Das Motiv, der verdächtige Umbau, warnende Stimmen

Die bristantesten Punkte aus dem 200-seitigen Bericht zur Postauto-Affäre im Überblick.

Ein Postauto fährt im zürcherischen Rorbas über die Töss. Foto: Reto Oeschger

Ein Postauto fährt im zürcherischen Rorbas über die Töss. Foto: Reto Oeschger

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Der Satz bleibt in Erinnerung: «In einer Ecke von Postauto», sagte Susanne Ruoff im Februar, «ist etwas Unrechtes geschehen.» Am Sonntag hat sie ihren Rücktritt bekannt gegeben – und gestern erschien der Bericht, der den Ausschlag zum Abgang der Postchefin gab. Er zeigt, wie unzutreffend Susanne Ruoffs Aussage war.

«Die unrechtmässigen Buchungen bei Postauto» seien «einem Personenkreis von beträchtlicher Grösse bekannt gewesen», heisst es im Gutachten der drei externen Experten, welche die Post zur Aufarbeitung des Postauto-Skandals herbeigezogen hat. Ihr Gutachten basiert auf einem mehr als 200-seitigen Bericht der Anwaltskanzlei Kellerhals Carrard und der Wirtschaftsprüfer von EY, der ebenfalls gestern publiziert wurde.

Das Gutachten und der Bericht fördern ein «kollektives menschliches Versagen» zutage. Da gab es interne Revi­sorinnen, die nicht gehört wurden. Eine externe Revisionsstelle, die nicht eingriff. Einen kompletten Umbau des Konzerns, nur um die manipulierten Gewinne zu legalisieren. Und eine Führungsetage, die bei alldem keine kritischen Fragen stellte.

Mit strukturierten Anpassungen wollte man die Gewinne legalisieren.

Das Motiv: Laut Bericht ging es bei den Falschbuchungen anfänglich auch darum, unterschiedlich hohe Margen in verschiedenen Regionen zu glätten. Sehr hohe Margen erzielte Postauto in Graubünden, im Wallis und in der Westschweiz. Das heisst: Diese Regionen zahlten viel zu viel.

«Gleichzeitig dürften diese Buchungen aber von Anfang an auch ein Instrument der Gewinnsicherung gewesen sein», heisst es im Bericht. Dass der regionale Personenverkehr im Grunde keine nennenswerten Gewinne abwerfen darf, wurde ignoriert: «Es scheint, als hätte die lange Praxis bei Postauto dazu geführt, dass von keiner Seite mehr die Rechtmässigkeit der Buchungen ernsthaft infrage gestellt wurde», heisst es im Bericht.

Video – Postauto-Geschäftsleitung freigestellt

Die Geschäftsleitung der Postauto AG muss nach dem Buchungsskandal gehen. (Video: SDA)

Ein Zielkonflikt? Daniel Landolf war der starke Mann bei Postauto. Er weist mehrfach auf «divergierende Ziele» hin, wie der Bericht zeigt. So zum Beispiel an einer Sitzung am 8. September 2011. Anwesend waren auch Leute vom Verkehrsdepartement sowie Jürg Bucher und Peter Hasler, Postchef und damaliger Verwaltungsratspräsident. Landolf sagt, die Kantone und das Bundesamt für Verkehr (BAV) verträten die Ansicht, dass es nicht mehr zulässig sei, dass Postauto Gewinne generiere. Gleichzeitig fordere der Bundesrat von der Post die Sicherung respektive Steigerung des Unternehmenswertes.

Nach der Sitzung verfasst Landolf eine E-Mail an die Postauto-Geschäftsleitung: Das Verkehrsdepartement habe sich wie erwartet nicht materiell zur Situation geäussert, schreibt er. Klar sei hingegen die Haltung der Post: Man müsse Gewinne erzielen, um in die Zukunft investieren zu können.

An einer Sitzung am 26. November 2012, an der auch Ruoff anwesend ist, ist der Zielkonflikt erneut Thema. Festgehalten wird diesmal: «Für den Bund gilt im öffentlichen Verkehr eine branchenübliche Rendite von null.» Damit wäre der Druck bei Postauto, Gewinne zu erzielen, eigentlich eliminiert. «Die komplizierte, aufwendige und widerrechtliche Buchungspraxis hätte sich damit erübrigt», heisst es im Bericht. Abgeschafft wird das System dennoch nicht.

