Interview

«Das FBI bot mir 700'000 Dollar, wenn ich helfen würde, Marc Rich zu fangen»

Jo Lang, der frühere Zuger Nationalrat und heutige Vizepräsident der Grünen Schweiz, hatte den heute verstorbenen Rohstoffhändler Marc Rich seit den 70er-Jahren im Visier.

Jo Lang auf einer Aufnahme 2011.

Jo Lang auf einer Aufnahme 2011. Bild: Peter Schneider/Keystone

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Sie haben einmal im «Wall Street Journal» gesagt, dass Sie Ihre politische Karriere weitgehend Marc Rich zu verdanken hätten.
Wir Zuger Alternativen verdanken den spektakulären Aufstieg von einer 3-Prozent-Partei 1982 zu einer Partei mit 20 Prozent Wahlanteil wesentlich unserer Kritik am Zuger Finanz- und Rohstoffhandelsplatz sowie insbesondere an Marc Rich.

Wann sind Sie erstmals auf Marc Rich aufmerksam geworden?
Da war ich etwa 20 Jahre alt. Systematisch haben wir uns zu Beginn der 80er-Jahre mit ihm und seiner Firma angefangen zu beschäftigen. Also einige Jahre bevor Rich im Zuge der US-Anklage wegen Steuerbetrugs ein Thema in der Öffentlichkeit wurde.

Als Sie 1982 in den Zuger Gemeinderat gewählt wurden, haben Sie Rich gleich in der Antrittsrede massiv angegriffen. Kurz darauf musste der Zuger Staatsanwalt zurücktreten. Was war passiert?
Die Bürgerlichen haben wie immer ihren Stolz über die hohen Steuereinnahmen ausgedrückt. Deshalb habe ich auf die Kehrseite hingewiesen: An den Steuern von Marc Rich kleben das Blut, der Schweiss und die Tränen der Ärmsten der Welt. Der Zuger Staatsanwalt Rudolf Mosimann war gleichzeitig mehrfacher Verwaltungsrat bei Rich-Firmen gewesen. Deshalb wollte er wegen dieses Satzes eine Ehrverletzungsklage gegen mich einreichen. Ein Jahr darauf verlangten die USA die Auslieferung von Marc Rich wegen Steuerbetrugs. Damit wurde Mosimanns Doppelfunktion als Staatsanwalt und Geschäftspartner von Rich zum Skandal und er musste zurücktreten.

Wie war die Zuger Politik in den 80er-Jahren mit Rich verbandelt?
Das Zuger Bürgertum stand in Nibelungentreue zu Marc Rich. Zwei Politiker haben sich dabei besonders hervorgetan: der Zuger Stadtpräsident Walther A. Hegglin und der kantonale Finanzdirektor Georg Stucky. Hegglin prägte den berühmten Satz: «Was gut ist für Marc Rich, ist auch gut für Zug.» Stucky wurde nach seinem Rücktritt aus dem Regierungsrat Anfang der 90er-Jahre ein enger Geschäftspartner von Rich.

War Zug damals eine Bananenrepublik?
Bananen sind insofern verharmlosend, als es bei den Geschäften von Marc Rich um viel gefährlichere Waren ging. Wer sich in Zug mit Rich anlegte, bekam es mit dem Zuger Filz zu tun. Ich erhielt beispielsweise ein jahrelanges Berufsverbot als Lehrer im Kanton Zug.

Hatten Sie jemals persönlich Kontakt mit Rich?
Es gab einzelne Momente, wo man sich zufälligerweise auf der Strasse in Zug begegnete. Dabei war er meistens von seinen Bodyguards umgeben.

1986 fanden Sie heraus, dass Rich heimlich sowjetrussisches Erdöl nach Südafrika lieferte und damit das UNO-Embargo brach.
Erdöl war der einzige Rohstoff, den Südafrika nicht hatte. Und da wegen des UNO-Embargos niemand Südafrika legal mit Öl versorgen wollte, sprang Rich ein. Er hat entscheidend dazu beigetragen, dass das Apartheidregime länger überleben konnte. Der einzige öffentliche Auftritt, den Marc Rich jemals in Zug hatte, war 1982 im Zuger Casino. Da habe ich ihn mit meinen Informationen konfrontiert, dass er kürzlich in Südafrika gewesen sei. Ich fragte ihn, wohin ihn seine letzte Reise führte, und er antwortete: «Meine letzte Reise war nach Russland.» Jeder im Saal Anwesende meinte natürlich, dass er damit meinen Vorwurf widerlegte. Doch Rich und ich wussten, dass ich recht hatte. Denn er war vorher von Südafrika nach Moskau geflogen.

Anfang der 90er-Jahre bat Sie das FBI um Hilfe bei der Jagd nach Marc Rich.
Als ich mich auf Einladung von Gewerkschaften in den USA befand, bekam das FBI Wind davon und lud mich deshalb nach New York ein. Sie boten mir 700'000 Dollar, wenn ich ihnen helfen würde, Marc Rich zu fangen. Meine Antwort war klar: Ich bin ein Politiker und kein Polizeibeamter.

Warum gelang es eigentlich den allmächtigen US-Geheimdiensten nie, Richs habhaft zu werden?
Ich bin überzeugt, dass Marc Rich mit der CIA zusammenarbeitete und damit vor dem Zugriff durch das FBI geschützt war. Das habe ich damals dem FBI in New York erzählt, die Mimik der Beamten zeigte eindeutig, dass sie auch davon ausgingen.

«Was gut ist für Marc Rich, ist auch gut für Zug» – gilt das auch heute noch für die Rohstoffhändler in Zug?
Die Praxis der Zuger Behörden entspricht weiterhin diesem Satz. Aber sie würden das heute niemals so offen kommunizieren.

Gibt es etwas Positives, das Sie heute über Rich sagen möchten?
Er hat den gleichen Kunstgeschmack wie ich, er liebt die klassische Moderne.

Erstellt: 26.06.2013, 16:52 Uhr

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