Das Dorf in unseren Köpfen

Alles spricht nach dem Nein zur Waffenschutz-Initiative über einen Graben zwischen Stadt und Land. Das eigentliche Problem ist das geistige Reduit im Aggloland. Die Zersiedelung der Schweiz hat das Dorf zum Mythos gemacht: Überholte Ideale werden beschworen.

Lausen BL in den Vierzigerjahren: Da gab es den traditionellen Gegensatz zwischen Stadt und Land noch.

Lausen BL in den Vierzigerjahren: Da gab es den traditionellen Gegensatz zwischen Stadt und Land noch. Bild: Keystone

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Das Dorf ist tot, doch es lebt weiter, denn es ist eine Geisteshaltung, keine Siedlungsform. Im Dorf nämlich leben die Echten, die Ehrlichen und die Ursprünglichen. Die Falschen, die Lügner und die Herbeigelaufenen, die wohnen in der Stadt. Das weiss man. Der Schweizer Knabe, der ich einmal war, entnahm diese Glaubenswahrheit dem SJW-Heft Nr. 18, «Die Pfahlbauer am Moossee», für die Schweizer Jugend erzählt vom grossen Pädagogen Hans Zulliger.

Hier war der Ursprung. Im Pfahlbauerdorf war das Leben noch echt, lernte der Schweizer Knabe. Es war bewohnt von einem Stamm. Die Pfahlbauer lebten von Jagd, Viehzucht und Ackerbau. Alle hatten denselben Beruf, sie waren Bauern. Nur der Töpfer, der Schmied und der Druide hatten andere Aufgaben. Der ganze Stamm hatte ein und denselben Glauben. Der Häuptling führte sein Dorf mit Weisheit, Gerechtigkeit und Strenge. Alles war so lange friedlich und gut, bis Fremde auftauchten. Die steinzeitlichen Pfahlbauer am Moossee wurden schliesslich von Fremden vertrieben. Diese hatten, weil sie bereits Bronze herzustellen und zu verarbeiten wussten, überlegene Waffen.

Ehrlich, natürlich, reinrassig

Aus dem Schweizer Knaben ist in der Zwischenzeit ein Stadtwanderer geworden. Der betrachtet das Pfahlbauerdorf aus heutiger Sicht: Es ist eine Erfindung, ein Idealdorf, genauer, ein Sehnsuchtsgebilde. So möchten auch wir leben, so echt, ehrlich und natürlich. Das Pfahlbauerdorf aus der Steinzeit haben wir unterdessen in einem vagen Früher angesiedelt, eine mythische «Käserei in der Vehfreude» daraus gemacht.

Wir wissen im Herzen, wie das richtige Dorf einmal war. Es hat alle Eigenschaften des Pfahlbauerdorfs geerbt. Es ist – darf man das heute noch schreiben? – reinrassig. Denn der Stamm ist eine Brutgemeinschaft. Und das erste und wichtigste Gesetz dieser Brutgemeinschaft regelt, wer dazugehört und wer nicht: ich, du, der Stamm, zusammenfassend: wir gegen die andern.

Es gibt einen sicheren Bezirk, das Drinnen, und eine feindliche Welt, das Draussen. Die Bewohner sind Selbstversorger, sie brauchen keine Zufuhr von aussen, so selbstgenügsam sind sie. Im Idealdorf leben nur Bauern und was es an Spezialisten halt braucht: die Krämerin, den Hufschmied und den Pfarrer. Alle sind rechtgläubig, protestantisch zum Beispiel. Das Idealdorf braucht einen König, denn es ist hierarchisch geordnet und selbstverständlich trotzdem demokratisch, liegt doch der Moossee im Kanton Bern. Der Stamm, d. h. die Angestammten, ist eher eine grosse Familie als ein freiwilliger Zusammenschluss von Gleichberechtigten. Der Gemeindepräsident schaut zum Ganzen und sorgt vor. Auf den Punkt gebracht: Das Idealdorf ist echt. Dieses Sehnsuchtsgebilde «Idealdorf» gibt es heute noch in den Köpfen und Herzen der Schweizer. Davon träumen die Leute, die aufs Land ziehen wollen.

