Das Bundeshaus – ein Hort der Grabscher?

SVP-Frau Céline Amaudruz klagt über sexuelle Belästigung im Bundeshaus. Andere Parlamentarierinnen bestätigen: Verbreitet ist vor allem eine Form.

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Der Fall Buttet ist auch ein Fall Bundeshaus: Diesen Eindruck erweckten gestern mehrere anonyme Quellen, nachdem bekannt geworden war, dass gegen CVP-Nationalrat Yannick Buttet ein Strafverfahren läuft. Er soll seine Ex-Geliebte gestalkt und Parlamentarierinnen sexuell belästigt haben. Auch die Genfer SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz erzählte im Westschweizer Radio RTS von Übergriffen im Bundeshaus: Mit «manchen Leuten» gehe sie gar nicht mehr in den Lift; ein Parlamentarier habe sie unlängst mit einer «deplatzierten Geste» in Bedrängnis gebracht.

Das Bundeshaus – ein Hort der Grabscher und Lüstlinge? Gespräche mit zahlreichen Parlamentarierinnen zeigen: So einfach ist es nicht. So sind zum Beispiel die individuellen Grenzen, was als akzeptabel gilt, unterschiedlich. Oder die Vorfälle je nach Kontext anders zu bewerten. Vereinzelt berichten die Frauen zwar ebenfalls von körperlichen Grenzüberschreitungen, einer Hand auf dem Knie oder einer ungefragten Umarmung etwa, doch weit verbreiteter seien verbale Belästigungen. Die geschilderten Aussagen sind teilweise weit unter der Gürtellinie.

«Anzügliche verbale Entgleisungen habe ich in meinen zehn Jahren im Parlament mehrfach erlebt, körperliche Übergriffe aber nicht», sagt etwa CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer. In solche Situationen komme sie unter anderem deshalb nicht, weil sie bewusst diejenigen Abendveranstaltungen während der Session meide, an denen erfahrungsgemäss viel Alkohol getrunken werde.

Wie eine Geschäftsreise

Genau diese Ambiance sei es, die bei manchen männlichen Parlamentariern die Hemmschwelle sinken lasse, sagt GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy. «Während der Session herrscht eine Stimmung wie auf einer intensiven Geschäftsreise, auf der man auch den Abend gemeinsam verbringt.» Bertschy betont, dass sich die grosse Mehrheit der männlichen Kollegen im informelleren Austausch völlig normal und anständig verhalte. «Wie überall gibt es aber auch unter der Bundeshauskuppel ein paar Typen, die enthemmter sind und die die Grenzen nicht kennen.»

In solchen Situationen sei es wichtig, sich sofort zu wehren, sagt SVP-Nationalrätin Nadja Pieren. «Das erwarte ich sogar von einer Parlamentarierin. Schliesslich sind wir alle selbstbewusste Frauen, sonst wären wir nicht gewählt worden.» Auch die Bernerin hört «blöde Sprüche». Sie staune aber, dass nun plötzlich zumeist anonyme Quellen von «Übergriffen» sprächen. «Betroffene Frauen sollten besser sofort Anzeige erstatten als sich später anonym über die Medien zu beklagen.» Immerhin trage die Diskussion aber wohl dazu bei, Männer dafür zu sensibilisieren, dass die Grenze nicht bei jeder Frau gleich liege.

Chauvinismus verbreitet

Auch ihre Fraktionskollegin Natalie Rickli findet es falsch, dass nun alle Männer im Bundeshaus unter Generalverdacht gestellt würden. «Wir sind alle erwachsen: Wenn jemand Grenzen überschreitet, sagt man das dem Betreffenden direkt; wenn es strafrechtlich relevant ist, macht man eine Anzeige.» Sie sei im Parlament noch nie sexuell belästigt worden, sagt die Zürcherin. Solche Stimmen gibt es auch auf linker Seite. Wer sich dahingehend äussert, will aber nicht namentlich genannt werden.

Grössere Einigkeit besteht hingegen bei der am weitesten verbreiteten Form des Sexismus im Bundeshaus. «Patriarchales Denken ist in den Köpfen der Parlamentarier noch immer verankert. Männer sind für sie die Norm und Frauen die Ausnahme», sagt Grünen-Präsidentin Regula Rytz. Auch Bertschy stellt das fest: «Anliegen wie Elternzeit, die Frauenvertretung in Führungsgremien oder Lohngleichheit haben im Parlament kaum Chancen. Auch darin widerspiegelt sich die Geringschätzung der Frauen.» Für SP-Nationalrätin Mattea Meyer zeigen sich «diese ungleichen Machtverhältnisse» in abschätzigen Bemerkungen und Gesten. «Diese Männer weisen uns damit den Platz im Parlament zu. Und der ist nicht auf ihrer Augenhöhe», sagt sie.

Dass das Thema nun in die Öffentlichkeit gelangt, hat gemäss mehreren langjährigen Parlamentarierinnen zwei Gründe: «Seit den Entgleisungen von Donald Trump und weiteren Skandalen wird viel stärker über Sexismus diskutiert», sagt Rytz. «Das ermuntert betroffene Frauen, das Schweigen zu brechen.» Zudem träfen unter der Bundeshauskuppel Welten aufeinander: junge emanzipierte Städterinnen auf ländlich-konservativ geprägte Männer. Das beobachtet auch Grünen-Nationalrätin Sibel Arslan. Auf erlebte verbale Entgleisungen habe sie umgehend reagiert. «Den Männern wird auf diese Weise die Grenzüberschreitung bewusst und sie haben auch die Chance, sich zu entschuldigen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.12.2017, 21:01 Uhr

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