«Das Berufsbildungssystem wird extrem diskriminiert»

Rudolf Strahm sagt, Bildungsminister Schneider-Ammann setze die höhere Berufsbildung aufs Spiel. Die Abschlüsse müssten dringend aufgewertet werden.

«Sobald Schneider-Ammann zurückgetreten ist, werden die Bachelor und Master der höheren Berufsausbildung gesetzlich verankert werden», sagt Ex-Nationalrat Rudolf Strahm. (Bild: Archivbild Keystone)

«Sobald Schneider-Ammann zurückgetreten ist, werden die Bachelor und Master der höheren Berufsausbildung gesetzlich verankert werden», sagt Ex-Nationalrat Rudolf Strahm. (Bild: Archivbild Keystone)

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Der Bundesrat lehnt die Einführung der Titel Professional Bachelor und Professional Master ab. Warum braucht es diese Titel überhaupt?
Die Berufsbildungsszene ist schwer enttäuscht von Bundesrat Schneider-Ammann. Dieser bekennt sich verbal immer zur Berufsbildung. Seine Entscheide laufen aber jeweils in die entgegengesetzte Richtung. Er ist abhängig von der Fachhochschul-Lobby, die aus Angst vor Konkurrenz gegen eine Aufwertung der Titel ist.

Die Schweiz wäre das einzige Land, das für die höhere Berufsbildung Bachelor- und Master-Titel vergibt.
Das ist nur halb richtig. Es gibt die gleichen Diskussionen in Deutschland und Österreich. In Deutschland wurden die Titel bisher ebenfalls von der Hochschulszene abgeblockt. Wir haben von Bundesrat Schneider-Ammann verlangt, dass er sich in der deutschsprachigen Bildungsministerkonferenz für ein koordiniertes Vorgehen einsetzt. Die Aufwertung der höheren Berufsbildung ist für diese eine Schicksalsfrage.

Attraktivität und Wert dieser Ausbildungen stehen und fallen mit dem Titel?
Es läuft heute eben viel über die gesellschaftliche Anerkennung. Die höhere Berufsbildung wird verkannt, vor allem in der akademischen Welt und im Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation. Pro Jahr werden in der Schweiz 27'000 solcher Abschlüsse gemacht. Die Absolventen sind die tragenden Fachleute der KMU-Wirtschaft. Zurzeit gibt es in der höheren Berufsbildung rund 100 verschiedene Abschlüsse. Diese wollen wir nicht ersetzen, aber einen übergreifenden Titel für den Arbeitsmarkt vergeben, der analog zu Universitäten und Fachhochschulen ist.

Aber Firmen in der Schweiz kennen doch den Wert der Berufsbildung.
45 Prozent des Topmanagements sind Ausländer, auch viele HR-Verantwortliche grosser Firmen. Diese Leute haben aus ihren Herkunftsländern im Hinterkopf, dass es einen universitären Titel braucht. Dabei können Treuhandexperten, Controller oder Sensortechniker mit jahrelanger Berufserfahrung oft mehr als ein deutscher Hochschulabsolvent. Nur kommen sie nicht zum Zug, weil sie über keinen äquivalenten Titel verfügen. Stattdessen rekrutieren die Firmen über die Personenfreizügigkeit ausländische Hochschulabsolventen. Das ist eine extreme Diskriminierung des Schweizer Berufsbildungssystems.

Der Bundesrat führt nun einen nationalen Qualifikationsrahmen ein. Lehnen Sie diesen ab?
Das System ist kompliziert, nicht etabliert – ein Schreibtischmodell europäischer Bildungsbürokraten. Die höheren Berufsbildungsabschlüsse erreichen in diesem System Stufe 6 und 7, ähnlich wie Bachelor- und Masterabschlüsse der Universitäten. Wer sich aber mit einer Bewertung dieses Bildungsrahmens bewirbt, dessen Dossier landet zuunterst auf der Beige, weil die HR-Verantwortlichen die Qualifikation nicht verstehen.

Vertreter der höheren Berufsbildung und der Gewerbeverband wollen die Bachelor und Master nun von sich aus einführen. Was bringt das ohne staatliche Anerkennung?
Sobald Schneider-Ammann zurückgetreten ist, werden die Bachelor und Master der höheren Berufsausbildung gesetzlich verankert werden. Wenn die Verbände diese Titel akkreditieren und diese am Arbeitsmarkt eingeführt werden, setzen sich die Titel durch. Auch das Berufsbildungssystem ist von unten nach oben entstanden und erst später vom Staat anerkannt worden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2014, 07:13 Uhr

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