Das Luzerner Modell macht zunehmend Schule

Betreuungsgutscheine für Krippenplätze setzen sich durch – Reformen sind bei der Elternunterstützung nötig.

Eltern tragen rund ein Drittel der Betreuungskosten: Spielende Kinder in einer Kinderkrippe.

Eltern tragen rund ein Drittel der Betreuungskosten: Spielende Kinder in einer Kinderkrippe. Bild: Keystone

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Es ist wie im wirklichen (Fami­lien-)Leben: Wer am lautesten schreit, erzeugt nicht unbedingt die nachhaltigste Wirkung, hallt aber zumindest gewaltig in den Ohren nach. So geschehen im eben zu Ende gehenden Abstimmungskampf um den Familienartikel.

Die einen warnen vor Staatskindern, die künftig das Land bevölkern, vor Milliardenkosten, die bei einem Ja zum Bundesbeschluss auf die Schweiz zukommen. Allein der Ausbau der Kindertagesstätten (Kitas) koste die Steuerzahler 3,2 Milliarden Franken. Haben sie recht? Die anderen zeichnen fast kriegerisch an­­mutende Bilder von Kämpfen um freie Krippenplätze, von horrenden Krip­­penkosten, die den Eltern das Zweit­­einkommen vergällen. Kann das sein?

Jein und Jein, lauten die Antworten. Die Wahrheit liegt, einmal mehr, dazwischen. Dies zeigt eine Umfrage der BaZ zur Krippensituation in neun Städten. Eine Annäherung in fünf Schritten.

Entspannung an der Platzfront

Es stimmt, erstens, dass die Zahl der freien Krippenplätze mancherorts rar ist und Eltern lange auf einen Platz warten müssen. Dies trifft vor allem in grösseren Städten sowie bei den vom Staat subventionierten Plätzen zu. Mangelware sind vielerorts auch Angebote für Kleinkinder bis 18 Monate.

Es stimmt aber nicht, dass die Schweiz flächendeckend unter Krippenplatznot leidet. In Zürich geht man aktuell zwar von rund 800 Eltern aus, die auf einen freien, meist subventionierten Platz warten; gleichzeitig vermeldet die Stadt aber rund zwei Prozent freie Plätze. Das sind immerhin rund 140. Der Kanton Bern derweil taxiert sein Angebot als ausreichend, im Thurgau ist die Lage «entspannt» und aus dem Kanton Uri hört man, dass die dortige Krippe «eher gering» ausgelastet ist. «In der Regel findet man immer einen freien Platz», schreibt Domenika Senti, Leiterin Soziale Dienste in Solothurn, in der Antwort auf die BaZ-Umfrage. In Basel, das als Besonderheit einen verfassungsmässigen Anspruch auf eine Tagesbetreuung kennt, bekam 2012 jedes Kind innerhalb der vorgeschriebenen Frist von drei Monaten einen Platz; die durchschnittliche Wartezeit betrug 33 Tage.

Die Entspannung an der Platzfront kommt nicht von ungefähr: In den letzten zehn Jahren hat der Bund den Bau von Krippen kräftig angeschoben. Rund 39 000 Plätze (inklusive Tagesstrukturen an den Schulen) sind so entstanden. Kostenpunkt: 213 Millionen Franken. Das Impulsprogramm läuft noch bis 2015.

Bessere soziale Durchmischung

Die Platzfrage ist, zweitens, eine Tagesfrage. Wer sein Kind am Montag oder Freitag in eine Krippe schicken will, kommt selbst in einer subventionierten Tagesstätte oft ohne Wartezeit unter. Von Dienstag bis Donnerstag hingegen heisst es, frei nach Beckett: «En attendant Kita.»

Die Platzfrage ist, drittens, auch eine Systemfrage. In Gemeinden, die das Objekt, also den Krippenplatz, subventionieren, ist die Situation in der Regel angespannter als in Orten, welche die Eltern unterstützen. Paradebeispiel ist die Stadt Luzern. Hier erhalten die Eltern seit 2009 Betreuungsgutscheine, die sie in den meisten Kitas einlösen können und die für alle Plätze gelten. «Vorher war es ein Glücksspiel, ob man einen subventionierten Platz bekam oder ob man die gesamten Kosten selber tragen musste», blickt Regula Wyrsch, Leiterin der Abteilung «Kinder Jugend Familien» auf die Zeiten zurück, in denen Luzern vier der damals 20 Kitas subventionierte. Das neue System schaffe Rechtsgleichheit und sorge gleichzeitig für eine bessere soziale Durchmischung in den Kitas.

