«Das Geschäft ist lukrativ, die Margen sind hoch»

Gestern ereignete sich in einer aufwendig ausgebauten Indoor-Hanfanlage in Altstätten SG eine Schiesserei. Tagesanzeiger.ch/Newsnet sprach mit dem Fedpol-Experten über die Professionalisierung im Cannabis-Markt.

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Die Halle wurde aufwendig umgebaut, eine Hochleistungslüftungsanlage filterte den starken Geruch aus der Luft, und ein ganzes Arsenal an UV-Lampen liess Tausende Hanfpflanzen spriessen. Die Plantage in Altstätten SG, in der gestern zwei Männer bei einer Schiesserei lebensgefährlich verletzt wurden, war ein hochprofessionell geführter Betrieb mit einem Rund-um-die-Uhr-Sicherheitsdienst. Nur zwei Wochen zuvor wurde in Bülach eine Plantage ausgehoben, in der auf zwei Stockwerken 10'000 Pflanzen gezüchtet wurden. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat mit Christian Schneider, strategischer Analytiker im Bereich Drogenmarkt bei der Bundeskriminalpolizei Fedpol, über die Veränderungen im Cannabis-Markt gesprochen.

Die Hanfplantage, in der gestern zwei Männer durch Schüsse lebensgefährlich verletzt wurden, scheint ein hochprofessionell geführter Betrieb. Wie häufig sehen Sie solche Zuchten?
Plantagen mit mehr als 10'000 Pflanzen sind Einzelfälle. Zwischen 2009 und 2013 sind rund 2800 Plantagen ausgehoben worden, zwei Drittel davon verfügten über weniger als 20 Pflanzen. Nur bei acht Plantagen wurden mehr als 5000 Pflanzen sichergestellt. In der grössten Plantage wurden fast 15'000 Pflanzen gezüchtet. Uns liegen auch einige wenige Berichte von Polizeien vor, wonach die Plantagen von Sicherheitsleuten bewacht werden. Aber die überwiegende Mehrheit der Züchter geht davon aus, dass die Plantage so gut versteckt ist, dass sie niemandem auffällt.

Früher steckten Kiffer einige Hanfsamen in einen Blumentopf und zogen auf dem Balkon ein paar Pflanzen. Welchen Aufwand betreiben Hanfzüchter heute?
Es ist schon sehr aufwendig, eine grosse Plantage zu verstecken. Man muss den Geruch in den Griff bekommen, man darf von aussen nicht sehen, dass Tag und Nacht Licht brennt, die Stromrechnung darf nicht auffallen. Wer eine grosse Plantage betreibt, tut das nicht einfach nebenher.

Erinnern Sie sich an ein auffälliges Beispiel? Es gab schon Plantagen, in denen in einem vorderen Teil zur Tarnung ein regulärer Betrieb geführt wurde, die Zuchten aber in abgetrennten Räumen untergebracht und durch versteckte Zugänge erschlossen waren. Das zeugt schon von einer sehr professionellen Einstellung der Züchter.

Wie viel Geld ist damit zu verdienen?
Der Cannabis-Markt ist ein Massenmarkt mit mehreren Hunderttausend Konsumenten. Laut der letzten offiziellen Schätzung wurden im Jahr 2010 zwischen 25 und 37 Tonnen Cannabis konsumiert. Diese Drogen haben einen Marktwert von rund 250 Millionen Franken. Allerdings dürfte der tatsächliche Umsatz etwas tiefer liegen, weil Cannabis häufig auch verschenkt wird. Wir gehen davon aus, dass rund 75 Prozent des gesamten Cannabis-Konsums in der Schweiz produziert werden.

Wie sind die Züchter organisiert?
Bei den meisten Züchtern handelt es sich um kleine Gruppen. Komplexere Strukturen sind selten. Letztes Jahr zum Beispiel wurden Plantagen sichergestellt, die von mehreren autonomen Produzenten in einem Netzwerk betrieben wurden. Sie haben sich gegenseitig bei Lieferproblemen ausgeholfen, um gemeinsam den Markt versorgen zu können. Wir vermuten, dass das ein typischer Modus Operandi ist.

Verkaufen die Produzenten die Drogen gleich selbst oder verfügen sie über ein Netzwerk von Händlern?
Handel und Produktion sind oft eng vernetzt, damit es möglichst wenig Zwischenhandelsstufen braucht. Es gibt sogar Produzenten, die verkaufen ihre Ware direkt ab Hof.

In der letzten Zeit sind gleich mehrere sehr grosse Plantagen ausgehoben worden. Übernimmt das organisierte Verbrechen die Produktion von Hobbyzüchtern?
Der grösste Teil der Züchter und Händler sind Schweizer. Grundsätzlich ist das Geschäft aber sehr lukrativ, die Margen sind hoch, die Risiken im Vergleich zu harten Drogen kalkulierbarer. Deshalb muss man auch davon ausgehen, dass gut organisierte Gruppen aus dem Ausland ein Interesse daran haben, in der Schweiz eine Produktion aufzubauen. Aber eine eindeutige Entwicklung in diese Richtung können wir auf gesamtschweizerischer Ebene nicht feststellen.

Also trügt der Schein, dass die Züchter immer professioneller werden?
In illegalen Bereichen ist es sehr schwierig, darüber zuverlässige Aussagen zu machen. Die Sicherstellung der Plantage in Altstätten SG war ein Zufall. Es kann auch daran liegen, dass die Polizeien ihre Ressourcen in diesen Bereich verlagern. Und letztlich ist es auch möglich, dass es tatsächlich mehr professionelle Plantagen gibt. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.02.2015, 16:02 Uhr

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Zwei Schweizer im Alter von 45 und 58 Jahren werden verdächtigt, in der Nacht auf Montag mehrere Schüsse auf zwei Männer in der Industrieanlage an der Alten Landstrasse in Altstätten abgegeben zu haben. Rezzoli bestätigte Medienberichte, wonach einer der Tatverdächtigen die Polizei alarmierte.

Die Opfer, zwei Schweizer im Alter von 36 und 44 Jahren, wurden lebensgefährlich verletzt. Zeugen hätten sich bislang nicht gemeldet. In der Industriehalle entdeckte die Polizei eine professionelle Indoor-Hanfanlage mit mehreren Tausend Pflanzen. Die Anlage ist laut Rezzoli inzwischen geräumt worden. (SDA)

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