«Das Kopftuch ist wie eine Wollmütze»

Der St. Galler SVP-Erziehungsdirektor Stefan Kölliker sieht im Kopftuch kein religiöses Symbol. Es störe einfach den Unterricht.

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Kennen Sie Musliminnen, die ein Kopftuch tragen?
Nein.

Was denken Sie, weshalb Musliminnen Kopftücher tragen?
Es ist eine kulturelle Überlieferung. Die Gründe können unterschiedlich sein, je nachdem, ob es ein Mädchen oder eine Frau trägt.

Was stört Sie daran, dass Mädchen ein Kopftuch tragen?
Ich habe kein Problem, wenn sie es ausserhalb der Schule tragen. Unsere Empfehlung, Kopfbedeckungen zu verbieten, geht nicht über den Unterricht hinaus.

Warum stört es im Schulzimmer?
Aus den gleichen Gründen wie eine Wollmütze oder eine Dächlikappe. Das Kopftuch ist nicht förderlich für die Ruhe und Ordnung.

Inwiefern sorgt es für Unruhe?
Nicht nur das Kopftuch, auch andere Kopfbedeckungen können die Schüler ablenken: weil beispielsweise das Gesicht und die Ohren verdeckt sind. Eine Dächlikappe erschwert den Blickkontakt zwischen Lehrer und Schüler.

Ein Kopftuch verdeckt das Gesicht nicht.
Aber die Ohren. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten können Schüler Kopfhörer in die Ohren stecken, ohne dass das jemand sieht. Dem Erziehungsrat geht es darum, dass alle Schüler gleich behandelt werden. Wenn jemand keine Baseballmütze tragen darf, dann ist nicht einzusehen, warum Kopftücher erlaubt sein sollen.

Das Kopftuch ist ein religiöses Symbol.
Es ist kein religiöses Symbol.

Diejenigen, die es tragen, sehen es als Teil ihrer religiösen Identität.
Wir haben diese Frage sehr genau untersucht und sind zum Schluss gekommen, dass es kein religiöses Symbol ist. Deshalb wird das Kopftuch gleichbehandelt wie eine Wollmütze.

Sie als Christ erklären den Muslimen, welches ihre religiösen Symbole sind?
Nicht alle muslimischen Organisationen sind der Meinung, dass das Kopftuch ein religiöses Symbol ist. Uns haben sogar muslimische Vereinigungen unterstützt: Sie finden wie wir, dass ein Kopftuchverbot genau das Richtige ist, um die Integration zu fördern.

Wie viele Schülerinnen tragen im Kanton St. Gallen ein Kopftuch?
Der erste Fall war in Heerbrugg. Dort existierte bereits vor unserer Empfehlung ein Kopftuchverbot in der Schulordnung. Eine Schülerin weigerte sich, sich daran zu halten. Das führte zu einer Unruhe, weil das Mädchen während Wochen nicht zur Schule ging und dauernd in den Medien war. Der zweite Fall in Bad Ragaz entwickelte sich ähnlich. Daraufhin fragten uns zahlreiche Schulgemeinden, wie sie damit umgehen sollen. Das ist der Grund, warum wir ein Kopfbedeckungsverbot empfohlen haben.

Wie viele Schulgemeinden?
Zwischen sechs und zehn.

Warum haben Sie nur eine Empfehlung ausgesprochen und keine verbindliche Regelung eingeführt?Eine verbindliche Regelung liegt nicht in unserer Kompetenz. Dazu hätte man das Volksschulgesetz ändern müssen. Aber es widerspräche der Praxis, solche Fragen auf kantonaler Ebene zu entscheiden. Das hätte die Autonomie der Schulgemeinden beschnitten.

In Bad Ragaz ist die Situation eingetreten, dass nach dem Entscheid der Regionalen Schulaufsicht Kopftücher zugelassen sind. Das widerspricht Ihrer Empfehlung.
Bad Ragaz hat die Kopftuchfrage bisher in unserem Sinn beantwortet. Warum der Schulrat seine Meinung geändert hat und auf einen Rekurs beim Erziehungsrat verzichtet, ist mir nicht bekannt.