Das Luzerner Modell macht zunehmend Schule. Bern wechselt 2014 zum Gutscheinmodell, in Solothurn wird über einen Systemwechsel diskutiert und in Liestal, das bislang keine Unterstützung der Eltern kennt, ist laut René Frei, Bereichsleiter Sicherheit und Soziales, ein politischer Vorstoss hängig. Auch hier geht es in Richtung Betreuungsgutscheine.

Verfügbares Einkommen sinkt

Bislang nicht über den Röstigraben geschafft hat es das Westschweizer Modell: In den Kantonen Neuenburg, Freiburg und Waadt beteiligen sich die Unternehmen, gesetzlich vorgeschrieben, an den Kosten. Sie alimentieren die Krippen mit einer Abgabe von 0,4 Promille (FR) bis 0,18 Prozent (NE) auf der Lohnsumme. Im Welschland spricht man bereits vom «nouveau contrat social», vom neuen Gesellschaftsvertrag.

Als Föderalismus pur erweisen sich, viertens, die Kosten, welche die Eltern für einen Platz bezahlen müssen. Diese hängen einerseits vom Ort ab; ein Krippenplatz kostet, je nach Gemeinde, zwischen 60 und 150 Franken pro Tag. Zweitens variiert die Unterstützung durch die Gemeinden derart stark, dass zwischen den Beiträgen, welche die Eltern als Unterstützung erhalten, gut und gerne ein Faktor fünf liegt. Als besonders grosszügig erweisen sich in den BaZ-Beispielen die Städte Basel, Zürich und Bern. In Basel variiert der Elternbeitrag, je nach Einkommen, zwischen 300 und 2200 Franken pro Monat. Im Schnitt tragen die Eltern rund einen Drittel der Betreuungskosten.

Empfehlung: Anhebung der Höchstgrenze

Mehr Krippenplätze alleine, dies ein fünfter Befund, erhöhen den Anteil der berufstätigen Mütter nicht per se. Denn oftmals lohnt sich eine Ausweitung des Pensums finanziell nicht. Dafür sogt neben den höheren Betreuungskosten vor allem die Steuerprogression. Eine Studie aus Zürich zeigt, dass sich für eine Familie mit zwei vorschulpflichtigen Kindern die Erwerbstätigkeit bei einem mittleren Einkommen in Zürich bis 160, in Basel bis 180 Prozent lohnt – wobei der Mehrertrag bei einer Ausweitung von 160 auf 180 Prozent bei vernachlässigbaren 100 Franken pro Jahr liegt. Bei höheren Einkommen sinkt das verfügbare Einkommen sogar schon, wenn der eine Vollzeit und der andere mehr als 40 Prozent arbeitet. Zudem gilt: Je mehr Kinder im Vorschulalter, desto geringer der Anreiz, das Erwerbspensum auszuweiten.

Als Gegenmassnahmen empfehlen die drei Studienautoren eine Anhebung der Höchstgrenze für den steuerlichen Abzug, eine «genügend hohe» Mitfinanzierung an den Betreuungskosten durch die öffentliche Hand sowie höhere Geschwisterrabatte. Basel geht bei Letzterem mit gutem Beispiel voran. Ab 1. März wird der Geschwisterbonus von 15 auf 25 bei zwei und von 25 auf 35 Prozent bei drei und mehr Kindern erhöht.

Senken lassen sich aber auch die Kosten, die den Kitas entstehen und die sie, wenig verwunderlich, auf die Eltern überwälzen. Zu rigide Bau- und Betriebsauflagen verteuern heute die Kitas stark. So schreibt beispielsweise der Kanton Zürich geschlechtergetrennte WCs für Kinder ab vier Jahren vor. Mit Verlaub : Fürwahr, «en Seich». (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.02.2013, 10:03 Uhr

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