Bildstrecke: Postchefin tritt zurück

Warnende Stimmen: 2013 stossen interne Revisorinnen der Post auf die Umbuchungspraxis. Am 21. August 2013 verfassen sie eine Aktennotiz, in der sie darauf hinweisen. Die Notiz geht unter anderem an Verwaltungsratspräsident Peter Hasler, an die Verwaltungsräte Adriano P. Vassalli und Susanne Blank, an Susanne Ruoff und an Finanzchef Pascal Koradi. Es geschieht nichts. Der Verwaltungsratsausschuss Audit?&?Risk kommt zum Schluss: «Kein Handlungsbedarf.»

Brisant: Die interne Revisorin, welche die Aktennotiz verfasste, wurde unterdessen freigestellt. Verwaltungsrat Vassalli, an den sie rapportierte, kann hingegen geordnet zurücktreten. Und Koradi ist weiterhin Chef der Aargauischen Kantonalbank. Die früheren Postverantwortlichen, darunter Koradi, aber auch die Ex-Chefs Ulrich Gygi und Jürg Bucher, müssen dennoch Konsequenzen fürchten: Das Strafverfahren des Bundesamts für Polizei (Fedpol) zur Postauto-Affäre läuft noch.

Auf die Missstände aufmerksam gemacht hat auch der Preisüberwacher. Bereits 2012 wundert er sich in einem Schreiben an den Postauto-Chef darüber, dass «ein abgeltungsberechtigter Betrieb des öffentlichen Verkehrs wiederholt derart hohe Gewinne schreibt und unvermindert Abgeltungen von der öffentlichen Hand einkassiert». Nachdem er keine befriedigende Antwort erhält, wendet er sich im Dezember 2012 an Ruoff. Im März 2013 kommt es zu einem Treffen zwischen Postauto, BAV und Preisüberwacher. Das BAV fasst offenbar den Auftrag, die Gewinnherkunft und die restlichen Fragen des Preisüberwachers zu klären. Das Amt, das den Skandal später aufdecken wird, lässt die Angelegenheit damals auf sich beruhen.

Das letzte Interview als Post-Chefin: Susanne Ruoff in der Sendung «ECO» am Donnerstag. (7. Juni 2018) Video: SRF

Untätige Revision: Seit der Gründung von Postauto ist KPMG deren Revisionsstelle. Dem Unternehmen könne keine Pflichtverletzung nachgewiesen werden, heisst es im Bericht. Gleichzeitig müsse aber hervorgehoben werden, dass KPMG als Revisionsstelle wie auch in ihrer Beratungstätigkeit für die Post «den Durchblick über die Buchungspraxis gehabt haben muss». Reagiert hat das Unternehmen aber nicht.

Verdächtiger Umbau: Seit dem 1. Januar 2016 ist die Post als Holding organisiert. Bei dem Umbau des Konzerns ging es offenbar ausschliesslich darum, die Gewinne von Postauto zu sichern. So hiess das Umbauprojekt ursprünglich auch «Value Save», bevor es schliesslich in «Impresa» umgetauft wurde. «Das Projekt ‹Impresa› hatte keine betriebswirtschaftliche Legitimität», heisst es im Bericht. Und weiter: «Mit strukturellen Anpassungen wollte man die manipulierten Gewinne legalisieren. Es ist nicht verständlich, dass diese offensichtliche Motivation hinter diesem Projekt innerhalb der Konzernleitung nicht durchschaut und seriös hinterfragt wurde.» Der Umbau soll nun rückgängig gemacht werden, wie Post-Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller gestern ankündigte.

Einige besonders heikle Passagen wie «Kenntnis des Gesamtverwaltungsrates» wurden in dem Bericht zensiert. Der Grund: Wegen des Fedpol-Verfahrens hätten keine Befragungen der Personen durchgeführt werden können, sagte Schwaller.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2018, 07:17 Uhr

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