Unerwarteter Wohlstand

Es gab also das Dorf als Tatsache, als Siedlung und sozialen Verband, und das Dorf als Sehnsuchtsgebilde, als Mythos. Das Aussterben des einen förderte das Wachstum des andern. Denn das Dorf ist gestorben, es ist nach langer Leidenszeit dem Automobil unterlegen. Das ist der Träger, der die fatale Agglokrankheit eingeschleppt hat. Im Volksmund heisst sie Hüslipest. Der Herd dieser Krankheit liegt in der Stadt und im Wohlstand. Wer das Dorfsterben ergründen will, setzt sich unweigerlich mit ihrer Verbreitung auseinander.

Bis um 1950 waren die Verhältnisse noch einigermassen übersichtlich. Noch lebte man in der Guisan-Schweiz. Die Eidgenossenschaft war ein freier, autonomer, ewig neutraler Kleinstaat. Der traditionelle Gegensatz zwischen Stadt und Land war noch vorhanden: Man wusste überall, ob man sich in der Stadt oder auf dem Land befand.

Dann geschah etwas Unerwartetes, der Wohlstand brach aus. Er schenkte den Schweizerinnen die Waschmaschine, den Kühlschrank und den Staubsauger, dem Schweizer die Ölheizung und das Automobil. Es ermöglichte das Ausschwärmen. Auf dem Land fanden die neuen Mittelständler ihren Gesundbrunnen, im Einfamilienhaus ihren ethischen Halt und in der Kernfamilie ihre Erfüllung. Sie brachten ihre Hüsli-Ideologie ins Dorf. Das hat es umgebracht. Die Brutgemeinschaft wurde durch die vereinzelte Familie ersetzt, die Verwandtschaft durch Nachbarn, der Clan durch den Schwarm. Das Sehnsuchtsgebilde zerstörte das, wonach es sich sehnte.

Wehret den Anfängen!

Zwei böse Erfahrungen prägten das Bewusstsein der Guisan-Schweiz. Da war einerseits die Industrialisierung mit ihren sozialen Konflikten und der roten Gefahr. Andererseits die braune Gefahr, inklusive Krieg und 55 Millionen Toten, welche die Guisan-Schweiz soeben überstanden hatte. Beide Erfahrungen waren in einer Grossstadt unheilvoll verkörpert: Berlin. Das Stichwort hiess Vermassung. Sie war das Grundübel, das in der Schweiz nie passieren durfte. Wehret den Anfängen! Die Guisan-Schweiz setzte die Verbauerung des Bewusstseins dagegen, das Ländliche, Ursprüngliche, Überschaubare, Kleinteilige, verkörpert im traditionellen Dorf. Dort waren die Freiheit und die Demokratie zu Hause. Kein Bauer war Kommunist. Das Sehnsuchtsgebilde ist auch eine Abwehrwaffe.

Leider hat die Guisan-Schweiz ihre Rechnung ohne das Auto gemacht. Die Mobilität wurde zum Staatsziel. Die Eidgenossenschaft baut seit 1960 das grösste und teuerste Bauwerk ihrer Geschichte: das Autobahnnetz. An die Folgen für die Besiedlung wollten die autotrunkenen neuen Mittelständler nicht denken. Man bekämpfte das Modell Berlin und führte, ohne es zu wollen und zu merken, das Modell Los Angeles ein.

Die Agglomeration

Das Dorf wurde erreichbar. Es kamen Leute, die die Dörfler Städter nannten, in Wirklichkeit waren es aber Konsumenten. Im alten Dorf lebten Produzenten, Leute, die vom Land, nicht auf dem Land lebten. Die Bauern setzten ihre Häuser, Scheunen und Ställe nach betriebswirtschaftlichen Regeln ins Gelände. Vor allem versuchten sie möglichst wenig vom fruchtbaren Land zu besetzen, denn das war ihre Lebensgrundlage, nie vergeudeten sie ihr Land. Die neuen Konsumenten hingegen stellten ihre Häuser nach Eigentümerregeln mitten auf die Grundstücke und produzierten nichts. Der Unterschied ist fundamental.

Die Konsumenten brachten eine neue Lebens- und Wohnform mit: die Agglomeration. Drei Anzeichen trügen nie: Wo das ohrenbetäubende Geräusch eines Rasenmähers zu hören ist, wo pflegeleichte Zwergmispeln wachsen und wo immergrüne Thujahecken die Nachbarn trennen, da ist die Agglomeration. Dort dient der Boden als Genuss- und nicht als Produktionsmittel.

Wo der Konsument regiert

Die Agglomeration ist das Herrschaftsgebiet der Konsumenten, sie konsumieren zum Beispiel Wohnraum. Die Wohnfläche pro Kopf hat sich seit 1950 mehr als verdoppelt. In diesem Zeitraum wurde in der Schweiz mehr gebaut als in allen Jahrhunderten seit den Römern zusammen.