Stört es Sie nicht, dass in einigen Schulen Kopftücher zugelassen sind, in andern nicht?
Nein. Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine Schulgemeinde ein Problem anders löst als ihre Nachbargemeinde. Bekleidungsvorschriften gehören in die Autonomie der Gemeinden.

Beim Kopftuch handelt es sich um ein sensibles Thema. Ihre Empfehlung ist eine Wischiwaschi-Lösung.
Es ist kein Novum, dass der Erziehungsrat Empfehlungen gibt. In diesem Fall war das die einzige Möglichkeit.

Das zeigt, dass das Kopftuch nicht mit einer Mütze vergleichbar ist.
Das ist Ihre Meinung.

Als Sie vor drei Jahren als Bildungsdirektor antraten, wollten Sie Ruhe in die reformgeplagte Schule bringen. Mit der Empfehlung haben Sie das Gegenteil bewirkt.
Ich habe überhaupt keine Unruhe gestiftet. Die Empfehlung soll den Gemeinden eine rechtliche Richtschnur sein.

Sind Sie von Ihrer Partei, der SVP, gedrängt worden, in der Kopftuchfrage Profil zu zeigen?
Nein. Ich vertrete grundsätzlich die Linie der SVP. In dieser Frage ging es darum, ein konkretes Problem zu lösen.

Ihr Freund, SVP-Präsident Toni Brunner, hat Ihnen nie gesagt, Sie sollten in der Bildungspolitik endlich klare Akzente setzen?
Ich habe mit ihm vor meiner Wahl und bis zum heutigen Tag nie ein Gespräch über Bildungsfragen geführt.

Müssen Sie sich im Hinblick auf die Wahlen 2012 profilieren?
Keineswegs. Mein Vorgänger Hans Ulrich Stöckling hatte viele Projekte abgeschlossen, einiges aber wurde bewusst nicht mehr an die Hand genommen. Da mussten neue Projekte, wie etwa die Oberstufenreform, zuerst gestartet werden. Die Erarbeitung neuer Modelle braucht Zeit. Ich schiele nicht auf die nächsten Wahlen, sondern tue das, was für die Schule gut ist.

Erstellt: 01.10.2010, 07:24 Uhr

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Er habe «überhaupt keine Unruhe gestiftet», sagt er: Stefan Kölliker, Erziehungsdirektor in St. Gallen.

St. Galler Modell ohne Nachahmer

St. Gallen ist der einzige Kanton, der den Schulgemeinden ein Kopftuchverbot empfiehlt. Bereits gescheitert sind ähnliche Regelungen in anderen Kantonen. In Zürich lehnte der Kantonsrat Anfang Jahr eine entsprechende SVP-Motion ab. Sie hatte eine gesetzliche Grundlage verlangt, um «die Schweizer Wertordnung in der Schule durchsetzen zu können».

Bei der Empfehlung des St. Galler Erziehungsrats handelt es sich um ein generelles «Kopfbedeckungsverbot» – es schliesst das Tragen von Woll- und Baseballmützen mit ein. Schlagzeilen macht derzeit der Fall einer 15-jährigen Muslima in Bad Ragaz. Sie rekurrierte gegen das Verbot bei der Regionalen Schulaufsicht – und bekam recht. Der Gemeindeschulrat verzichtet auf einen Weiterzug. Er hat den Ball an den von Bildungsdirektor Stefan Kölliker präsidierten Erziehungsrat zurückgespielt – mit der Aufforderung, eine für den ganzen Kanton verbindliche Regelung zu erlassen. Davon will der Erziehungsrat aber nichts wissen.

Kölliker hofft, dass andere Kantone das St. Galler Empfehlungsmodell übernehmen werden. Im Vorstand der Erziehungsdirektorenkonferenz blitzte er damit aber ab: «Der Grundtenor war, dass man bei diesem Thema nicht in die Autonomie der Gemeinden eingreifen wolle», sagt Kölliker.

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