Das Industriedenkmal soll weg

Die kulturhistorische Bedeutung ist unbestritten. Trotzdem wehrt sich der Bundesrat nicht gegen den Abriss des 112 Jahre alten Kraftwerks in Rheinfelden.

Weltweit einzigartig: Das Kraftwerk in Rheinfelden, aufgenommen am 24. September 1998.

Weltweit einzigartig: Das Kraftwerk in Rheinfelden, aufgenommen am 24. September 1998. Bild: Michael Würtenberg/Keystone

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Wenige Kilometer vor Basel, am deutschen Rheinufer, steht ein Kraftwerk, das als «Keimzelle des europäischen Stromverbundnetzes» gilt. Es handelt sich um die älteste noch existierende Anlage zur Herstellung modernen Stroms. Weltweit. Das Ensemble besteht aus einem klassizistischen Gebäude, das 1898 eingeweiht wurde, und einem Steg, der Deutschland und die Schweiz einander näherbringt.

Auf dem Velo und zu Fuss nutzen badische wie aargauische Rheinfelder die Verbindung rege für den kleinen Grenzverkehr. Noch. Denn 800 Meter flussaufwärts entsteht zurzeit ein neues Wasserkraftwerk, das deutlich mehr Energie erzeugen soll als das 112-jährige Vorgängerwerk.

Ein Weltkultur-Denkmal?

Wegen dieses Neubaus soll das historische Kraftwerksgebäude samt Brücke bald abgerissen werden. Trotz schweren Bedenken von Denkmalschützern rund um den Globus. Laut dem US-Amerikaner Patrick Martin – dem Präsidenten des Internationalen Komitees für die Erhaltung von Industriedenkmälern – hat Rheinfelden gute Chancen, in die Liste der Weltkultur-Denkmäler aufgenommen zu werden: «Ohne Zweifel» gehöre die Anlage global zu den «wichtigsten Monumenten» der Stromerzeugung, zitiert ihn das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» in seiner aktuellen Ausgabe.

Derlei Einschätzungen sind weitgehend unbestritten – auch bei jenen, die sich nicht dagegen wehren, dass das alte Kraftwerk verschwindet. So anerkennt etwa der Schweizer Energieminister Moritz Leuenberger in einem Brief an einen Industriegeschichtsprofessor der Universität Freiburg im Breisgau: «Die kulturhistorische und industriegeschichtliche Bedeutung der alten Kraftwerksanlage ist unbestritten.» Und Leuenbergers Bundesratskollege Didier Burkhalter hält in seiner Funktion als Kulturminister fest: «Das im ausgehenden 19. Jahrhundert erbaute Kraftwerk kann heute ohne Zweifel als wichtiger Zeuge für die europäische Industriegeschichte angesehen werden.» Trotzdem will die Schweizer Landesregierung nicht bei der für die Abrissbewilligung zuständigen Regierung Baden-Württembergs intervenieren. Sie hat auch nicht die Absicht, den Abbruch des Stegteils in helvetischer Hoheit zu verhindern.

Erholung der Fische geht vor

Bundesrat Moritz Leuenberger findet vielmehr, die Sache sei seit Jahren gelaufen. In einer langwierigen «Gesamtinteressenabwägung» hätten ökologische Anliegen über denkmalpflegerische obsiegt. Am Ort des historischen Kraftwerks sollen nämlich Fische neuen Ruheraum finden, um Kraft zu tanken für den anstrengenden Anstieg über spezielle Fischtreppen Richtung Bodensee.

Der Schweizer Bundesrat bedient sich hier der Argumentation von Regierungsstellen in Freiburg im Breisgau, die zusätzlich energiewirtschaftliche Interessen hervorheben. Sie berücksichtigen nicht, dass ökologische Alternativvorschläge bestehen und dass sich deutsche und schweizerische Rheinfelder durch das amtliche Vorgehen der Ämter hintergangen fühlen.

Viele vor Ort finden, die deutschen Behörden hätten die Schweizer Kollegen getäuscht. Die «Gesamtinteressenabwägung», die Leuenberger erwähnt, sei einseitig angegangen worden und entsprechend einseitig ausgefallen. Auch stören sich weite Teile der lokalen Bevölkerung und Politik daran, dass das Regierungspräsidium Freiburg die Anlage trotz Aufforderung durch das frühere Landesdenkmalamt nicht ins Denkmalbuch aufgenommen hat – was den Abbruch nun erleichtert.

Burkhalter klärt nochmals ab

Die Eidgenossenschaft als «völkerrechtlicher Vertragspartner» hat nie ein Gutachten über die kulturhistorische Bedeutung des Rheinfelder Werks erstellt.

Nicht ganz gelaufen ist die Sache allerdings für Bundesrat Burkhalter, der im Gegensatz zu Leuenberger noch nicht im Amt war, als die langwierige und umstrittene «Gesamtinteressenabwägung» stattfand. Der Kulturminister geht deshalb nochmals über die Bücher und hat das Bundesamt für Kultur beauftragt, beim Bundesamt für Energie Informationen zur Konzessionserteilung einzuholen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2010, 07:43 Uhr

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