Schläpfer ist Präsident des Verbands evangelischer Freikirchen und Gemeinden (VFG) sowie der Schweizerischen Pfingstmission. Er ärgert sich darüber, dass das Weltbild der Freikirchler auf diese Schlagworte reduziert werde. «Wir leben grundsätzlich alle Werte, welche die Bibel vermittelt – weil wir überzeugt sind, dass sie für unser Leben und unsere Gemeinschaft richtig sind. Wir erwarten aber nicht, dass dies die ganze Gesellschaft tut», sagt er.

Schmid gibt allerdings zu bedenken, dass kaum alle Freikirchler diesem konservativen Weltbild entsprechend handelten. «Nicht alle leben tatsächlich bis zur Ehe enthaltsam. Freikirchler suchen ihre Partner meist unter Freikirchlern, doch viele warten dann mit dem Sex nicht bis zur Hochzeit», so Schmid. Dass die Gläubigen damit häufig unter sich bleiben, hat gemäss Schläpfer pragmatische Gründe. Der regelmässige Gottesdienst und die Aktivitäten im Dienste der Gemeinschaft erforderten eine spezifische Freizeitgestaltung – und die religiöse Wertebasis eine gleiche Einstellung der Ehepartner.

Auf diese Weise konnten die Freikirchen in den letzten Jahrzehnten auch auf natürliche Weise wachsen. «Viele Anhänger wurden bereits in die Glaubensgemeinschaften hineingeboren», sagt Dorothea Lüddeckens, Professorin für Religionswissenschaft an der Universität Zürich. Und weil die Sozialisierung in der Kindheit und Jugend ein wesentlicher Faktor für die spätere Festigung und Ausübung des Glaubens sei, bleibe die Bindung des Nachwuchses zur Religionsgemeinschaft häufig stark, so Lüddeckens. «Erfolgreiche Freikirchen investieren daher in die Jugendarbeit.»

Doch gerade damit tun sich viele Freikirchen zunehmend schwer, wie Schmid weiss. «Als konservative Subkulturen werden sie zwar zeitlich verzögert von gesellschaftlichen Trends erfasst, doch wie bei den traditionellen Landeskirchen ist in Zukunft von einem Mitgliederschwund auszugehen.»

Der Erfolg des ICF

Besonders erfolgreich ist in dieser Hinsicht die hierzulande 1996 gegründete ICF (International Christian Fellowship). Da die gesamthafte Mitgliederzahl der Freikirchen seit 14 Jahren stagniert, hat ICF auch auf Kosten anderer Religionsgemeinschaften wie etwa der Heilsarmee eine junge Anhängerschaft angezogen. Mit modernen Gottesdiensten («Celebrations») und einem breiten Freizeitangebot ist es ICF gelungen, «Gläubige der postmodernen Generation zu gewinnen und damit eine enge Nische zu besetzen», so Schläpfer.

Auch Lüddeckens sagt, die ICF träfe die Sprache des Zeitgeistes gut. «Es kommt auf dich an. Du bist wichtig» – diese Botschaft finde in einer individualisierten Gesellschaft zahlreiche Empfänger. In Kombination mit dem Einsatz modernster Technik bei den Gottesdiensten, der einer konservativen Weltsicht keineswegs widerspreche, verspräche diese Strategie Erfolg bei der Mitgliederrekrutierung.

Die Art der Rekrutierung ist einer der Gründe, warum die Freikirchen ihre Mitgliederzahl insgesamt halten können: «Während die Landeskirchen nicht offensiv missionieren, entspricht es dem Selbstverständnis der Freikirchen, andere Menschen aktiv und persönlich einzuladen», so Lüddeckens. Auch Schläpfer sagt: «Wir befinden uns in einer religiösen Wettbewerbssituation. Eine Freikirche kann nur existieren, wenn sie sich vermarktet und ihre Botschaft nach aussen vermittelt.»

Die Freikirche als Marketingvehikel

Neben dem missionarischen Eifer haftet den Freikirchen der Ruf an, sektenähnliche Gemeinschaften zu sein. Auch in der Studie werden ehemalige Mitglieder zitiert, die von Druck und Manipulation sprechen. Das sei meistens ungerechtfertigt, sagt Schmid. Werde eine Sekte als Organisation mit rigider Kontrolle und nicht kritisierbarer Führung definiert, die Heilsexklusivität verspreche, dann treffe dies auf die Freikirchen in der Schweiz nicht zu. Wenn einstige Mitglieder über internen Druck berichteten, so geschehe dies aufgrund des einheitlichen Weltbilds und des grossen Engagements – wer davon abweiche, könne das als Gruppendruck erleben. Als fundamentalistisch könne dagegen gemäss Schmid das Bibelverständnis der konservativeren Freikirchen bezeichnet werden, weil die Bibel dort als unfehlbar gelte.

Auch Schläpfer betont, Druck und Zwang widersprächen der Philosophie einer Freikirche. Ein Mensch könne demnach nur aufgrund einer freien Glaubensentscheidung eine Beziehung zu Gott aufbauen. So komme es etwa immer wieder vor, dass sich Kinder von Freikirchlern gegen den Glauben ihrer Eltern entscheiden würden. Ein- und Austritte seien in religiösen Gemeinden ebenso wie in anderen Vereinen unbürokratisch geregelt.

Trotz des langjährigen Erfolgs der Freikirchen und der häufigen Gottesdienstbesuche der Anhänger macht es gemäss den Experten für die von Mitgliederschwund betroffenen Landeskirchen keinen Sinn, die Rezepte der Konkurrenz zu kopieren. «Sie können und wollen das nicht, da sie den Anspruch haben, für alle da zu sein und niemanden auszuschliessen», so Lüddeckens. Aus Sicht der Landeskirchen sei die Liberalisierung eine derart grosse Errungenschaft, dass eine Rückkehr zu einer konservativeren Haltung für sie nicht wünschenswert sei. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.11.2014, 18:25 Uhr

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