Das Pendler-Experiment von Coop ist gescheitert

Coop wollte die Angestellten für Fahrgemeinschaften gewinnen. Doch das Interesse sei zu gering, sagt der Konzern. Dieser hätte intensiver werben müssen, meint ein Experte.

In Autos von Pendlern sitzen in der Schweiz durchschnittlich 1,12 Personen: Stau auf der A1.

In Autos von Pendlern sitzen in der Schweiz durchschnittlich 1,12 Personen: Stau auf der A1. Bild: Keystone

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Die Voraussetzungen sind ideal. In einem Schichtbetrieb beginnen und beenden die Arbeitnehmer ihr Tageswerk in der Regel zu fest definierten Zeiten. Anders als Berufsleute mit flexibler Arbeitseinteilung und unregelmässigen Einsätzen können Schichtarbeiter vergleichsweise leicht Gruppen bilden und mit dem Auto zusammen zur Arbeit und wieder nach Hause fahren – vorausgesetzt, sie wollen. Doch sie wollen nicht. Zu diesem Schluss kommt zumindest Coop.

Der Grossverteiler hat in seiner Einkaufs- und Verteilzentrale in Wangen bei Olten getestet, ob sich das Personal dazu animieren lässt, Fahrgemeinschaften zu bilden und diese zu pflegen. Im letzten Herbst startete er dazu eine Umfrage unter den 900 Mitarbeitern in Verwaltung und Logistik. 100 haben daran teilgenommen, davon hat gemäss Coop jeder Vierte Interesse bekundet. Wie sich nun zeigt, sind selbst aus diesem kleinen Kreis keine Fahrgemeinschaften entstanden. Coop bedauert das eigenen Angaben gemäss, zeigt sich aber nicht weiter überrascht: «Wir haben damit gerechnet, dass die Umsetzung schwierig sein dürfte», sagt Sprecher Ramón Gander.

Das Experiment gilt somit als gescheitert. Verkehrsexperten sprechen von einem herben Rückschlag, denn Fahrgemeinschaften gelten als ökologisch und ökonomisch sinnvolles Modell, um den Stau auf den Strassen und die Umweltbelastung zu verringern. Das Potenzial ist beträchtlich: Gemäss der jüngsten Verkehrsbefragung des Bundes (2010) ist ein Pendlerauto im Schnitt bloss mit 1,12 Personen besetzt – deutlich weniger als bei Freizeitfahrten (1,99) oder Fahrten für Einkäufe (1,64). Über alle Fahrkategorien betrachtet, liegt der Wert bei 1,6 Personen pro Fahrzeug. Vor 20 Jahren waren die Autos besser ausgelastet, wenn auch nur geringfügig.

Auch in Bern kein Erfolg

Dass die Bereitschaft für Fahrgemeinschaften gering ist, überrascht auch Klaus Zweibrücken von der Hochschule für Technik Rapperswil nicht. Er verweist auf einen wissenschaftlich begleiteten Pilotversuch mit dem Mitfahr­system Carlos, der zwischen 2002 und 2005 in der Region Bern gelaufen ist. An elf installierten Stationen – Säulen von drei Meter Höhe – konnte man nach dem Einwurf von zwei Franken und mittels Touchscreen das Fahrziel auswählen. Daraufhin erschien die Ortsangabe auf einer grossen Leuchtanzeige – eine Aufforderung an die Autofahrer, den ­Wartenden mitzunehmen. Das System funktionierte zwar, aber mit beschei­denen Frequenzen. Statt der erhofften 90 Mitfahrten pro Tag kamen nur etwas mehr als 5 zustande. Für solche Systeme, lautete damals das Fazit, brauche es noch eine «wesentliche Gesinnungsänderung».

Strittig ist, inwieweit auch die Arbeitgeber eine Mitschuld am ausbleibenden Erfolg der Fahrgemeinschaften tragen. Im Fall von Coop wird Kritik laut. Der Berner Mobilitätsexperte Franz Mühle­thaler hat die Umfrage mit Coop mitgeplant. Und dabei aufgezeigt, wie sich das Personal über Anreize für Fahrgemeinschaften gewinnen liesse, etwa mit bevorzugten Parkplätzen am Arbeitsort. Coop habe aber die Vorschläge praktisch durchwegs abgelehnt, sagt Mühlethaler.

Zudem habe Coop bei den Mitarbeitern zu wenig darauf insistiert, am Experiment teilzunehmen. «Wir können daher nicht zuverlässig sagen, wie gross der Erfolg wäre, wenn sich das Management für Fahrgemeinschaften tatsächlich einsetzen und optimale Bedingungen für die Einführung schaffen würde.» Mühlethaler kann nicht nachvollziehen, warum Coop den Aufwand betrieben und das Projekt öffentlich angekündigt hat, «ohne sich intern entsprechend zu engagieren».

Coop verwahrt sich gegen die Vorwürfe. So hätten die Verantwortlichen die Mitarbeiter auf die Vorzüge des Systems hingewiesen, etwa, dass Fahrgemeinschaften den Ausstoss von Treibhausgasen mindern würden. «Wir wollen unseren Mitarbeitenden aber nicht vorschreiben, wie sie zur Arbeit kommen sollen», sagt Sprecher Gander. Für Coop ist es deshalb nicht infrage gekommen, die Mitarbeiter explizit aufzufordern, den Fragebogen auszufüllen. Auch von einer Erinnerungs-E-Mail an die ­Belegschaft hat Coop abgesehen.

Grosse Einsparungen möglich

Wie viele Fahrkilometer sich dank Fahrgemeinschaften allein schon in einem Unternehmen einsparen liessen, zeigt sich exemplarisch bei Coop. Mühlethaler hat 90 Standorte des Grossverteilers mit rund 16'000 Mitarbeitern ausgewertet. Bilden nur schon 10 Prozent davon Fahrgemeinschaften, schrumpfen die von ­ihnen gefahrenen Kilometer um 21 Prozent. Sind es neun von zehn Mitarbeitern, beträgt der Wert gar 45 Prozent. Unter der Annahme, dass die durchschnittliche Fahrdistanz für den Hin- und Rückweg 44 Kilometer beträgt, ­ergibt dies insgesamt 285'000 eingesparte Kilometer – das entspricht sieben Erdumrundungen.

Erstellt: 23.04.2014, 02:18 Uhr

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