«Das Drogenverbot verstärkt das Problem»

Die Juso wollen harte Drogen wie Kokain für medizinische Zwecke zulassen. Experte Toni Berthel sagt, warum das sinnvoll wäre.

Boomender Schwarzmarkt: Ein kolumbianischer Polizist präsentiert Dutzende Kokainpäckchen. 800 Kilogramm wurden im Juli bei einer Gang gefunden.

Boomender Schwarzmarkt: Ein kolumbianischer Polizist präsentiert Dutzende Kokainpäckchen. 800 Kilogramm wurden im Juli bei einer Gang gefunden. Bild: Fernando Vergara/Keystone

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Die Juso fordern laut einem Bericht der «Südostschweiz» die Legalisierung aller Drogen. Was halten Sie von dieser Idee?
Die Eidgenössische Kommission für Drogenfragen hat sich immer dafür eingesetzt, dass jemand, der Drogen konsumiert, nicht kriminalisiert wird. Und wir sind der Meinung, dass das Verbot von psychoaktiven Substanzen das Problem der Kriminalisierung der Konsumenten verstärkt. Es braucht Modelle, die regeln, wie man die Substanzen produzieren und kaufen kann, damit der Schwarzmarkt und die Beschaffungskriminalität verhindert werden können. Dem Konsumenten muss ein minimaler Schutz geboten werden.

Inwiefern schadet das Verbot gewisser Drogen der Gesellschaft?
In der Schweiz führte die Kriminalisierung des Heroinkonsums zu einem enormen Schwarzmarkt und zu einer hohen Kriminalität. Zudem haben sich die Menschen mit HIV, Hepatitis und anderen Krankheiten angesteckt. Als der Alkohol in den USA verboten war, entstand rundherum eine regelrechte Mafia. Heute werden ganze Kriege mit Geldern aus dem Drogenmarkt finanziert.

Glauben Sie, dass Jugendschutz und Prävention bei einer Entkriminalisierung der Drogen besser funktionieren würden?
Es ist eine Herausforderung, einen adäquaten Jugendschutz zu definieren und durchzusetzen. Ein Regulierungsmodell würde dies viel einfacher machen. Cannabis beispielsweise ist seit vielen Jahren verboten, wird aber trotzdem konsumiert. Hier ist eine offene und glaubwürdige Prävention schwierig. Bei legalisierten Substanzen wie Alkohol und Tabak hingegen kann man transparente Präventionskampagnen machen. Wir wollen ja nicht, dass mehr Menschen Drogen konsumieren. Aber wir wissen, dass sie es tun. Und wir müssen davon ausgehend überlegen, was die beste Lösung ist.

Würden harte Drogen dadurch nicht verharmlost und die Hemmschwelle für ein Ausprobieren gesenkt?
Das Regulierungsmodell muss natürlich an die Gefährlichkeit der Substanz angepasst sein. Cannabis als weniger problematische Droge wäre anderen Regeln unterworfen als andere Drogen. Es wird nicht so sein, dass jede Substanz in gleicher Weise produziert, verkauft und konsumiert werden kann.

Die Juso möchten harte Drogen für eine medizinische Versorgung entkriminalisieren. Müssten Substanzen wie beispielsweise Kokain nicht erst vom Heilmittelinstitut Swissmedic abgesegnet werden?
Beim medizinischen Einsatz geht es ja meist um Cannabis. Es gibt Studien, die zeigen, dass Cannabis bei multipler Sklerose, ALS und anderen Krankheiten helfen kann. Es ist ein gutes Schmerz- und Entspannungsmittel. Cannabis als medizinisches Mittel abzugeben, ist in der Schweiz mit dem geltenden Betäubungsmittelgesetz bereits möglich. Auch die heroingestützte Behandlung hat sich als Erfolgsmodell erwiesen. Aber der medizinische Einsatz ist nur sinnvoll, wenn es Studien gibt, welche die Wirksamkeit dieser Therapien belegen und eine klare medizinische Diagnose eine Behandlung notwendig macht. Unser Ziel ist nicht, dass Personen bei jeglichen psychischen oder physischen Problemen in der Apotheke einfach Kokain oder andere Substanzen beziehen können.

Glauben Sie, dass das Anliegen der Juso in der Schweiz politische Chancen hat?
Zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Aber es ist wichtig, dass man an dem Thema dranbleibt. Aus liberaler Sicht beeinträchtigen Verbote von Verhaltensweisen, die anderen keinen Schaden zufügen, die persönliche Freiheit der Bürger. Es ist unsere Verantwortung, dass der Umgang mit diesen Substanzen pragmatisch und mit Augenmass reguliert wird. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.09.2015, 12:32 Uhr

Toni Berthel ist seit 2012 Präsident der Eidgenössischen Kommission für Drogenfragen. (Bild: PD)

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