Interview

«Das Bundesgericht respektiert das Interesse des Kindes nicht»

Eine Mutter, die ihren Sohn entführt hatte, muss diesen dem Vater in Italien zurückgeben – ohne dass das Kind angehört worden wäre. Experte Rolf Widmer kritisiert, die Schweiz wende ihr fortschrittliches Gesetz nicht an.

Interesse des Kindes nicht respektiert: Trennen sich Eltern, sollten Kinder mit beiden in Kontakt bleiben.

Interesse des Kindes nicht respektiert: Trennen sich Eltern, sollten Kinder mit beiden in Kontakt bleiben. Bild: Keystone

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Ein Urteil des Bundesgerichts erhitzt die Gemüter: Eine Mutter, die 2012 ihr Kind entführt hatte und mit ihm in die Schweiz gereist ist, muss ihren achtjährigen Sohn dem Vater in Italien zurückgeben – obwohl dieser offenbar beruflich oft abwesend ist und in einem Wohnwagen lebt. «Sehr bedenklich» findet dies der Frauenverband Alliance F laut der «Ostschweiz am Sonntag». Auch andere Verbände und Politikerinnen kritisieren den Entscheid. Es seien keine genauen Abklärungen getroffen und das Kind sei nicht angehört worden.

Rolf Widmer ist ebenfalls erstaunt über das Urteil. Seine Stiftung sucht grenzüberschreitend nach verschwundenen Kindern und vermittelt zwischen Elternteilen – Widmer ist jedes Jahr mit Hunderten Müttern oder Vätern konfrontiert, die ihre Kinder entführt haben. Er erklärt im Interview, warum das Bundesgericht in Entführungsfällen regelmässig falsch urteile.

Eine Mutter entführt ihr Kind und muss es nun in sein Herkunftsland zurückgeben. Halten Sie dieses Urteil tatsächlich für falsch?
Ja, ich war sehr erstaunt. Beim Entscheid des Bundesgerichts wurde das Interesse des Kindes nicht respektiert. In einer solchen Situation müsste man sich anhören, was das Kind will, und dafür sorgen, dass sich die Eltern gemeinsam zum Thema äussern. Beides ist nicht geschehen.

Das klingt, als ob Sie eine Entführung billigen würden.
Nein, ich will das Verhalten der Mutter überhaupt nicht entschuldigen. Aber ich denke, eine Kindesmitnahme ist eine Kurzschlusshandlung. Sehr oft sieht ein Elternteil keinen anderen Weg mehr, als das Kind nach einer Trennung in sein Heimatland mitzunehmen. Ein Urteil mit einer Zwangsrückführung hilft da nicht weiter.

Hätte das Bundesgericht denn überhaupt Spielraum? Die Schweiz muss sich an das Haager Abkommen halten, das eine sofortige Rückgabe von entführten Kindern vorsieht.
Ja, sicher gäbe es Spielraum. Das Haager Abkommen legt zwar das Vorgehen bei Entführungen fest, doch die Basis ist die UNO-Kinderrechtskonvention, bei der das Kindswohl im Vordergrund steht. Die Schweiz hat seit dem Juli 2009 ein sehr fortschrittliches Bundesgesetz über internationale Kindesentführung. Dieses sieht vor, dass in einer solchen Situation die Richter eine Mediation zwischen den Elternteilen anordnen müssten. Das heisst, dass man die Eltern zusammen an einen Tisch bringen sollte, damit sie gemeinsam eine Lösung finden. Doch das Gesetz wird sehr wenig angewandt.

Warum?
Aus finanziellen Gründen. Ein Mediationsverfahren kostet. Nun schiebt der Bund die Verantwortung an die Gerichte ab. Leider passiert es dann oft, dass die Richter Partei ergreifen, statt eine Fachperson beizuziehen.

Brauchen solche Mediationsverfahren nicht zu viel Zeit?
Wenn es eine Kindsentführung gibt, muss die Situation schnell geklärt werden. Wir haben Abläufe organisiert, bei denen die Situation innerhalb von 6 Wochen geklärt wird. Das ist aufwendig, doch es wird viel teurer, wenn die Abklärungen nicht sauber gemacht werden.

Können Sie ein Beispiel geben?
Ein Mediationsverfahren mit Kontaktaufnahme, Gesprächen zwischen den Eltern und Nachbetreuung kostet zwischen 6000 und 8000 Franken. Am anderen Ende der Skala liegt zum Beispiel der Fall Wood: Hier wurden zwei Kinder gegen ihren Willen nach Australien zurückgeschafft. Am Schluss lebten sie nicht einmal bei ihrem Vater, sondern wurden in Australien fremdplatziert. Dieser ganze Fall verursachte Kosten in Millionenhöhe.

Gelingt es überhaupt, Eltern nach einer solchen Tat zu versöhnen?
Da braucht es viel Begleitung. Viele Betroffene sind unendlich enttäuscht vom anderen Elternteil, und es ist am Anfang nicht gerade einfach, eine Lösung hinzubekommen. Es braucht längerfristige Arbeit, aber ohne diese geht es nicht. Statt das Haager Abkommen buchstabengetreu umzusetzen, müssten die Richter Stellung beziehen und sagen, dass man solche Beziehungsthemen nicht gerichtlich lösen kann.

Was sind die Folgen, wenn eine Einigung nicht zustande kommt?
Die meisten Kinder leiden wahnsinnig und brauchen sehr viel Energie. Diese fehlt ihnen schliesslich, um sich psychisch und physisch gesund zu entwickeln. Aus Sicht des Kindes wäre es zentral, dass der Kontakt zum anderen Elternteil nicht abbricht.

Wie ist die Situation in anderen Ländern?
Eigentlich hätte die Schweiz das fortschrittlichste Gesetz. Es wird nur nicht durchgesetzt. Es gibt aber auch andere Länder, die viel mit Mediation arbeiten, Frankreich zum Beispiel. Man hat erkannt, dass das der richtige Weg wäre.

Erstellt: 19.01.2014, 21:12 Uhr

Rolf Widmer: Der Sozialarbeiter ist Direktor der Schweizerischen Stiftung des Internationalen Sozialdienstes. Er vermittelt nach Entführungen zwischen Eltern.

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