Die plötzliche Bauwut ist sichtbar im Lande und heisst Zersiedelung. Die Guisan-Schweiz ist der Agglo-Schweiz gewichen. Der alte Stadt-Land-Gegensatz ist aufgehoben, entstanden ist der neue Allgemeinzustand: Agglomeration. Wohlstand plus Mobilität erzeugen zwingend diese Siedlungsform. Sie ist weder eine Fehlentwicklung noch ein Übergangszustand, sondern die heutige Form der Stadt. Die Dorfresten und das Stadtzentrum sind zu Quartieren degradiert. Heute leben bereits zwei Drittel der Bevölkerung in der Agglomeration, und dort werden die Schweizer auch in Zukunft leben und wohnen.

Das Dorf als Gemeinschaft von Urproduzenten ist verschwunden. Das Loch wurde vom Sehnsuchtsgebilde gestopft, diesem tief verwurzelten Bild vom intakten Dorf, das inzwischen zur Folklore erstarrt ist. Die Konsumenten haben ein sentimentales Verhältnis zum Dorf. Jetzt, wo das Sehnsuchtsgebilde konkrete Formen angenommen hat, in Quadratmetern an Land und Millionen an Baukosten messbar, wird das Idealdorf einmal mehr und wider besseres Wissen rekonstruiert.

Städter kolonisieren das Dorf

Die Agglobürger sind ihrer Selbsteinschätzung zufolge keine. Sie weigern sich, ihr Konsumentendasein anzuerkennen. Wo es nur noch ihresgleichen gibt, ist das auch gar nicht nötig. Die Agglobürger spielen Dörfler, sind in Wirklichkeit aber zugezogene Städter, die die Dörfler Schritt für Schritt verdrängt haben. Sie haben eine neue Wohn- und Lebensform ins Dorf gebracht, die Kolonisierung ist gelungen. Stadt ist heute überall, sie trägt den Namen Agglomeration.

Zurück zum idealen Dorf, was ist davon geblieben? Reinrassig ist das Agglodorf nicht mehr, aber wenigstens wohnen hier nur anständige Leute. Doch der Stamm ist erloschen, die Brutgemeinschaft tot. Das Grundgesetz «Wir gegen die andern» ist allerdings noch intakt. Heute heisst das Gemeindeautonomie und Steuersatzverteidigung. Immerhin: Das Agglodorf ist offen. Jeder, der Geld genug hat, ist als Steuersubstrat willkommen. Die Alteingesessenen und die Zuzüger wachsen zusammen, genauer, die Mehrheit der Konsumenten übernimmt die Führung.

So weit das Auto fährt

Ohne Zufuhr von aussen wäre das Agglodorf auf eine Mangelwirtschaft wie in grauer Vorzeit zurückgeworfen. Einkaufen lässt sich nämlich nur noch beschränkt lokal, wer kein Auto hat, muss fast verhungern. Die ursprünglichen Produzenten, Bauern genannt, sind heute eine wichtige, doch verschwindende Minderheit. Ihr Anteil am Steueraufkommen zahlt nicht einmal die Lehrergehälter. Die Spezialisten im Agglodorf sind Treuhänder, Therapeutinnen und Betreiber von Massagesalons. Das Agglodorf hat noch eine protestantische Kirche, doch die ist leer. Die Dorfkönige freilich sind noch da. Die Agglobürger wählen sie stramm und erwarten im Gegenzug von ihnen die Mehrung des Finanzausgleichs.

Wie einst das Pfahlbauerdorf ist auch das Agglodorf moralisch besser. Das Hüsli ist sittlicher als die Mietwohnung. Die «freie Natur» schafft gesunde Kinder, das Grüne zufriedene Mütter und der nahe Wald verantwortungsvolle Väter. Kurz, nur im Hüsli kann beginnen, was leuchten soll im Vaterland.

Das Pfahlbauerdorf ging an den Bronzewaffen zugrunde, das Dorf am Auto, das vom Wohlstand angetrieben wurde. Autonomie ist eine Frage der Erreichbarkeit. Wer erreichbar ist, wird kolonisiert. Die Agglomeration reicht heute, so weit das Auto fährt.

Benedikt Loderer ist Architekt, Journalist, Stadtwanderer und Gründer von «Hochparterre», der Zeitschrift für Gestaltung und Architektur. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2011, 20:59 Uhr

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